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„Nun gut, dann will ich Dir sagen, was wir thunwollen, oder vielmehr, was ich thun will. Dein Franzlebt doch im südlichen England ?«
„Ja. Ganz in der Nähe von Beading.«
„Gut. Ich habe dort in der Umgegend noch vieleFreunde, die sollen sich nach ihm erkundigen und mirrecht bald Nachricht geben.«
Martha lächelte freudig. Die Unterhaltung mitder Freundin hatte sie mit neuer Hoffnung belebt.
„Frage nicht nach dem Namen „Burgfeld«, das istder Name seiner Mutter. Er heißt „Merlin",« flüsterteMartha der Freundin zu.
„Ich weiß es,« nickte diese, und beide Mädchenkehrten zu der Gesellschaft zurück.
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Wenige Tage nach dieser Unterredung verließ HeleneWillford in tiefe Gedanken versunken die Nosenvilla undschlug die Richtung nach Dr. .Hartung's Wohnung ein.Ihr liebliches Antlitz war heute ungewöhnlich ernst, undihre Augen waren vorn Weinen geröthet. Sie hatte dielang ersehnte Nachricht aus England erhalten, aber diesewar so sehr betrübend, daß sie fast verzagte bei demGedanken, sie der Freundin mitzutheilen. Franz Merlinwar gefährlich erkrankt, sein Zustand so gut wie hoff-nungslos. Das heimtückische Fieber hatte fast kein Hausverschont, und über Arme und Reiche, Jünglinge undGreise senkte der Tod erbarmungslos seine Fackel.
Helene selbst betrauerte den Tod eines Mannes,den sie hoch geachtet hatte. Sein Herz hatte für siegeschlagen; er hatte ihr mit seiner Hand Reichthumund irdisches Glück angeboten, aber sie konnte seineLiebe nicht erwidern und war viel zu edel und auf-richtig, um eine Ehe ohne Liebe einzugehen. Jetzthatte sie die Nachricht von dem Tode des Eanadierserhalten, und mit tiefem Weh im Herzen gedachte sieder letzten einsamen Tagen des alten ehrlichen Mannes.
„Ist Fräulein Martha zu Hause?" fragte Helenedas Hausmädchen, als sie ihr Ziel erreicht hatte.
„Ja. Bitte, treten Sie-«
Doch ehe das Dienstmädchen vollenden konnte, kamMarie aus dem Wohnzimmer. Die innige Freundschaftder Schwester mit der Klavierlehrerin mißfiel ihr, undsie wollte die Beiden so viel wie möglich von einanderfern halten.
„Wie geht es Ihnen, Fräulein Willford?« begannsie mit erheuchelter Freundlichkeit. „Sie wünschen Marthazu sprechen? Geben Sie mir Ihre Botschaft, denn meineSchwester ist verhindert.«
Helene's Wangen färbten sich dunkler. Eine heftigeEntgegnung schwebte auf ihren Lippen, doch um Martha'swillen hielt sie dieselbe zurück; da wandte sie sich andas Hausmädchen, das noch immer wartend im Hinter-grund stand.
„Bitte, sagen Sie Fräulein Martha, daß ich hierbin; wenn sie verhindert ist, mich zu sehen, so erwarteich sie «och heute in der Nosenvilla.«
Schon nach einigen Minuten kam Martha eiligdie Treppe herab; sie faßte Helene's Arm und zog sieeilig in ihr eigenes Zimmer. Sie wurde leichenblaß,und ihre Glieder zittertm, als sie einen besorgten Blickin das erregte Antlitz ihrer Freundin warf.
„Martha, sei ruhig,« beschwichtigte Helene, mitsanfter Gewalt die Freundin in einen Sessel drückend.
„Er ist krank, aber in guten Händen, und es fehlt ihnnicht an treuer Pflege. Um seinetwillen mußt Du ruhigund standhaft bleiben.«
„Krank!? Sage mir Alles. Ich bin stärker wieDu denkst und kann Alles ertragen, nur nicht die Un-gewißheit.«
„So höre. Franz Merlin ging wie ein tapfererHeld auf dem Kampfplatz, um seinen alten Onkel zupflegen, der von allen Freunden verlassen war. Erbekam selbst das Fieber und wird jetzt treu und liebe-voll gepflegt.«
„Scharlachfirberl« war das einzige Wort, dasMartha's bebende Lippen hervorbringen konnten.
„Seit Wochen wüthet diese Epidemie in der ganzenUmgegend und fordert noch immer zahlreiche Opfer",fuhr Helene fort. „Deine Verwandten, die Familie deSDr. Feller, helfen nach besten Kräften bei Arm und Reich,jedoch fehlt es immer noch an ausreichenden Hülfe-leistungen."
„Ich gehe zu meiner Tante, — ich gehe fort undbiete meine schwachen Kräfte an", entschied Martha,von ihrem Sitze aufspringend und sich hoch aufrichtend,dann eilte sie der Thüre zu.
„Aber Martha, so warte doch," flehte die Freundin.„Du darfst solche Gedanken nicht fassen. Die Reise istweit und beschwerlich, und Du bist im fremden Landeganz unerfahren. Was würden Deine Eltern sagen!"
„Ich muß in seiner Nähe sein; ich will helfen, ihnzu pflegen.«
Noch ehe Helene ein weiteres Wort erwidern konnte,hatte Martha das Zimmer verlassen. Sie stand rathloSinmitten des Zimmers. Sie fürchtete für die Freundin,die noch niemals selbstständig eine Reise unternommenhatte. Da kam ihr plötzlich ein glücklicher Gedanke, undeilig und ungesehen verließ sie das Hans.
Ihr nächstes Ziel war das Bureau deS AgentenSchellenbcrg, den sie jetzt seit längerer Zeit nicht mehrgesehen hatte.
Der junge Mann saß wie gewöhnlich vor seinemPulte. Aber es waren heute nicht Berechnungen, dieseine Sinne fesselten; vor ihm ausgebreitet lag eingroßer, weißer Bogen, auf den zahllose größere oderkleinere Mädchenköpfe gezeichnet waren. Alle hattenkurz gelocktes Haar und trugen die gleichen Züge, undunter jedem stand das Wort „Helene" in Blumen- oderZierschrift. Jetzt warf der junge Mann einen zufriedenenBlick auf seine Leistungen; doch plötzlich horchte er auf,er glaubte ein leises Klopfen gehört zu haben. Eilfertigöffnete er die Thür und stand dem Original seinerSkizzen gegenüber.
„Ich wußte, daß Sie heute kommen würden, Fräu-lein Willford; ich hatte eine untrügliche Ahnung IhrerNähe, noch ehe ich Ihr Klopfen hörte," rief er tu freu-diger Uebcrraschung.
Helene beachtete kaum seine enthusiastischen Worte.„ES ist eine ernste Angelegenheit, die mich hierherführt," begann sie in ihrer schlichten Weise, „eine An-gelegenheit, mit der ich Sie nicht belästigen würde,wenn ich nicht von Ihrer Theilnahme für FräuleinMartha Härtung überzeugt wäre.«
„Droht ihr irgend eine Gefahr?«
„Das gerade nicht. Aber Herr Burgfeld, derfrühere Organist, ist nach England zurückgekehrt, umseinen alten Onkel zu Pflegen, Martha-«