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„Singt mir mein Todenlied da oben, ihr schwarzenNachwöge!," rief sie aus, zu der krächzenden Schaaraufblickend, die hoch über ihr flügelschlagend gegen dieStrömung der Luft ankämpfte, denn sie wagte fast nichtmehr auf Rettung aus diesem Unwetter zu hoffen.
Nach und nach wurde sie ruhiger; auch die Kraftder entfesselten Elemente in der Luft schien gebrochen,der Sturm raste weniger heftig, und vorsichtig verließdaS vor Frost und Kälte an allen Gliedern zitterndeMädchen den schützenden Baumstamm.
„Ich will diese demüthigende Behandlung nichtlänger ertragen," flüsterte sie leise vor sich hin, „nochheute will ich meiner anderen Stieftante einen Briefschreiben und sie um Hülfe bitten. Sie will mich zwarnicht in ihrem Hause aufnehmen, aber sie wird mir zueiner Stelle verhelfen. Nach Edith's Aussagen ist sieeine reiche, aber sehr excentrische alte Jungfer", fuhr siein ihrem Selbstgespräch fort, „aber nach allem, was ichvon ihr gehört habe, wird sie mir trotz ihrer Launen undEigenheiten doch gut gefallen. Ich habe doch eine guteErziehung genossen, bin sehr musikalisch, und hier habeich gar keine Gelegenheit, meine Talente zu verwerthen.— Einen Versuch will ich machen, nur muß ich vor-sichtig sein, damit Edith und Cecilte nichts merken, sonstkomme ich in den Verdacht, mich in Tante Lydia'sGunst einschleichen zu wollen, um sie später zu beerben.Bah! ich denke gar nicht an Geld und Reichthum,nur-"
Ihr Gedankenflug nahm ein jähes Ende. Ohnedes glatten, eisigen Weges zu achten, hatte sie ihre Schrittebeschleunigt, sie rutschte — taumelte und fiel auf die Erde.
Erschreckt, vom Fall halb betäubt, versuchte sie sichaufzurichten; dabei fühlte sie einen brennenden Schmerzam Kopf, auch den rechten Arm hatte sie dermaßen ver-letzt, daß sie sich nicht auf denselben stützen konnte. Ver-wirrt schloß sie die Augen, doch plötzlich fühlte sie, daßsie von der feuchten Erde aufgehoben wurde, und einemelodische, bekannte Stimme fragte theilnehmend:
„Haben Sie sich verletzt, mein Fräulein "
Melitta blickte auf. Eine leise Nöthe überzog ihrbleiches Antlitz, als sie in ihrem Netter jenen Fremdenerkannte, der ihr schon damals auf dem Bahnsteig, seineHülfe angeboten hatte; nur erschien er heute in seinerglänzenden Offiziersunisorm noch stattlicher, als in demschlichten, grauen Reiseanzug.
Auch der Offizier schien Melitta wiederzuerkennen,das bleiche Antlitz mit dem unendlich traurigen Aus-druck hatte einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht.
„Ich habe mich nur ein wenig verletzt," antwortetesie auf seine Frage, „mein Arm scheint verrenkt, eswird sich bald wieder bessern, und mein Kopf muß aufeinen spitzen Stein gefallen sein."
Beim Schein einer nahen Laterne bemerkte er einenicht unbedeutende Stirnwunde, aus der langsam Blutzu träufeln begann.
„Sie müssen bald Ihre Stirn kühlen," rief er be-sorgt, haben Sie noch weit zu gehen?"
„Nur bis auf den Markt; ich bin bald am Ziel.Es war recht thöricht von mir, nicht besser auf weinenWeg zu achten und zu fallen, aber es ist so glatt."
„ES ist auch kein Wetter für Damen, ohne Schutzauszugehen; es wurde mir selbst schwer genug, mirmeinen Weg zu bahnen und gegen Wind und Wetterzu kämpfen."
Melitta drückte mit zitternden Fingern ihr Tuchfest auf die Stirnwnnde, die heftiger zu schmerzen be-gann, und ein Gefühl großer Schwäche und der Ohn-macht übermannte sie.
„Ich werde Sie heim geleiten," entschied der Offi-zier, „Sie können sich kaum aufrecht halten."
„Ich danke Ihnen — Sie sind sehr gütig — ichfühle mich wirklich matt und — —"
Es dunkelte vor ihren Augen; sie würde von neuemzur Erde gefallen sein, wenn sein starker Arm sie nichtbeschützt hätte.
„Sie müssen so schnell wie möglich heim, hier,nehmen Sie meinen Arm, versuchen Sie, ob Sie gehenkönnen. Stützen Sie sich nur immerhin fest auf mich,ich bin stark genug, Sie zu tragen, wenn es nothwendigwäre."
Diese Worte gaben Melitta ihre Kraft zurück; sienahm den dargereichten Arm, und fest darauf gestütztsetzte sie langsam den Weg fort.
„Frau von Neinberg wird erschrecken, wennsie erfährt, daß ihr Gast auf dem Wege diesen Unfallerlitten hat," bemerkte der Fremde, als Melitta dasZiel ihres Weges angegeben hatte.
„Ich bin dort kein Gast; ich wohne bei ihr," ver-setzte Melitta ruhig.
„Aber ich sah Sie dort noch niemals und gehedoch so viel im Haufe ein und aus. Wie geht das zu?"
„Oh! das ist sehr einfach. Ich bleibe in meinemZimmer, und wenn Gäste im Hause sind, darf ich michüberhaupt nicht sehen lassen. Ich bin ja nur eine armeVerwandte, die aus Mitleid aufgenommen ist," fügte siedann bitter hinzu; sie vergaß momentan, daß sie zueinem Fremden sprach, und das Gefühl ihrer trostlosenLage hatte sie vollständig überwältigt.
„Weiß denn Frau von Neinberg, daß Sie betdiesem schaurigen Wetter ausgegangen sind?" fragte derOffizier mit strengen Blicken.
„Ja, sie schickte mich selbst, da das Mädchen überErkältung klagte. Aber," fügte sie hinzu, sich plötzlichbesinnend, daß sie mit einem Fremden sprach, „bitte,vergessen Sie meine Worte und sagen Sie nicht wieder,was ich Ihnen vorschnell von meiner Stellung sagte.Frau von Neinberg liebt es nicht, mich als Verwandtein ihre Kreise einzuführen."
„Ihr Vertrauen soll nicht mißbraucht werden,Fräulein-"
„Melitta von Reck ist mein Name," ergänzte dasjunge Mädchen.
„Oh! den Namen habe ich oft gehört. Georg vonNeck war ein Freund meines Onkels, der jetzt ein großesRittergut in Helmstadt hat. Ganz in der Nähe wohntauch ein altes Fräulein, Lydia von Reck. Aber jetzt,da Sie mir Ihren Namen gesagt, ist es nur recht undbillig, daß ich mich Ihnen vorstelle. Richard Wellinghof,Oberst im hiesigen Dragoner-Regiment."
„Oberst Wellinghof!" rief Melitta fast erschrecktaus. „O, ich hatte mir von Ihnen eine ganz andereVorstellung gemacht!"
„Wirklich? Darf ich fragen in wie fern ich IhrerVorstellung nicht entspreche?" fragte er ernsthaft.
„Nun, ich hörte so oft Ihren Namen, meine Cou-sinen erzählten nur von Ihnen, singen Ihr Loblied inallen Tonarten, so daß ich Sie für sehr stolz und hoch-müthig hielt.