Leuten; aber vergebens. Wir nahmen die Hülfe dergeschicktesten DetectivS tn Anspruch, versprachen hoheBelohnungen, allein die Leute blieben verschwunden unddas Geheimniß unaufgeklärt."
„Glaubst Du nicht, Mutter, daß der arme, kleineKnabe während der warmen Sommernacht aufgestanden,sich allein die Thür nach der Terrasse geöffnet habe undnach dem Bach gewandert sei? Er war doch ungewöhnlichgroß für sein Alter und spielte oft allein im Garten",warf Jda ein.
„Diese Vermuthung wurde in unserer Nachbarschaftwohl angenommen, aber in meinem Herzen stand dieUeberzeugung fest, daß die beiden Enders mit dem Ver-schwinden des Kleinen tn Verbindung standen."
„Wurden zur gleichen Zeit auch Deine Juwelengestohlen?" forschte die Tochter weiter.
„Wahrscheinlich; jedoch bei der großen Unruhe imHause, besonders aber tn meinem tiefen Schmerze ver-mißte ich die Kostbarkeiten erst vier Wochen später;jedenfalls waren sie schon lange geraubt."
„Sah mein kleiner Bruder mir sehr ähnlich?" fragteHelene in spannender Erwartung.
„Du sollst Dich selbst überzeugen."
Die Mutter öffnete bet diesen Worten ein goldenesMedaillon, welches sie stets an einem Kettchen um denHals trug und sich nie davon trennte. Zwei kleineKindergefichtchen, — ein Knabe und ein Mädchen — hieltsie der erwartungsvollen Tochter entgegen; beide zumVerwechseln ähnlich. Helene hatte noch die wunderbardunklen Augen, das schwarze Haar wie vor langenJahren auf jenem Bilde, und diese auffallende Aehnlich-keit hatte sie noch ganz deutlich vor ganz kurzer Zeitbei dem Canadier gesehen.
Ein leises Klopfen an der Thür beendete schnelldie Unterhaltung, und Frau Willford hatte kaum Zeit,die Bilder fortzulegen, als Martha Härtung, jetzt LadyMerlin, das Zimmer betrat.
„Ich bin gekommen, um Ihnen zu der unerwar-teten Erbschaft Glück zu wünschen; Sie sehen, ich bingenau davon unterrichtet", begann sie in ihrer herzge-winnenden Weise, der alten Dame beide Hände ent-gegenstreckend.
„Wie konnte sich denn diese Nachricht so schnellverbreiten? Wir wissen sie doch selbst erst wenigeStunden und haben noch mit keinem Mensche« davongesprochen!"
„Mein Gatte las zufällig den Aufruf des Anwaltsin der Zeitung und beeilte sich die gewünschte Adressesofort mitzutheilen."
Einen Augenblick herrschte tiefes Schweigen, dannfuhr Martha fort: „Franz erkannte Martha beim erstenAnblick; er hatte sie früher in England gesehen, und esist ihm schmerzlich, daß sie ihm jetzt absichtlich aus demWege geht. Um sich zu überzeugen, sich in der Familienicht zu irren, schrieb er nach England " —
„und hielt Nachforschungen über uns", ergänzteHelene im gereizten Tone.
„Sowar's, stimmte die Freundin bei. Das „Resultatseiner Bemühungen war die überraschende Neuigkeit, daßHelene Willford gar keinen Bruder habe. Der Organistan der Pauluskirche muß also eine geheimnißvolle Per-sönlichkeit sein, die mit den Bewohnern der Nosenvillatn engem Zusammenhange steht."
Wieder trat eine peinliche Stille ein. Frau Will-
ford war leichenblaß geworden und senkte die Augen zuBoden. Jda blickte besorgt auf die Schwester, die alleinihre Ruhe bewahrte. Endlich begann sie:
„Du möchtest wohl gern die Lösung des geheimniß-vollen Räthsels wissen? Wenn Du einen Augenblickwarten willst, so soll der Organist selber kommen undDir die gewünschte Erklärung geben", mit diesen Worteneilte sie in das Nebenzimmer.
Während ihrer Abwesenheit herrschte noch immertiefes Schweigen. Jedes der Anwesenden blickte in bangerErwartung nach der Thür, die sich bald öffnete, und derOrganist trat mit einer tiefen Verbeugung auf Marthazu. Doch erhob er seine schmale, weiße Hand, nahmdie entstellende blaue Brille von seinen Augen und blicktelächelnd im Kreise umher.
„Helene! Du bist's selber!" rief Helene in freu-diger Ueberraschung, während die Mutter und Jda er-leichtert aufathmeten, als sei ihnen ein Stein vomHerzen gefallen.
„Ja, ich bin's selber und kein Anderer", rief diejunge Dame belustigt über das Erstaunen der Freundinaus, „und heute habe ich diese Bekleidung zum letztenMale getragen. Ehe ich dieselbe aber für immer ab-lege, ist es eine Pflicht der Freundschaft, eine vollgültigeErklärung zu geben."
„Ich muß ganz von Anfang beginnen. Du wirstgehört haben, daß bald nach dem Tode meines Vatersder Verkauf unseres Schlosses und der großen Gütererfolgte. Wir waren gänzlich verarmt und entschlossenuns, nach Deutschland zu reisen, wo wir vollständig un-bekannt waren. Ich hatte stets mit Vorliebe die Musikbetrieben und darin eine vorzügliche Ausbildung ge-nossen. In unserer kleinen Dorskirche spielte ich schonseit Jahren die Orgel, weil unser alter Dorfschullehrerkränklich war und es mir ein großes Vergnügen machte.Ich zweifelte tn meiner Unwissenheit gar. nicht daran,daß es mir in einer großen Stadt gelingen müsse, eineStelle als Organist zu erhalten, um in dieser Weise fürden Unterhalt meiner Lieben zu sorgen. Ich hatte michgetäuscht. An verschiedenen Kirchen bot ich meine Kräftean; aber ach! man lachte über mich. Der Gedanke,eine Dame als Orgelspieler!» anzustellen, schien ganzunerhört; auch bemerkte ich leider, daß Klavierstundenzu schlecht honorirt wurden, um den Meinigen ein er-trägliches Dasein zu verschaffen. Hingegen wurde Herren,deren Leistungen oft noch geringer waren wie die meinen,ein viel höheres Gehalt gezahlt. Was sollte ich dathun? Ich hatte doch nicht allein für mich, sondern auchfür meine Mutter und Schwester zu sorgen.
Da kam mir der Gedanke, die Rolle meines Bruderszu spielen, der, wenn er gelebt hätte, jetzt an meinerStelle für unsern Unterhalt gesorgt haben würde. Ichentschloß mich, eine doppelte Existenz zu führen. DieHälfte des Tages war ich Organist und gab gut be-zahlten Unterricht, tn der andern Hälfte war ich einfachHelene Willford, die arme Klavierlehrerin, und auf dieseWeise gelang es mir, ein hinreichendes Auskommen zuerhalten.
„Um meinen Zweck besser zu erreichen, ließ ich meinlanges Haar abschneiden; meine Mutter und Schwesterwaren mehr darüber entsetzt, als ich selbst. Um einErkenne» zu vermeiden trug ich diese entstellende blaueBrille. Als ich in dieser Verkleidung die Stelle alsOrganist erhalten hatte, suchte ich nach einer entlegenen,