Ausgabe 
(18.9.1894) 76
Seite
586
 
Einzelbild herunterladen

586

gewöhnlich in der Rosenvilla verbracht. Er erschraksichtlich, als er einen Blick auf die Uhr warf, und be-eilte sich, den Rückweg anzutreten.

-l- q-

Ungefähr zwei Monate waren seit dem plötzlichenVerschwinden Martha's aus ihrem Elternhause vergangen.Der alte Doktor saß wie gewöhnlich mit seiner Gattinund seinen Töchtern im Wohnzimmer, doch die kurzeZeit hatte den alten Herrn traurig verändert. SeinHaar war jetzt vollständig gebleicht, sein Antlitz gefurcht,seine Haltung gebeugt, und seine müden, tiefliegendenAugen zeugten von schlaflosen Nächten. Die heimlicheFlucht seiner Lieblingstochter aus dem Elternhause hatteden sonst so rüstigen Mann in einen lebensmüden Greisverwandelt. Zwar wußte er, daß Martha im Hauseihrer Tante lebte, also guten Händen anvertraut war,aber daß sie ihn heimlich verlassen, sich ohne sein Wissenheimlich verlobt hatte, kränkte ihn tief.

Martha hatte sechsmal geschrieben, aber auf den aus-drücklichen, strengen Befehl des Vaters waren sämmtlicheBriefe uneröffnet zurückgesandt. Der schwergekränkteVater wollte nicht einmal einen Blick auf die Aufschriftwerfen. Aber ach! wie schmerzlich er den Flüchtlingvermißte, ahnte Niemand. Marie war zu hart, zu schroffin ihrem Urtheil; Hedwig oberflächlich und vergnügungs-süchtig; keine von Beiden bot ihm einen Ersatz für dieheitere, lebensfrohe Martha, und der gebeugte Vater ließoft seine Blicke nach der Fensternische hinüber schweifen,wo der leere Platz seines Lieblings war.

Jetzt wurde leise die Thüre geöffnet, und das Haus-mädchen betrat in freudiger Erregung das Gemach. Esmußte eine ganz besondere Neuigkeit fein, die sie über-bringen wollte', denn sie ließ die Thür offen stehen, undgcheimnißvoll lächelnd schaute sie zurück.

Unser gutes Fräulein Martha und Lord Merlin!"meldete sie jetzt laut und vernehmlich, und ehe der DoktorZeit hatte, sich von seinem Sessel zu erheben, oder dieMutter ihre Näharbeit bei Seite legen konnte, eilteMartha in das Zimmer und warf sich ihrem Vater zuFüßen, während der junge Mann kleich und von derbeschwerlichen Reise angegriffen auf der Thürschwellestehen blieb.

Vater, Vater, vergib mir oder Du brichst mirdas Herz", flehte Martha unter Thränen.Sieh dochnicht so finster auf Dein Kind herab, mein geliebterVater. Ich bin ja schon hart genug gestraft; als allemeine Briefe uneröffnet zurückkamen, wäre ich fastgestorben!" Sie umschlang fester die Kniee ihres Vatersund blickte dann wie hülfesuchcnd die weinende Mutter an.

Eine Zeit lang blieb der Vater unbeweglich, dochplötzlich schmolz die feste Eisrinde von seinem Herzen,und er barg das Haupt seines Lieblings an seiner Brust.

Ich muß auch um Verzeihung bitten", begannjetzt der junge Mann, langsam in das Zimmer tretend,denn ich trage allein die Schuld, daß Martha dasHaus ihrer Eltern verließ. Aber ich liebte sie zu sehr,wagte aber nicht, um ihre Hand anzuhalten, da ich nurein Herz voll Liebe bieten konnte. Als Sühne bringeich sie ihnen selbst wieder zurück; glauben Sie mir",fügte er hinzu, bittend vom Vater auf die Mutter sehend,mein ganzes Leben soll dazu dienen, das gescheheneUnrecht wieder gut zu machen. Jetzt komme ich zuIhnen, um aus Ihrer Hand das Glück meines Lebens

zu nehmen, und um Ihren Segen für unfern Bundzu erbitten."

