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Der Oberst lachte. „Hoffentlich haben Sie IhreMeinung geändert," sagte er scherzend.
„Gewiß. Sie sind gegen mich sehr gütig gewesen,sowohl heute, als auch an jenem Abend, als ich hiereintraf," gestand Melitta.
„Leider kannte ich Sie damals noch nicht, oder ichwürde Sie begleitet haben. Hätte ich jetzt nur gewußt,daß Sie bei Reinbergs wohnten, so würde ich Ihnenfür den heutigen Ballabend eine Einladung geschickthaben, leider ist es jetzt zu spät."
„Meine Tante würde es nicht erlaubt haben; Siesehen, ich trage auch noch Trauerkleidung für meinenVater, besuche also auch keinen Ball, wiewohl ich sogern dem Vergnügen zugeschaut hätte."
„Sie werden für die nächste Festlichkeit eine Kartebekommen," versicherte er höflich.
„Ah! ich freue mich schon jetzt darauf. Doch hiersind wir am Ziel. Gute Nacht, Herr Oberst, und Dankfür Ihre Begleitung; ohne Ihren Beistand wäre ich ge-wiß nicht so gut heimgekommen."
„Darf ich hoffen, Sie bei meinem nächsten Besuchzusehen? Ich muß doch erfahren, ob dieser Fall auchkeine nachtheiligen Folgen für Sie hat."
„Nein, ich glaube, wir werden uns nicht wieder-sehen," versetzte Melitta zögernd. „Und ich bitte, sagenSie auch nichts von diesem Unfall, meine Tante möchtezürnen, daß Sie mir Beistand geleistet haben. WollenSie mir versprechen, darüber zu schweigen?"
Sie sah flehentlich zu ihm empor, und als er indaS blasse, bleiche Gestchtchen schaute, konnte er nichtwiderstehen und führte ehrerbietig die kleine bebendeHand an seine Lippen.
„Gewiß, wenn Sie es wünschen," versicherte erschnell, „obgleich mir die Erfüllung Ihrer Bitte schwerwerden wird; leben Sie wohl."
Naschen Schrittes wandte er sich um, den Wegnach dem Castno nehmend.
„Wie schade, daß sie heute Abend nicht an derFestlichkeit Theil nimmt," dachte er bei sich selbst. „Sieist fast noch ein Kind, aber ein liebliches und, wie esscheint, unglückliches Kind. Warum hält Frau von Nein-berg sie in dem Hintergrund?" grübelte er weiter. „Fa-milienstolz — oder fürchtet sie, daß diese kindliche Schön-heit ihre eigenen Töchter in den Schatten stellt? Ichwerde es bald genug erfahren."
Inzwischen hatte Melitta sorgfältig die Spurenihres Unfalls verwischt, die kleine Stirnwunde mit ihrenwelligen Haaren bedeckt, auch der Arm verursachte wenigerSchmerzen. So betrat sie das Wohnzimmer, in demdie drei Damen gewöhnlich zu finden waren.
„Du bleibst sehr lange!" rief Cecilie der Ankom-menden zürnend entgegen. „Du mußt mir noch bei derToilette helfen, mein Haar frisiren, und wenn Du nichtbald anfängst, so bleibt Dir für Edith sehr wenig Zeitübrig."
„Du hast Dir gewiß die hell erleuchteten Schau-fenster in den Läden angesehen?" rief Edith erregt da-zwischen, „und dabei vernachlässigst Du Deine Pflichten."
„Daran habe ich gewiß nicht gedacht", versicherteMelitta erröthend, „es war auch viel zu kalt und stür-misch, um mich lange draußen aufzuhalten; aber dieWege waren so glatt, ich konnte nur langsam vorwärtskommen."
„Nun, stelle zuerst vorsichtig mein Blumenbouquet
in's Wasser, aber behutsam, daß die Spitzenmanschettenicht feucht wird. Oberst Wellinghof hat es mir geschickt."
„Nimm meine Blumen gleich mit; sie dürfen hierim warmen Zimmer nicht länger bleiben," befahl Edith.„Sind diese Blumen nicht entzückend? Glaubst Du nicht,daß mein Bouquet daS schönste ist?"
Melitta näherte sich dem kleinen Seitentische, aufdem zwei herrliche Blumensträuße prangten. Das eineBouquet aus Rosen und Maiglöckchen, das andere ausKamelien und Veilchen bestehend. Sie waren beidegleich kostbar und prachtvoll, und Melitta konnte kaumeinen leisen Seufzer unterdrücken, als sie gedachte, daßder Oberst ihr ebenfalls einen gleichen werthvollen Straußgeschickt haben würde, wenn er von ihrem Dasein eineAhnung gehabt hätte.
„Sie find beide herrlich", sagte sie, die Blumenbewundernd, „wenn ich zu wählen hätte, so wüßte ichnicht, welchem ich den Vorzug geben sollte."
Cecilie lachte bei diesen Worten, während Edithstolz ihr Haupt zurückwarf.
„So, jetzt hörst Du selbst, was Melitta sagt", riefsie hochmüthig. Deine Blumen sind also durchaus nichtschöner wie die »reinigen."
„Vielleicht nicht, „höhnte Cecilie, „aber mein Bou-quet besteht aus Rosen. — Rosen schenkt man bei einerVerlobung — werde noch heute Abend WellinghofSglückliche Braut sein!"
„Nur, wenn er sich nicht mit mir verlobt," warfEdith boshaft ein. „Komm, Melitta, hilf mir bei meinerToilette."
„Melitta muß mir zuerst helfen; ich bin die älteste,"gebot Cecilie.
„Ja, Du bist bedeutend älter, daran zweifelt Nie-mand," gab die jüngere Schwester zurück, dann verließsie das Gemach.
Es waren für Melitta zwei schwere, lange Stunden,ehe die Toilette der Damen zur Zufriedenheit beendetwar und sie endlich zum Casino fuhren, dann setzte siesich hin und weinte bitterlich.
„Soll ich mein ganzes Leben in dieser Weise zu-bringen?" klagte sie laut, „dann möchte ich lieber sterben;ich bin matt und todesmüde." Doch bald trocknete sieihre Thränen; der Brief für Tante Lydia mußte inEile geschrieben und zur Post 'besorgt werden, denn einepassendere Gelegenheit war nicht leicht zu finden.
3. Kapitel.
„Ich bin ganz rathlos! Was in aller Welt sollenwir nun beginnen? Ich habe hin und her überlegt, kannaber gar keinen Entschluß fassen! Wenn es nicht umDeinetwillen wäre, Cecilie, so würde ich noch im letztenAugenblick die ganze Festlichkeit aufschieben. Aber Dubist ja fest überzeugt, daß Oberst Wellinghof sich endlichmit Dir verloben wird; ich begreife überhaupt nicht,daß es nicht schon lange geschehen ist! Du glaubtest dochauf dem letzten Ball im Castno so sicher zu sein."
Frau von Neinberg's Stimme war erregt, ihreNerven überreizt; ein unangenehmer harter Zug zeigtesich stets in ihrem strengen Antlitz, wenn sie die feineGesellschaftsmaske abgelegt hatte.
Sie war heute mit ihren beiden Töchtern und mitMelitta im Arbeitszimmer; die letztere wie gewöhnlichunermüdlich und fleißig mit einer Näharbeit beschäftigt.Sie schreckten schon lange nicht mehr davor zurück, in