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Nadelstichen auch bisweilen der Humor im Stich zulassen, — eine gute Laune hilft über Manches fort undist der beste Blitzableiter bei so manchem häuslichen undandern Uugewitter. —
„Nur wer sich recht des Lebens freut,
Trügt leichter, was es Schlimmes beut!"
lehrt ja der erfahrene, Weltweise Doktor Humor, der mitnachsichtigem Lächeln herabblickt auf die vielen kleinenThorheiten und thörichten Kleinlichkeiten dieser Welt, undder nicht nur, wenn man vertrauensvoll sich an ihnwendet, der beste Helfer und Tröster in der Noth undPlage täglicher und alltäglicher Misere ist, sondern auchder beliebteste Hausgenosse und Gesellschafter zu sein pflegt,dessen gute Eigenschaften zu den menschlich liebenswür-digsten gehören, und der oft sogar es fertig bringt, selbstder steifleinensten Etiquette, dem langweiligsten Cere-monien ein Schnippchen zu schlagen. Denn steifer Zwangläßt — hemmend und eindämmend — echten, rechtenHumor nicht aufkommen, ebenso wenig wie Umnuth undüble Laune fröhliche Gemüthlichkeit um sich dulden wollen,— weder im geselligen noch häuslichen Kreise! — Stattdes Herzens wird dann die Galle erregt, — statt Heiter-keit regt Aerger sich, und Friede und Freude nehmenvor den geschworenen Feinden alles äußeren und innerenWohlbefindens: Verdruß und Unbehaglichkeit, schleunigstReißaus! —
Was nun das berühmte, oft erprobte Recept desDoktor Humor betrifft, so kann Jeder, der die Mühenicht scheut, sich's selber zubereiten!
„So höre denn und gib wohl Acht,
Wie man die Heiterkeit braut und macht, —
Denn nicht eine jede ist echt und rein,
Doch diese hilft bei jeglicher Pein! —
Zuerst sieh in's Herz und späh' es recht aus,
Und wasch' alle Selbstsucht tüchtig heraus.
Daun nimm Geduld und Nachsicht zur HandUnd schüttle es um mit etwas Verstand.
Ein Tröpfchen Lethe thu' auch dabei,
Es macht von vergangenem Weh' dich frei; —
Nicht Leichtsinn, doch leichten Sinn rühre drein,
Ein bischen Witz, doch gerieben ganz fein.
Viel guten Willen und feste KraftUnd Menschenliebe, die hilft und schafft,
Ein wenig Selbstvertrauen und Muth,
Bescheidenes Hoffen und ruhiges Blut. —
Das Alles rühre zusammen fein,
Und nimm es mit reinem Herzen ein, —
Und schlägt dies dennoch und kommt nicht zur Nuh',
So blicke bittend nach oben dazu! —
Du wirst es sehen, dann konimt der Muth,
Und alles And're wird wieder gut, —
Die Thräne trocknet, die Lippe lacht,
Und doch weiß Keiner, wie Du es gemacht!"
Und wer's nicht probirt, der ist ein Thor,
Sagt stank und frei der
Doktor Humor.--
Zur Ehrenrettung des Fuchses.
Eine criminalpolitische Studie von Leopold Bauke.
Einer ganzen Reihe von Thieren ist erst durchgenauere Betrachtung ihrer Lebensgewohnheiten nachträg-lich die ihnen gebührende Werthschätzung zutheil geworden,man denke nur an den Maulwurf, den Bussard, dieKröte u. s. w. So erfreulich es nun ist, daß diesenGeschöpfen schon in dieser Welt Gerechtigkeit zutheil wird,so erscheint es doch anderseits in hohem Grade einseitig,wenn die Frage, ob man ein Thier zu den schädlichen
oder nützlichen rechnen soll, lediglich vom wirthschaftlichenStandpunkte aus erörtert wird. Gewiß ist dieser Gesichts-punkt außerordentlich wichtig, aber ganz allein darf erbei der Beurtheilung der Frage nicht ausschlaggebendsein. Das Gefühl für Gerechtigkeit verlangt vielmehr,daß man das große Allgemeine dabei nicht aus denAugen verliert.