Es lag nicht in Frau Hartungs Natur, irgendeinem Menschen die Bitte um Vergebung abzuschlagen,am wenigsten dem Verlobten ihrer Tochter, dem sie imGrunde ihrer Seele doch innig zugethan war. Sienahm daher ohne Zögern die dargereichte Hand, und derGatte folgte bald ihrem Beispiele.

Als die erste Freude des Wiedersehens vorüberwar, wurde beschlossen, daß die Hochzeit in kurzer Zeitund in aller Stille gefeiert werden sollte, und nachderselben wollte das junge Paar nach England zurück,wo der junge Lord die umfangreichen Güter seinesOnkels übernehmen mußte, die ihm als dem einzigen,rechtmäßigen Erben zugefallen waren.

Das Wiedersehen der beiden Freundinnen Marthaund Helene Willford war aufrichtig und herzlich. Marthafühlte sich häufiger denn je nach der Rosenvilla hinge-zogen, aber sonderbar, die Bewohner der einsamen Hütteschienen eine Zusammenkunft mit dem jungen Lord Merlinängstlich zu meiden. Die heimliche Verlobung konntegewiß nicht der Grund sein, denn Helene war schon seitlängerer Zeit in das Geheimniß eingeweiht. Auch hatteder junge Agent ganz richtig geahnt, in welchem Ver-hältniß die beiden Liebenden zu einander standen, denner hatte häufig Gelegenheit gehabt, ihre Zusammenkünftezu beobachten. Aber Martha konnte sich nicht erklären,weshalb die Freunde so ängstlich eine Begegnung mitihrem Verlobten mieden, und sie beschloß, ruhig zu warten,bis sie die Lösung des Räthsels gefunden habe.

So waren Wochen vergangen. Der alte PfarrerHärtung hatte an hl. Stätte das junge Paar zum treuenBunde für's Leben vereint. Er hatte den jungen Mannimmer geliebt und es schmerzlich empfunden, daß ihmdie Fähigkeiten zum tüchtigen Organisten mangelten,desto mehr freute er sich über den Wechsel, der so plötzlichin seinem Leben eingetreten war.

Am Arm ihres Gatten ging Martha eines Tagesspazieren. An einer Biegung des Weges stand Heleneihnen plötzlich gegenüber; sie wollte ausweichen, dochMartha hielt sie mit sanfter Gemalt zurück.

Helene!" rief sie in gekränktem Tone,wolltestDu wirklich vorübereilen, ohne mit uns zu sprechen?Franz" zu ihrem Gatten gewendethier istFräulein Willford, der wir großen Dank schulden."

Der junge Lord stutzte. Mit unverhohlenem Er-staunen blickte er die Freundin seiner Gattin an, mur-melte einige Worte der Begrüßung, während Heleneverwirrt die Augen zu Boden schlug.

Jda!" rief die jüngere Schwester, als sie dieRosenvilla erreicht hatte,ich habe heute Franz Merlingesehen. Er hat mich erkannt; was sollen wir jetztthun?"

Jda seufzte schwer.ArmeS Kind," flüsterte sie leise,Du opferst Dich umsonst für uns auf. Die Wahrheitmuß doch an den Tag kommen; die Welt ist nicht großgenug, um uns zu verbergen."

Aber, Jda, ich bin fest überzeugt, daß Marthaund ihr Gatte schweigen würden, wenn ich darum bitte.Sie müßten wenigsteus meine Gründe achten, die michzu dieser Täuschung veranlaßten; Mutter war ja niedamit einverstanden."

Ja es war ihr immer sehr schwer, ganz besondersjetzt, da ihr Augenlicht sich langsam kräftigt. Was wird