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Sie stockte plötzlich. In ihrem Eifer, der Freundineinen wesentlichen Dienst zu leisten, hatte sie ganz ver-gessen, daß sie kein Recht habe, deren Geheimniß aus-zuplaudern.
Aber die nächsten Worte des Agenten überzeugtenfie, daß ihm das Verhältniß der Liebenden nicht un-bekannt sei.
„Ich verstehe," versetzte er. „Sie liebt ihn undwill jetzt mit ihm in Briefwechsel treten."
„Sie will ohne Wissen der Eltern nach England zu ihrer Tante, die ganz in seiner Nähe wohnt, reisen,"fiel die junge Dame hastig ein. „Daß sie heimlichreisen will, mißfällt mir, aber sie weiß sehr gut, daßdie besorgte Mutter niemals ihre Einwilligung gebenwird." Dann wartete sie auf einen Ausruf des Er-staunens, aber vergebens. Im Gegentheil, der Agentnickte beifällig, als ob er dieses Resultat erwartet habe.
„Ich komme soeben von ihrem Hause," fuhr Heleneunbeirrt fort, „und Martha läßt sich von ihrem Vor-haben nicht abbringen, aber sie ahnt gar nicht dieSchwierigkeiten einer so weiten Reise! Da dachte ich,— wenn ein Freund ihr heute Abend auf dem Bahn-höfe behülflich wäre, vielleicht findet sich ein Mitrei-sender, sie wäre dann wenigstens nicht ganz allein.Ich würde selbst gehen, aber da sie den Nachtzugbenutzt, wage ich nicht, so spät allein auszugehen."
„Gewiß nicht! Sie dürfen gar nicht daran denken.Es wird mir eine Freude sein, Ihnen diesen Dienstzu erweisen. Der Schaffner soll mir versprechen, fürsie zu sorgen; auch soll er ihr am Hafen behülflichsein. Es ist gerade jetzt die beste Reisezeit, und dawäre es doch ein Wunder, wenn ich nicht Bekannteauf dem Bahnsteig anträfe, die sich der jungen Damegern annehmen würden.
Helene erhob sich. Sie freute sich, daß ihre Freun-din nicht ganz verlassen abreisen sollte.
„Ich werde morgen Abend zu Ihnen kommen, umIhnen zu sagen, wie es Ihrer Freundin ergangen ist.Sie sind den ganzen Tag in Anspruch genommen, sonstsollten Sie nicht so lange auf Nachricht warten."
„Morgen bin ich verhindert", warf Helene ein, „ichmuß Sie also bitten, noch einen Tag länger mit ihremBesuche zu warten. Aber ich möchte doch gern wissen,ob Martha den rechten Zug benutzt hat."
„Gehen Sie nicht morgen um 3 Uhr zu FrauGrüner, oder irre ich mich? Würden Sie mir zürnen,wenn ich Ihnen auf dem Wege begegnete?"
Helene erröthete. Sie wollte den jungen Mannnicht gern ermuthigen, aber was sollte Sie thun, umGewißheit über die Abreise der Freundin zu haben?
„Nur für dieses eine Mal", versetzte sie deshalbzögernd, „aber es darf nie wieder geschehen; ich liebederartige Begegnungen nicht."
Der junge Mann verneigte sich. Die kühlen Wortehatten ihn empfindlich verletzt, und auch Helene verließdas Bureau mit dem unbestimmten Gedanken, daß heuteihr richtiges Gefühl sie irre geleitet habe.
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Dr. Härtung faß auf seinem gewöhnlichen Platzam Frühstückstisch. Unmuthig schaute er auf den leerenPlatz an seiner Seite, den sein Liebling noch stets vorihm eingenommen hatte.
„Wo ist Martha?" wandte er sich an feine Gattin.
„Ich weiß es nicht. Hedwig, willst Du nicht herauf-gehen und zusehen, weshalb Martha heute noch nichthier ist?"
Die also Angeredete blickte wehmüthig auf ihreTasse dampfenden Kaffee's, doch gehorsam erhob sie sichund verließ das Zimmer. Schon nach wenigen Minutenkehrte sie athemlos und in größter Erregung zurück.
„Papa! Papa!" rief sie, bestürzt auf der Schwellestehen bleibend. „Martha ist nirgends zu finden; ihrBett steht unberührt — sie ist fort!"
Der Arzt sah betroffen im Zimmer umher: keinWort kam über seine festzusammengepreßten Lippen. DieMutter und Marie stürzten schnell in Martha's Zimmer,um sich zu überzeugen, ob Hedwig's Aussage sich be-stätigte. Auch die Dienstboten eilten bei dieser Nachrichtschreckensbleich herbei.
Die arme Mutter kehrte bald mit thränenüberströmtemAntlitz zu ihrem Gatten zurück. Sie gab ihm einBriefchen, welches sie auf. dem Schreibtisch ihrer jüngstenTochter gefunden hatte.
Noch immer saß der alte Herr regungslos da;keine Miene in seinem finstern Antlitz verrieth seine Er-regung. Hastig ergriff er den Brief, und mit bebenderStimme las er:
„Meine geliebten Eltern!
„Ehe Ihr dieses Briefchen findet, bin ich zu weit„von Euch getrennt, um mich einholen oder mir nach-weisen zu können. Wenn Ihr auch den Versuch machen„wolltet, mich zur Rückkehr zu bestimmen, so würde es„doch nutzlos sein, denn ich reise nach England zu„meiner Tante."
Der Arzt ließ das Schreiben fallen; sein Antlitzwar aschfahl geworden, und seine Lippen zuckten. Dochschnell ermannte er sich und las in derselben ruhigenWeise weiter:
„Zürnt mir nicht, geliebte Eltern, wenn ich Euch„sage, daß ich mich vor einigen Wochen mit Franz Burgfeld„— diesen Namen trug er hier —, dem früheren Or-ganisten, verlobt habe. Ich weiß jetzt, daß es ein„Unrecht war, diesen Schritt ohne Eure Erlaubniß und„ohne Euer Wissen zu thun, aber ich liebte ihn zu sehr.„Meine Strafe folgt schon jetzt; denn mein geliebter„Franz ist im Hause seines Onkels am Scharlachfieber„gefährlich erkrankt, und ich gehe jetzt hin, um ihn ge-„meinschaftlich mit meiner Tante Pflegen zu helfen. Du„hast Franz in Deinem Hause nie gern gesehen, mein„geliebter Vater, hauptsächlich weil er seiner Stellung„nicht genügte und die übernommenen Pflichten nicht„erfüllen konnte. Daher wagte er auch nicht, offen vor„Dich zu treten, um meine Hand zu erbitten, ehe„er mir eine gesicherte Existenz bieten konnte. Aber„wenn Du ihn erst genauer kennst, dann wirst Du mir„wieder vergeben und wieder mit Liebe Herabblicken auf„Deine unglückliche Tochter Martha."
Schweigend gab der Arzt seiner Gattin den Briefzurück; dann nahm er seinen gewohnten Platz am Früh-stückstisch wieder ein. Er war plötzlich ein lebensmüderGreis geworden; diese unerwartete Nachricht hatte ihnwie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen und ihnum 10 Jahre älter gemacht. Schluchzend verließ dieMutter das Zimmer, gefolgt von Marie, die sich heutezum ersten Male Gewissensbisse machte, den Brief derSchwester gelesen und vernichtet zu haben.
Groß war das Erstaunen, als mit Windesschnelle