Ausgabe 
(14.9.1894) 75
Seite
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Während der folgenden Nacht wich der Neffe keinenAugenblick vorn Bette des Kranken, obgleich er nachder langen Reise selbst nothwendig der Ruhe bedurfte.Der Patient lag noch immer in wilden Fieberphanta-sien; eS war die Krisis und nach der Aussage desArztes mutzte bald ein Wendepunkt eintreten. GegenMorgen wurde der Kranke ruhiger und bald fiel er ineinen ruhigen, erquickenden Schlummer.

Franz Burgfeld oder vielmehr Franz Merlin,wie er sich wieder nannte, seitdem er wieder England'SBoden betreten hatte, wagte kaum zu athmen, ausFurcht, den geliebten Kranken zu stören.

Als der gute Doktor am nächsten Tag wieder indas Krankenzimmer trat, kniete der Neffe am Bettedes alten Herrn, der zu neuem Leben erwacht undsegnend die Hand auf dem Haupte des Jünglingsruhen ließ. Leise und unbemerkt zog sich der Arzt zurück;er wußte, daß die Gegenwart des Neffen dem Patientendie beste Genesung bringen würde.

7. Kapitel.

Martha Härtung ging im Hause ihres Vaters un-ruhig umher. Nirgends fand sie Ruhe; keine Arbeitkonnte sie zerstreuen oder ihre Gedanken fesselrr. Ver-gebens durchsuchte sie den ganzen Garten in der Hoff-nung, ein sicheres, verborgenes Versteck zu finden, demein Brieschen von ihrem Geliebten anvertraut war. Siewußte nicht, was sie von seinem unerklärlichen Schweigendenken sollte und zermarterte ihren armen Kopf mitallerlei erdenklichen Möglichkeiten. So war es denn keinWunder, daß ihre Wangen immer schmäler und bleicher,ihr Gang und ihre Haltung schleppender wurde undder Vater mit seiner Gemahlin ernstlich Rücksprachenahm, ob es nicht besser sei, das Töchterlein zu Ver-wandten auf's Land zu schicken.

Doch diesem Plane fetzte die junge Dame energischenWiderstand entgegen. Der Gedanke, jetzt die Stadt zuverlassen, solange sie über das Geschick ihres Geliebtenvollständig in Ungewißheit war, schien ihr schlimmerzu sein, als der Tod. Darum überredete sie die Eltern,es sei nicht der geringste Grund zur Besorgnitz vor-handen und sie fühle sich frisch und gesund. Wenigzufrieden mit dieser Versicherung fragte die besorgteMutter ihre älteste Tochter Marie um ihren Rath.Diese erkannte allein den Grund der traurigen Verän-derung, hütete sich aber wohl, davon zu reden und schlugAufheiterung und Zerstreuung vor.

Die zärtliche Mutter befolgte gern den Rath ihrererfahrenen, verständigen Tochter. Sie beeilte sich, Martha'sFreundinnen und einige bekannte junge Herrn zu einerkleinen Festlichkeit zu laden, zu der auch FräuleinWillford und der Organist hinzugezogen werden sollten.Wie man es vermuthet hatte, traf es ein. Die jungeDame nahm die Einladung an; der Organist hingegenhatte wie gewöhnlich für derartige Zerstreuungen keine Zeit.

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Eine kleine heitere Gesellschaft war in Frau Dr.Hartung's Empfangszimmer versammelt, und ihr leb-haftes Geplauder drang hinüber zu der entlegenenFensternische, in der Martha mit Thränen in den Augeneinsam dastand und theiluahmslos dem bunten Getriebezuschaute.

Da weckte eine wohlbekannte Stimme sie plötzlichaus ihrem trüben Sinnen und Helene Willford legte

sanft ihre Hand auf den Arm der bekümmerten Freun-din. Sie führte die Willenlose i» die Einsamkeit desgroßen, wohlgepfiegten Gartens und sprach tröstend aufsie ein.

Ich glaube Martha," sagte sie in vertrauener-weckendem Tone,Du hast etwas auf dem Herzen,was Dich drückt. Ist es Dir nicht eine Erleichterung,Dich auszusprecheu?"

Martha zögerte. Helene war die Einzige unterihren vielen Freundinnen, der sie vollkommen vertrauteund seit längerer Zeit stand sie mit ihr in innigemVerkehr.

Ich errathe vielleicht Deinen Kummer, oder bessergesagt, ich weiß gewiß mehr davon, wie Du ahnst,"fuhr Helene leise flüsternd fort.

Die Freundin erschrak. Sie erinnerte sich desTages im Restaurant; der Organist hatte zweifellosihre Unterredung mit Franz Burgfeld angehört unddann mit der Schwester darüber gesprochen. Nun, eSkonnte ihr im Grunde ihrer Seele nur lieb sein; dennes war ihr zum Bedürfniß geworden, ihr übervollesHerz auszuschütten, und wem konnte sie größeres Ver-trauen schenken als ihrer teilnehmenden Freundin?"

In wenigen Worten erzählte Martha ihr Geheim-niß. Sie habe sich heimlich mit dem früheren Organistenverlobt, ihm Liebe und Treue geschworen, und jetztkönne sie sich sein Schweigen nicht erklären. Helenehatte den wahren Sachverhalt längst geahnt und ver-stand es, die weinende Freundin zu trösten.

Nun höre, was ich Dir sage," begann sie, alsMartha ihre Erzählung beendet hatte.Dein geliebterFranz ist weder todt noch verschollen, was Du anzu-nehmen scheinst. Ich hatte ihn vor kurzer Zeit selbstgesehen; er war auf dem Bahnhof und benutzte denSchnellzug nach der Hafenstadt. Gewiß ist er jetzt inEngland ."

In England ?" wiederholte Martha erstaunt, dennsie hatte absichtlich weder den rechtmäßigen Namennoch die Heimath ihres Geliebten genannt.Woherweißt Du denn, daß er nach England wollte?"

Helene lachte.Ich vermuthe es," entgegnete sieheiier,wir waren früher Gutsnachbarn und ich habeihn sogleich wieder erkannt."

Aber warum schreibt er mir nicht einige Zeilen!Er muß doch wissen, wie sehr ich mich nach Nachrichtsehne," klagte Martha.

Wie soll er denn die Adresse schreiben? Er kaundoch unmöglich eine Bemerkung für den Briefbotenmachen, daß er den Brief dem sichersten Platze im Gartenanvertraut. Würde aber hier im Hause ein Brief fürDich aus England abgegeben, so müßte das Aufsehenerregen."

Er hätte mir vor seiner Abreise schreiben müssen",beharrte Martha, die immer größeres Vertrauen zu ihrerFreundin faßte.

Das ist auch meine Ansicht, wiewohl es immerhinmöglich ist, daß er Dir geschrieben hat. Vielleicht istder Brief unterschlagen oder er liegt noch in einemsicheren Versteck im Garten verborgen und Du hastihn noch nicht gefunden. Kannst Du Dich auf die Dienst-boten verlassen?"

Ja. Sie sind mir alle zugethan und würden mirden Brief gegeben haben, wenn er im Hause abgegebenwäre."

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