HL77.
Irettag, den 21. September
1894.
Kür die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag deS Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler ).
Der Organist.
Novelle von C. Borges.
(Schluß.)
Als die erste Freude vorüber war, singen diebeiden Schwestern in Nutze an, Pläne für die Zukunftzu machen.
„Du mußt sofort alle Klavierstunden aufgeben", ent-schied Jda, „ebenso muß der „Organist" seine Stellungkündigend"
„Der arme Organist", scherzte Helene, „er wirdsich gewiß darüber freuen, denn er hat seine Pflichtenstets nur ungern erfüllt."
„Gott sei gedankt, die Sorge um das tägliche Brodhat doch nun aufgehört", warf Frau Willford ein, undder tiefe Schatten, der sonst auf ihrem bleichen Antlitzlagerte, war gänzlich verschwunden.
„Aber wo soll der Organist bleiben, und waSwerden die Leute von ihm denken? Er kann doch nichtplötzlich und auf unaufgeklärte Weise verschwinden", riefHelene sorglos.
Sie hatte in ihrem Eifer ihre Worte nicht bedachtund erschrak sichtlich, als die Mutter sich mit einemschweren Seufzer in den Sessel zurücklehnte.
„O, Mutter, vergib mir, ich bedachte nicht, waSich sagte", rief Helene und schlang zärtlich den Armum den Hals der geliebten Mutter.
„Ich weih, mein Kind, Du wolltest nicht absichtlichtraurige Erinnerungen in mir erwecken, aber Du ahnstnicht, wie lebhaft mir jene Tranerzeit noch vor Augensteht. Laß uns nicht mehr davon reden, sage mir lieberetwas Näheres von der Erbschaft. Wer erbt noch außerDir? Du sagtest doch, daß die Hälfte des VermögensDir vermacht sei, wer bekommt die andere Hälfte?"
„Uns ist die Erbschaft gemacht", verbesserte Helene.
„Dann erbt noch sein Adoptivsohn, Oswald Rock."
„Oswald? er ist sein Adoptivsohn?" rief FrauWillford in jähem Entsetzen. „Wer ist er? Wo kommter her? was weißt Du von ihm?"
„Gerechter Gott! ich hatte ganz vergessen, daß meinBruder Oswald hieß. Jetzt — —"
Sie stockte. Wie Schuppen fiel es ihr plötzlichvon den Augen — sie erinnerte sich der auffallendenÄhnlichkeit des jungen Canadiers, den sie vor längererZeit in der Gesellschaft getroffen hatte. Was solltedas bedeuten?
„Ich traf einen Herrn Oswald Rock beim Com»merzienrath Laube", sagte sie dann laut, „und Marthasagte mir, es sei der Adoptivsohn des reichen Canadiers;das ist alles, was ich von ihm weiß."
Sie fürchtete, in der Gegenwart ihrer leicht erreg-baren Mutter, von der auffallenden Ähnlichkeit zusprechen; aber sie setzte sich auf einen niederen Schemelund bat schmeichelnd:
„Willst Du mir nicht die Einzelheiten jenes trau-rigen Ereignisses erzählen, liebe Mutter? Ich war da-mals noch so klein, daß ich mich kaum noch der einfachenThatsache entsinnen kann, und späterhin wurde in meinerGegenwart nie mehr davon gesprochen."
„Es ist wenig davon zu sagen, mein Kind. IhrBeide — er war ja Dein Zwillingsbrnder — hattetkaum das vierte Lebensjahr überschritten, als eine arme,unbekannte Familie, Enders mit Namen, sich in unsererGegend niederließ. Niemand kannte sie, aber sie schienentreu und ehrlich; wenigstens erweckten sie keinen Ver-dacht. Die Frau gewann das Vertrauen unserer Köchin,die sie aus Mitleid in unserer Küche beschäftigte. DerMann fand Arbeit bei einem Gärtner. Beide schienenunsern lieben, kleinen Oswald sehr gern zu haben. Docheines Morgens war mein geliebtes Kind plötzlich spurlos ver-schwunden. Ihr Beide schlieft in meinem Ankleidezimmer,dessen Thür zu meinem Schlafgemach stets offen stand.Wir kamen an jenem Abend erst gegen Mitternacht auseiner Gesellschaft zurück; ich legte meine Diamanten undweine Juwelen aus den Tisch in meinem Ankleidezimmerund überzeugte mich, daß ihr Beide im süßen Schlummerläget.
„Ich brauche Dir wohl nicht zu sagen, Helene, daßnichts unversucht blieb, eine Spur von dem verschwun-denen Liebling zu entdecken. Dein armer Vater undich verzweifelten fast vor tiefem Weh.' Endlich fandman sein schwarzes Sammetjäckchen, welches er tagSzuvor getragen hatte, am Rande des Mühlenbaches, deran jener Stelle sehr steil und tief war. Wir mußtenannehmen, er sei dort ertrunken, obgleich seine Leichenicht gefunden und wir nicht begreifen konnten, wie erin der Nacht dorthin gekommen sein könnte.
„Die ganze Nachbarschaft befand sich bei der Kundeüber dieses Unglück in der größten Aufregung. Niemandachtete darauf, daß seit jenem Schreckenstage die Ehe-leute Enders ebenfalls spurlos verschwunden waren. So-bald es bekannt wurde, fahndete die Polizei nach diesen