sie erst sagen, wenn sie soviel wieder sehen kann, umdie Täuschung zu bemerken, in der wir sie absichtlich inHinsicht dieser elenden Hütte gelassen haben!"
„Wir dürfen hier nicht viel länger mehr bleiben.Mutter sieht ohnehin blaß und angegriffen aus; eineLuftveränderung würde ihr sehr gut thun. Oh! wietraurig ist es doch, daß wir so arm sind." Helene brachbei diesen letzten Worten in Thränen aus; die An-strengungen der letzten Zeit waren für ihre überreiztenNerven zu viel gewesen.
Jda tröstete die Schwester und suchte sie nachKräften zu beruhigen. Bald trocknete Helene ihreThränen und bettete wie ein müdes Kind ihr Hauptan die Schulter der kranken Schwester.
9. Kapitel.
Fräulein Willford hatte ihre Stunden im Hauseder Kaufmannsfamilie Grüner be-endet. Mit raschen Schritten eiltesie ihrem Heim zu, denn es dunkeltebereits, und der Weg war noch weit.
Doch kaum hatte sie eine kurze Streckezurückgelegt, als sie an einer Biegungdes Weges mit Herrn Schellenbergzusammentraf, dessen Antlitz bei ihremAnblick sich erhellte.
„Herr Schellenberg! wie oft habeich schon darum gebeten, nicht meineWege zu kreuzen", sagte die jungeDame mit gerechtem Vorwurf.
„Oh, Helene — ich bitte um Ver-zeihung — Fräulein Willford wollteich sagen, seien Sie nicht hart gegenmich. Wie soll ich es denn andersanfangen, um Sie allein zu sprechen?
In Ihrem Hause ist Ihre Mutterund Ihre Schwester beständig zugegen,darum sagen Sie mir, Helene, ist esIhnen nicht lieb, wenn wir uns ge-legentlich treffen?"
Helene schwieg. Sie wollte denjungen Mann nicht zu einer Wieder-holung dieserBegegnungen ermuthigen.
„Wenn Sie wüßten, wie elend undunglücklich ich mich oft fühle, so wür-den Sie Mitleid mit mir haben",fuhr der junge Mann f^rt, als er vergebens auf Ant-wort gewartet hatte. „Ich weiß wohl, daß ich in dieserWeise nicht zu Ihnen sprechen dürfte; denn ich bin einarmer Mann, der täglich den Kampf mit dem Lebenaufnehmen muß. Aber ich liebe Sie, Helene, ich ver-zweifle fast, wenn ich nicht die Gewißheit habe, wiedergeliebt zu werden. Antworten Sie mir ehrlich, liebenSie mich, oder ist keine Stimme in Ihrem Herzen, diefür mich spricht?"
Endlich war's gesagt, und obgleich Herr Schellen-berg weder die richtige Zeit noch einen passenden Ortzu dem Geständniß seiner Liebe gewühlt hatte, schienHelene doch überglücklich zu sein, denn ihre Augenleuchteten freudig, als sie ihm ganz leise zuflüsterte:
„Ich liebe Sie!"
Es waren nur drei kleine Worte, aber sie genügten,zwei Menschen überaus glücklich zu machen.
„Geliebte!" sagte der junge Mann, ich weiß, ich
bin Deiner nicht würdig; aber ich will vom frühenMorgen bis zum späten Abend arbeiten, und dann mußes mir gelingen, Dir ein sorgenfreies Dasein zu ver-schaffen. Mit unserm Geschäft steht es freilich schlecht,aber es soll bald besser werden, denn jetzt weiß ich,für wen ich wirken und schaffen soll. Helene, ist esdenn wirklich wahr, daß Du mich liebst? Ist es nurMitleid, was Dich bewegt, meine Hand anzunehmen?"
„Ich liebe Dich mit der ganzen Kraft meines Her-zens", erklärte Helene feierlich. Von diesem Augenblickean verstand sie erst recht die Bedeutung des WortesLiebe , und ohne dieselbe hätte sie sich keine Ehe denkenkönnen. Freudig würde sie an der Seite eines geliebtenGatten Armuth und Noth ertragen, aber ein Leben imUeberfluß ohne Liebe hätte sie sich nicht denken können.Am Eingang der Rosenvilla trennten sich die Liebenden.Schellenberg versprach, noch am selben Tage wiederzu-kommen, um die Mutter um die Handder Tochter zu bitten, und vor Freudestrahlend betrat Helene die Hütte.
„Ein Brief für Dich! er ist ausEngland ", begrüßteJda die Schwester,und sie wunderte sich im Stillen überdas veränderte Aussehen; denn wennLiebe im Stande ist, ein Antlitz zuverschönern, so war das Resultat schonbei Helene sichtbar.
Nur wenige Minuten vertiefte sichHelene in den Inhalt des Briefes,dann ließ sie ihn mit einem lautenAusrufdesErstaunens zur Erde fallen.
„Mutter ", rief sie, vor Freude anallen Gliedern zitternd, „wir bekom-men unser väterliches Gut in Eng-land wieder zurück!"
Frau Willford war aufgesprungen;auch Jda richtete sich bei dieser un-erwarteten Nachricht vom Lager auf.
„Wie meinst Du das, Helene, wasbedeuten Deine Worte? von wem istder Brief, sage mir es schnell!"
„Von dem Anwalt des guten HerrnRock. Esscheint, man hat schonseitMo-naten nach unserm Aufenthaltsorte ge-forscht. Er hat uns" — sie sagte ab-sichtlichnichtmir— „das ganze Besitz-thum hinterlassen, und auch die Hälfte seines Vermögens.Denke Mutter, wir können wieder nach England zurück!Freust Du Dich nicht, Jda? Wir beziehen wieder unseraltes, liebes Haus; oh! der Gedanke ist mir fast wie ein
schöner Traum." - (Schluß folgt.)
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St. Ottilien.
(Hiezu die Bilder auf Seite 590 und 59 l.)
Die geschriebene Zeile vermag zwar, wenn derSchreiber zn schildern versteht, von einer Sache ein an-schauliches Bild zu entwerfen, aber eine Zeichnungspricht zum Auge oft noch lebendiger. Man kann ausBildern nicht selten noch mehr lesen, als „zwischen denZeilen." Daher bringen wir dem lieben Leser diesmalein paar Bilder, welche ihm von St. Ottilien ein treuesBild gewähren. Aber zum Bilde gehört wiederum einerklärendes Wort, welches das aussprechen soll, was dasstumme Bild verschweigen würde.
Albert Graf üe Man.