Irgendwelche Zweifel daran, daß man sich im letzt-genannten Falle auf der richtigen Fährte befindet, könnennicht bestehen, so wenig wie man bisher bezweifelt hat,daß die salus xudlioa jedem Einzelinteresse vorangeht.Ein treffendes Beispiel hierfür bietet uns der Storch.Seit einiger Zeit ist man nämlich darauf aufmerksamgeworden, daß er schonungslos die Nester nützlicher Böge!plündert, junge Hasen verspeist und ähnliche schändlicheRäubereien begeht, die man früher bei seinem gravitä-tischen, durch Sagen und Märchen geheiligten Wesen garnicht vermuthete. Infolge dessen hat man ihm vielfachschonungslos den Krieg erklärt. Sollte es sich aberbewahrheiten, was viele Naturbeobachter mit Entschieden-heit behaupten, daß in den storchleeren Gegenden die ge-fährlichen Kreuzottern sich in unheimlicher Weise ver-mehren, daß also zwischen diesem Ueberhandnehmen undseinem Verschwinden ein ursächlicher Zusammenhang be-stände, so würde es in Zukunft niemand einfallen, denVertilgungskampf fortzusetzen.
Ist nun bei dem Storche die Wahrscheinlichkeit sehrgroß, daß er uns in der Vertilgung des schädlichen Ge-würms große Dienste leistet, so ist bei dem bestgehaßtenStrauchdiebe, dem Fuchse, die Gewißheit vorhanden —nicht etwa, daß er ein nützliches Thier ist, — wohlaber, daß er uns unter Umständen, wie im Nachstehen-den bewiesen werden soll, von ganz unberechenbaremNutzen ist und daß er deshalb wie kein anderer gegen-über dem allgemeinen Verdammungsurtheil den Anspruchauf „mildernde Umstände" hat.
DaS Bestreben, Neinecke nach Möglichkeit zu ver-nichten, ist ja nur zu leicht erklärlich. Wie jedermannweiß, ist er der ärgste Feind von allem jagdbaren Wild,decimirt die Geflügelställe des Landwirths, fischt undkrebst „unberechtigt", richtet selbst in Obst- und Wein-gärten erheblichen Schaden an und begeht sonst nochzahllose Unthaten. Bei dem Kriege, der gegen einensolchen Räuber geführt wird, gelten alle Mittel als er-laubt. Brehm schreibt darüber: „Ncinecke steht jahraus,jahrein im Waldbann und ist vogelfrei, für ihn gibt eSkeine Zeit der Hegung, keine Schonung. Man schießt,fängt, vergiftet ihn, gräbt ihn aus seinem sichern Bauund schlägt ihn mit dem gemeinen Knüppel nieder, hetztihn zu Tode, holt ihn mit Schraubenziehern aus derErde heraus, kurz, sucht ihn zu vernichten, wo immernur möglich und zu jeder Zeit. Wäre er nicht so ge-scheit und schlau: der Mensch hätte ihn längst vollkommenausgerottet. Er aber setzt List gegen List und seineKlugheit gegen den Menschenverstand ein und lebt so,trotz aller Befehdung, ungeachtet seiner Vogelfreiheit,sein gemüthliches Waldleben fort." — An einer andernStelle nennt ihn Brehm den „Erzschelm, Gauner, Strolchund Tagedieb Neinecke".
Doch, wie schon vorher bemerkt wurde, die Gerechtig-keit gebietet, daß man nicht lediglich den wirthschaftlichenSchaden, den er anrichtet, entscheiden läßt. Man darfselbst bet einem solchen Bösewichte die guten Seiten nichtübersehen. Da eine solche unbefangene Beurtheilung