Ausgabe 
(28.9.1894) 79
Seite
609
 
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^L79.

Ircitag, den 28. September

1894.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Map Hutkler).

Die Werte des Kaufes.

Erzählung von C. Borges.

(Fortsetzung.)

Cccilie ließ sich über die neuesten Moden in derResidenz und Melitta's Heimath unterrichten, und kaum wardas einfache Frühstück beendet, als beide Damen derneuen Hausgeuossin die verschiedensten Toiletten zeigten,die sämmtlich umgeändert und erneuert werden sollten.

Du kannst hier in diesem Zimmer arbeiten," be-merkte Edith herablassend,denn wir benutzen es selten,da wir häufig in Gesellschaften sind oder unten im Salonunsere Besuche empfangen. Du kannst vom Fenster ausden ganzen Markt überblicken, und da der Gasthof geradegegenüber liegt, wird es Dir nie an Unterhaltung fehlen.Es ist oft sehr interessant, den regen Fremdenverkehr zubeobachten."

Melitta antwortete nichts. Der Gedanke, hier indiesem Zimmer von Morgen bis Abend, einen Tag wieden andern, ohne Abwechselung arbeiten zu müssen, raubteihr fast die Besinnung und gern hätte sie gleich heutenoch ihre wenigen Sachen zusammengerafft, um in dieweite Welt hinauszuwandern. So schlichen Tage undWochen langsom dahin. Der reiche, üppige Herbst mitseinen glänzenden Farben hatte dem eisigen Winter Platzgemacht. Rauhe Winde spielten mit den letzten dürrenBlättern, wirbelten sie hoch in die Luft, und die kahlenBäume streckten wie wehklagend die nackten Zweige zumHimmel empor. Der Winter hatte die warme Lebens-lust von der Erde gestreift, die Blumen waren dahinund die Vöglein fortgezogen.

Mehr denn je fühlte sich Melitta wie eine Ge-fangene; denn sie war an ein freies, ungebundenesLeben gewöhnt, und jetzt durfte sie ohne Erlaubniß niedas Haus verlassen; denn obgleich die Töchter freundlichim Umgang mit ihr blieben, die Mutter sogar ihr er-laubte, sie mitTante" undDu" anzureden, so konntesie sich doch nicht heimlich fühlen. Zahlreiche Gäste gingenin dem offenen Hause ein und aus. Melitta blieb un-verdrossen bei ihrer Arbeit; sie hörte das heitere Lachen,das muntere Geplauder ihrer Cousinen, ebenso das Ge-klirr der Tassen, Gläser und Teller; aber Niemanddachte daran, ihr eine kleine Erquickung zu bringen,wiewohl sie oft darnach lechzte.

Oberst Wellinghof war ein häufiger Gast, abertrotzdem hatte Melitta ihn noch nie gesehen. Cecilie und

Edith wurden nicht müde von ihm zu erzählen seinReichthum', seine geistreiche Unterhaltung, seine edlenZüge und die seelenvollen Augen waren der unerschöpflicheUnterhaltungsstoff, bis Melitta müde wurde und denNamen nicht einmal mehr hören mochte.

So vergingen langsam die Wochen im unerträgli-chen Einerlei, und schon rückte das Weihnachisfest mitseinen mancherlei Freuden und Festlichkeiten herbei.

Die Offiziere der kleinen Garnison veranstaltetenim Casino wie alljährlich einen großartigen Ball, undMelitta mußte fleißiger denn je bei ihrer Arbeit sitzen,um neue Ballkleider für diesen Festabend zu verfertigen.Sie selbst war so jung und lebenslustig; sehr gern hättesie an dem Vergnügen theilgenommen, und ihr Loosschien ihr in diesen Tagen doppelt schwer zu ertragen,da eine glückliche Schickung die Cousinen aus demreichen Füllhorn mit Freude und Glück überschüttet hatte,während ihr nur Mühe, Sorge und Arbeit zugefallenwar. Vielleicht ahnte Edith die Gedanken ihrer Cousinen,denn sie vertrösteten dieselbe auf spätere Zeiten, wo sichgewiß bald Gelegenheit finden werde, zur Belohnungihres unermüdlichen Fleißes ein Theater oder Concertzu besuchen.

Endlich war der lang ersehnte Festtag herbeige-kommen. Es war ein rauher, kalter Dezembertag. Hochlag der festgefrorene Schnee in den Straßen; schwereblauschwarze Wolken wälzten sich am Himmel, doch trotzder grausigen Witterung hat Cecilie ihre Cousine miteinem unbedeutenden Auftrag in die weit entlegeneWohnung einer Freundin geschickt. Von Neuem empörtesich der Stolz in Melitta's Herzen; selbst Marie, dasHausmädchen, hatte sich geweigert, sich bei diesem Un-wetter in's Freie zu wagen und, eine leichte Erkältungvorschützend, Melitta den Auftrag ihrer Herrin überbracht.

Ein eisiger Wind branste und heulte in den ent-laubten Aesten über ihrem Haupte, als sie fest in ihrenMantel gehüllt, den Rückweg antrat. Von Alinute zuMinute schien der Sturm heftiger zu werden, nur mitgrößter Mühe konnte sie gegen denselben ankämpfen.Dichter Schnee mit Hagel vermischt schlug ihr in's Ge-sicht und verdunkelte ihre Blicke, so daß es fast un-möglich schien, vor- oder rückwärts zu kommen. Melittastand verzweifelt, machtlos lehnte sie gegen den Stammeiner alten, knorrigen Eiche, in deren Aesten eine SchaarKrähen ihr heiseres Geschrei in das trostlose Geheul desSturmes mischten.