Ausgabe 
(14.9.1894) 75
Seite
577
 
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Augsburger Postzeitung".

75. Ireitag, den 14 . September 1894.

Für dir Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg lBorbesttzer Dr. Max Huttler ).

Der Organist.

Novelle von C. Borges.

(Fortsetzung.)

Die reiche Besitzung des alten Lord Merlin lagim südlichen England . DaS stolze, schloßartige Gebäudehatte schon oft das Auge manches fremden Beschauersentzückt und die sorgfältig gepflegten, weitausgcdehntenParkanlagen erregten die Bewunderung der ganzenUmgegend. Alles was Menschenkunst und Geschicklich-keit vermochten, dieses herrliche Stückchen Erde in einParadies umzuwandeln, war geschehen; denn der alteHerr scheute keine Kosten, wenn es galt, etwas zur Ver-schönerung seiner Besitzung beizutragen.

Aber glücklich war der Eigenthümer nicht zu nennen,als er jetzt in heftiger Fieberhitze, in einem luxuriösausgestatteten Gemach, sich unruhig in seinen seidenenKissen hin und her wälzte.

Neben seinem Lager stand Dr. Feller; sein Antlitzwar sehr ernst und fast rathlos blickte er im Zimmerumher.

Ich weiß kaum, wie es noch werden soll," wandteer sich im Flüstertöne an die alte Verwalterin, die beidem Kranken Wache hielt.Dieses Fieber greift mitaller Gewalt um sich; kein Hans im nahen Dorfe undin der nächsten Umgebung ist verschont; die Epidemierafft täglich Opfer dahin und eS ist nicht mehr möglicheine Pflegerin zu bekommen. Ich kann mich doch aufSie verlassen, Frau Brunn, Sie bleiben doch überNacht hier auf ihrem Posten?"

Die Angeredete gab gern das Versprechen und derArzt verließ seinen Patienten. In der Halle tratder im Dienst ergraute Portier auf ihn zu.

Herr Doktor, der junge Herr ist soeben ange-kommen; er ist hier im Salon; er wünscht mit Ihnenzu sprechen!"

Herr Franz?" fragt der Arzt freudig überrascht.

Natürlich! Wer sollte es auch anders sein?"

Ohne ein Wort der Erwiderung eilte der Arzt indas bezeichnete Gemach und streckte dem Jüngling beideHände entgegen.

Willkommen Herr Franz willkommen in deralten Heimath," rief der Doktor freudig aus.Siekommen gerade zur rechten Zeit; denn wir bedürfenIhrer Hülfe."

Ich danke Ihnen, Herr Doktor, es ist mir eineFreude, daß mich Jemand willkommen heißt. Aber

wie steht's mit meinem Onkel? Mein Vetter telegraphirtemir von seiner Krankheit."

Es geht ihm leider schlecht genug. Das Scharlach-fieber ist ausgebrochen und jetzt die ungünstigste Jahres-zeit; dabei der dichte Londoner Nebel, sodaß die Leutein großer Zahl dahingerafft werden. Hier im Schlossehaben die Leute alle den Kopf verloren; die vielenneuen Dienstboten sind bei den ersten Krankheitser-scheinungen fortgegangen, die alten waren von derneuen Herrin entlassen. Sie liegt jetzt auch fast ganz! ohne Pflege, nur eine junge französische Zofe ist beiihr, aber auch diese hat schon gedacht, morgen abzu-reisen."

Wer pflegt denn meinen Onkel?" fragte derNeffe besorgt.

Die alte Verwalterin, Frau Brunn, ist bei ihm.Sie und der alte Portier sind allein noch übrig gebliebenvon der alten Dienerschaft; sie helfen nach besten Kräften."

Ist Lady Merlin denn auch erkrankt?"

Gewiß, sogar sehr gefährlich; ihr Zustand ist nachmenschlicher Ueberzeugung hoffnungslos. Aber Franz,mein lieber junger Freund, ich freue mich, daß Sie hiersind; ich habe Sie ja schon als ein kleines Kind gekannt.Doch jetzt muß ich fort; ich habe viel im Dorfe zuthun. Aber hüten Sie sich, daß Sie nicht auch krankwerden."

Ich kann mich der Gefahr der Ansteckung nichtentziehen, Herr Doktor, und muß dann die Folgentragen. Jetzt will ich meinen Onkel Pflegen, denn erbedarf meiner Hülfe."

Sie verstehen aber gar nichts von Krankenpflege,"wandte der Arzt besorgt ein.

Mein Herz wird mich lehren, was ich machen soll,und jedenfalls thue ich nach besten Kräften. Aberwollen Sie mir nicht einige Winke geben?"

Der Arzt besann sich einen kurzen Augenblick.

Kommen Sie schnell mit mir," entschied er dannund kehrte mit dem jungen Herrn in's Krankenzimmerzurück. Frau Brunn konnte kaum ihre Freude beidiesem unerwarteten Besuch verbergen, und ihre Augenfüllten sich mit Thränen, als sie hörte, daß der jungeHerr die Pflege des Oheims von jetzt an selbst über-nehmen werde. Er war in früheren Jahren stets derLiebling des Hauses gewesen und seine Verbannungaus dem Schlosse hatte das Herz der treuen Dienerinmit Wehmuth erfüllt.