^L76.
1894.
„Augsburger Post;ritung".
Dinstag, den 18. September
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas H, Grabherr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler) .
Der Organist.
Novelle von C. Borges.
(Fortsetzung.)
8. Kapitel.
„Es wundert mich", bemerkte Jda Willford, alssie prüfend ihre Blicke auf das Antlitz ihrer Schwesterheftete, „weshalb der junge Agent jetzt so häufig zu unskommt. Ich fürchte, er hat keinen großen Wirkungskreis,und es ist doch schade, daß er so viele Stunden desTages müßig zubringt. Was denkst Du davon, Helene?"
Dunkles Roth färbte die Wangen der Schwester,als sie mit anscheinender Gleichgültigkeit versetzte: „Esist wirklich traurig, Jda, ich fürchte, der arme Mannführt ein trostloses Leben. Er kennt doch eigentlich garkeine Häuslichkeit; seine Mutter ist todt, er hat wederGeschwister noch Freunde, und sein Vater ist ein finsterer,ungeselliger Mann. Ich bin früher nur einmal mitihm zusammengetroffen; aber bei seinem Anblick überliefmich ein Frösteln, und ich konnte den schlechten Eindruck,den er auf mich gemacht hatte, lange nicht vergessen."
„Hältst Du es denn für richtig, den jungen Mannzu seinen häufigen Besuchen zu ermuthigen?" ermähntedie Schwester. „Bedenke, er ist eben so arm, wie wires sind."
„Ich fürchte, er ist noch ärmer, denn er hat Schul-den, die wir nicht haben. Er selbst trügt zwar nichtdie Schuld, wohl aber sein Vater, der — wie gesagtwird — jeden Erwerb leichtsinnig verspielt. Er soll ganznahe vor dem Bankerott stehen."
Helene seufzte schwer bei diesen letzten Worten.Sie kannte aus eigener trauriger Erfahrung zu gut,wie eine Schuldenlast drückt. Hatte doch ihr eigenerVater seine Familie in Noth und Mangel zurückgelassen.
„Helene! Helene! komm schnell zu mir", rief indiesem Augenblick die Mutter aus dem anstoßendenZimmer, und eilig folgte das junge Mädchen dem Rufe.
„Sage mir schnell, Helene, ist dieses ein rothesTuch?!"
„Ja, Mutter, es ist roth", versetzte Helene vorErregung zitternd.
„Gott sei gedankt!" kam es feierlich von denLippen der alten Frau, „ich kann wieder sehen!"
Einen Augenblick standen Mutter und Tochter schwei-gend da; ihre Herzen richteten sich dankerfüllt zum Geberalles Guten, der jetzt so gnädig das harte Schicksal der
schwergeprüften Frau gewendet hatte. Dann gingenBeide ins Wohnzimmer zurück, um Jda die glücklicheBotschaft zu verkündigen.
Frau Willford konnte wieder sehen, wenn auch nursehr wenig. Von ihren Töchtern und von den Gegen-ständen im Zimmer sah sie nur undeutliche Umrisse,und nur bei ganz genauer Betrachtung und mit An-strengung sah sie deutlicher.
„Ich will sofort zum Augenarzt gehen; er soll DeineAugen untersuchen", entschied Helene, als die erste Freudej vorüber war, und Mutter und Schwester stimmten diesemj Vorschlage bei.
Als der berühmte Augenarzt längere Zeit die Au-gen der Patientin untersucht hatte, lautete sein Aus-spruch dahin: „Große Ruhe, Bewegung in der frischenLuft und kräftige Nahrung würden bald'das Augenlichtdermaßen kräftigen, daß es stärker werden würde, wiein vergangenen Zeiten. Die längere Blindheit sei eineübergroße Schwäche des Sehnervs gewesen, der sich inder letzten Ruhezeit erholt und gestärkt habe."
Es waren glückliche Menschen, die an jenem Abendbeisammen saßen, denn Jda hatte erklärt, die gute Neuigkeitübe die beste Wirkung auf ihr Leiden aus, und nachlanger Zeit erhob sie sich zum ersten Male von ihremLager. Selbst das Eintreten des jungen Agenten störtedie Glücklichen nicht, denn Herr Schellenberg nahm soinnigen Antheil an dem Geschick der befreundeten Familie,daß die Freude dadurch nur verdoppelt wurde.
„Wie geht es denn Ihrer Freundin Martha?"fragte Herr Schellenberg leise.
„Seit dem letzten Sonntag habe ich nichts mehrvon ihr gehört", entgegnete Helene. „Sie schrieb mir,daß Franz außer aller Gefahr sei; seine Tante istgestorben, und leider ist auch wenig Hoffnung für dasLeben seines Onkels vorhanden. Er war anfänglich aufdem besten Wege zur Besserung, da erkrankte der Neffe,und der alte Herr bestand darauf, ihn zu Pflegen. Dabekam er einen Nückfall, und nach der Aussage der Aerztegeht er seinem Ende rasch entgegen."
„Wie traurig", gab Herr Schellenberg zu.
„Wir betrauern auch den Verlust eines Freundes",fuhr Helene fort. „Herr Rock aus Canada ist der heim-tückischen Seuche zum Opfer gefallen. Es ist besondersfür seinen Avoptivsohn sehr hart, den er wie ein Vaterliebte."
Herr Sch'llcnberg hatte heute längere Zeit wie