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einsamen Wohnung, in der mein Ein» und Ausgehennicht beachtet werden konnte. Hier, diese einsame Rosen-villa entsprach vollkommen meinen Wünschen. Ich brauchewohl nicht hinzuzufügen, Martha", fuhr das opferfreudigejunge Mädchen fort und warf einen zärtlichen Blick aufdie geliebte Mutter, «daß ich hier im Hause die größtenHindernisse zu beseitigen hatte. Meine Verkleidung er-weckte stets im Herzen meiner Mutter die traurigsteilErinnerungen, denn die Wunden über den Verlust desKindes sind noch immer nicht geheilt. Jedesmal, wennvon dem Organisten die Rede war, litt sie unsäglich,und darum vermied ich es so viel wie möglich, mit ihrüber meine Thätigkeit zu sprechen. —^ Dein Gatte kannteunsere Familie in England ; er mußte wissen, daß wirkeinen Bruder hatten, und darum fürchtete ich eine Be-gegnung mit ihm, wie leicht hätte er sonst dem Pfarrerunsern Betrug aufdecken können!"
„Ich muß noch einen wichtigen Punkt hinzufügen,Lady Merlin", wandte Jda ein, sich von ihrem Lagererhebend, „und das ist nämlich das größte Opfer, wasHelene für uns gebracht hat. Sie hätte in Reichthumund Ueberfluß in unserer Heimath leben können, wennsie nur gewollt hätte. Aber sie zog ein mühevolles,arbeitsames Leben einer Heirath ohne Liebe vor, undleider liebte sie nicht den reichen Fremdling, der damalsunser Eigenthum erwarb."
Als Martha alle Geheimnisse aufgedeckt hatte,schloß sie die Freundin in ihre Arme, und die glück-lichen Menschen blieben noch lange beisammen und be-sprachen Pläne für eine bessere Zukunft.
„Du mußt zuerst Deine Stelle als Organist auf-geben, wiewohl Du nur ungern in der Kirche vermißtwirst," entschied Martha.
„Ganz bestimmt. Ebenso gebe ich alle Klavier-stunden auf. Wie sollen wir aber so schnell einen Nach-folger als Organist finden?"
„Franz soll Dich auf kurze Zeit vertreten, natürlichnur so lange, bis wir nach England zurückkehren. Aberwie sonderbar! erst jetzt fällt es mir wie Schuppen vonden Augen, woher es kam, daß wir Dich nicht in derKirche sahen! Wie wird Franz sich freuen, wenn ich ihmdiese Neuigkeit bringe," scherzte sie dann, „ich sage ihmnatürlich Alles und habe gar kein Geheimniß vor ihm,"und mit glücklichem Lächeln auf dem Antlitz nahm dieFreundin Abschied aus der Rosenvilla.
„Mutter," begann Helene, als sie am Abend diesesereignißretchen TageS ihren gewohnten Platz zu denFüßen der alten Dame eingenommen hatte, „ich habeDir etwas zu sagen."
„Was tst's, mein Kind, hoffentlich nichts Unange-nehmes?"
„Nicht für mich und gewiß auch nicht für Dichoder Jda," versetzte das junge Mädchen erröthend, «HerrSchellenberg will heute noch kommen, um mit Dir zusprechen."
Die leise gesprochenen Worte und daS heftige Er-röthen sprachen deutlicher als Worte es vermocht hätten,und Frau Willford, die die Neigung ihrer Tochter langegeahnt und großes Vertrauen in den Charakter des jungenMannes setzte, küßte sie zärtlich, als sie ihr zuflüsterte:
„Werde glücklich mit dem Manne Deiner Wahl,mein geliebtes Kind, Du verdienst die Liebe des bestenGatten. Was sagst Du dazu, Jda?"
Statt jeder Antwort streckte die Kranke der Schwester
ihre Hände entgegen und zog sie fest an sich. Sie fühltesich unaussprechlich dankbar, daß jetzt alle Noth vorüberund ein neues Leben für die schwergeprüfte Familie be-ginnen werde.
Als am Abend der junge Agent !von seiner Liebezn Helene mit der Mutter gesprochen, ihre Einwilligungund ihren Segen zn dem Bunde erhalten hatte, war ernicht wenig erstaunt über den wunderbaren Glückswechselim Leben seiner Geliebten. Zwar war er bitter ent-täuscht; denn er hatte gehofft, mit rastlosem Eifer fürHelene arbeiten zu dürfen, und jetzt war sie eine reicheErbin.
Nachdem Frau Willford sich zurückgezogen hatte,um sich nach den Aufregungen des Tages endlich Ruhezu gönnen, deren sie dringend bedurfte, erzählte Jda aufden Wunsch ihrer Schwester alle Einzelheiten von demräthselhaften Verschwinden des kleinen Bruders vor un-gefähr 16 Jahren, und Helene schilderte die auffallendeÄhnlichkeit mit ihr und dem jungen Canadier, den HerrSchellenberg damals selbst in der Gesellschaft kennengelernt hatte.
„Wollen Sie mir die Lösung des Räthsels über-lassen? Alles, was ausgeforscht werden kann, soll inkürzester Zeit geschehen," versicherte der Agent, bittendzu Jda hinüberblickend.
Beide Damen gaben gern ihre Zustimmung, undbewegt nahmen die Liebenden Abschied.
Wochen waren vergangen. Frau Willford bewohntemit ihren Töchtern eines der besten Hotels; sie wolltenicht eher in die alte Heimath zurückkehren, bis einigeVeränderungen und alle Vorbereitungen zu ihrem Em-pfange getroffen waren.
„Herr Schellenberg!" meldete in diesem Augenblickder Kellner, und gleich darauf betrat der Agent daSGemach. Er begrüßte alle Anwesenden, dann flüsterteer leise seiner vor Glück strahlenden Braut ins Ohr:„Er ist unten im Lesezimmer." Dann wandte er sichan Frau Willford, die er bat, ihr einige wichtige Ent-hüllungen machen zu dürfen, und die alte Dame gabgern ihre Einwilligung.
«Ich muß sechzehn Jahre zurückgreifen," begannder Erzähler. „Da kam ein Mann mit Namen EnderSnach England, denn er hatte von Diamanten und Ju-welen von unschätzbarem Werthe gehört, die sich imBesitze einer reich begüterten Familie, die im südlichenEngland wohnte, befänden. Diesem Enders oder Braun,oder Benützer hundert anderer verschiedener Namen, wareS ein Leichtes, mit seiner Frau das Vertrauen derDienerschaft zu erwerben, so daß beide bald im SchlosseBeschäftigung fanden. Er brachte auch bald in Er-fahrung, daß die Herrin des Schlosses diese Kostbar-keiten nach dem Gebrauch in ihrem Ankleidezimmer auf-bewahrte.
«Der Schurke wartete nun auf eine günstige Ge-legenheit. Nach einer Festlichkeit, als alle Bewohner desSchlosses im tiefen Schlafe lagen, schlich er leise in daSihm bekannte Zimmer, nahm die Juwelen an sich, undgerade im Begriff, daS Zimmer zu verlassen, sah er zuseinem Entsetzen den kleinen vierjährigen Oswald vor sichstehen, der, aus dem Schlafe erwacht, sein Bettchen ver-lassen hatte und den Bewegungen des Elenden gefolgtwar. Hastig ergriff der Schurke ein Jäckchen des Kindes,warf es ihm über den Kopf, um eS am Schreien zu