Gegenwart der Cousine die unerquicklichsten Unterhalt-ungen zu führen, gehässige Bemerkungen über Bekannteoder Freunde zu wachen, war doch Melitta in ihrenAugen so gut wie eine Wachspuppe, deren Veröffentlich-ungen der häuslichen Scenen sie nicht zu fürchten hatten.
Heute hatte Frau von Neinberg freilich Ursache genug,fast zu verzweifeln. Es sollte in ihrem Hause am fol-genden Tage, als am Vorabend des Weihnachtsfestes,eine glänzende Abendunterhaltung stattfinden, zu der dieEinladungen bereits sämmtlich angenommen waren. OberstWellinghof sollte die beste Gelegenheit finden, sich mitCccilie zu verloben, denn zuerst wurden lebende Bilder,darnach kleine Aufführungen und zuletzt ein gemüthlicherBall arrangirt, natürlich fielen die Hauptrollen demOberst und der ältesten Tochter des Hauses zu.
Nun war im letzten Augenblick der Klavierspieler,der bei den Bildern zur Begleitung der Aufführungenzum Tanze und sogar in den Pausen spielen sollte,krank geworden, und zwar so ernstlich, daß an sein Er-scheinen am Abend der Festlichkeit nicht mehr zu denkenwar. Auch war die Zeit viel zu kurz, um aus dernahen Residenz eine neue Kraft zu engagiern, kein Wun-der daher, daß bet dieser unerwarteten Wendung diearme Mutter rath- und fassungslos war.
„Wir dürfen die Festlichkeit nicht aufschieben, dieZeit ist viel zu kurz, auch sind alle Einladungen ange-nommen," bemerkte Cccilie mit der größten Kaltblütig-keit. »Ich will auch morgen Wellinghof's Braut werden,wir hätten uns schon auf dem letzten Ball verlobt, aberEdith kam jedesmal im kritischen Augenblick dazwischenund störte uns im Alleinsein. Wenn Du es morgenebenso machst," fügte sie, mit drohenden Blicken ihreSchwester ansehend, hinzu, „so wirst Du es später bittergenug bereuen, wenn ich erst Herrin auf dem großenNittergute und fabelhaft reich bin."
„Hm! das wirst Du nie werden," versetzte dieSchwester verächtlich, „ich habe ebenso viel und wohlnoch mehr Aussicht wie Du."
„Kinder, ich bitte Euch, zankt Euch heute nicht,"flehte die Mutter, „helft mir lieber, wie ich einen Klavier-spieler bekomme. Ich muß gestehen, ich bin noch inmeinem Leben nicht in einer so großen Verlegenheit ge-wesen — was sollen wir nur thun?"
„Darf ich spielen?"
Es war Melitta, die diese Frage gestellt hatte,Unbemerkt hatte sie ihre Arbeit niedergelegt und standjetzt hoch aufgerichtet ihrer Tante gegenüber. Sie warfast noch bleicher denn sonst, ihre Wangen waren ein-gefallen und zeugten deutlich von Ueberanstrengung undUeberbürdung; doch ihre Singen leuchteten lebhaft undkindlich bittend schaute sie die erstaunten Verwandten an,als sie ihre Frage wiederholte: „Darf ich spielen?"
„Du? Kannst Du spielen?" fragten betroffen diebeiden jungen Damen. Sie hatten sich bisher noch garnicht die Mühe gegeben, nach den Kenntnissen der armenCousine zu fragen und hatten es für selbstverständlichgehalten, daß außer ihrer Handarbeit die Leistungen sehrgering sein müßten.
„Ja, ich spiele gern," lautete die entschiedene Antwort.
„Aber wie spielst Du?" forschte Edith. „Wirhaben noch uie einen Ton von Dir gehört."
„Weil Ihr mir nie Gelegenheit dazu gegeben habt.Ich war zu meiner Ausbildung im Konservatoriumund habe mir dort den Preis errungen."
„Kannst Du denn auch Tanzmusik spielen?" fragtedie Tante mißtrauisch.
„Gewiß", versetzte Melitta entschieden.
Frau von Neinberg überlegte.
„Ich sehe wirklich nicht ein, warum Melitta nichtdie Stelle des Klavierspielers einnehmen sollte", sagtesie dann langsam. „Wir sind dann aus der Verlegen-heit und es werden uns v;ele Mühen und Kosten erspart.Es wird Niemand erfahren, daß Du zur Familie gehörst,denn es werden oft Damen zum Spielen engagiert; manwird Dich für eine solche halten. Hast Du ein Gesell-schaftskleid?"
„Ich habe ein Kleid, das genügen wird. Da ichnoch Trauerkleider trage, ist keine große Toilette er-forderlich."
„Ganz gewiß nicht," warf Cecilte unmuthig ein,der diese Wendung wenig zu gefallen schien, „in DeinenVerhältnissen würde eine gute Toilette Veranlassung zumAnstoß geben."
„Ein einfaches schwarzes Kleid genügt vollkommen,"gab auch Edith zu. „Ein solches trug auch die Klavier-spielerin bei Frau Herbert bei der letzten Soiree; siesah sehr gut darin aus und Niemand hielt sie für einenGast oder ging in den Pausen zu ihr, um ihr Spielzu bewundern."
Melitta schwieg. Eine heftige Entgegnung schwebtezwar auf ihren Lippen, aber sie unterdrückte ihren Un-muth. Sie wollte sich jetzt noch den Verwandten nützlichmachen, damit die Ueberraschung desto größer sei, wennsie unerwartet vor sie treten würden, um zu sagen, daßsie das Haus ihrer Peiniger auf immer verlasse.
„Ich will nicht ein einfaches Hauskleid anziehen,nur um mich ihnen gefällig zu erweisen," dachte sie betsich selbst, als sie ihr prachtvolles schwarzes Sammetkleidbetrachtete, welches sie hier noch nicht getragen hatte.
„Es ist ebenso schon wie Ceciliens, wenn nicht nochschöner wie das ihrige."
Vergebens bemühten sich die beiden jungen Damen,Melitta's Toilette zu sehen; sie schwieg beharrlich undsagte nur: daß sie wie gewöhnlich in Schwarz erscheinenwürde.
Der nächste Tag war für Melitta sehr anstrengend.Unaufhörlich wurde sie hin und her geschickt, keinen Augen-blick fand sie Ruhe, kaum hatte sie die langen Tafelnim Speisesaal gedeckt, als sie wieder neue Anordnungenim Ballsaal oder im Garderobenzimmer treffen sollte.
„Sorge dafür, daß Du den Damen beim Ablegender Mantel hilfst," hatte die Tante stirnerunzelnd ge-boten, als Melitta in ihrer eleganten Toilette mit leichtgerötheten Wangen ihr Zimmer verließ; sie bemerkte mitMißfallen, daß das junge Mädchen heute einem jenerlieblichen Engelsgesichter glich, denen man nur seltenbegegnet. Und dennoch fühlte Melitta sich nach all denanstrengenden Pflichten, die ihr heute auferlegt waren,todesmatt und müde, dabei sollte sie gleich 3—4 Stun-den, vielleicht noch länger. hintereinander sitzen undspielen, ehe sie ihr müdes Haupt zur Ruhe legen konnte.
(Fortsetzung folgt.)
-—SSWNS--
Goldköruer.
Unparteiisch sein ist nur dann eine Ehre, wenn die Par-teien sich versöhnen können, ohne Gott, die Wahrheit und daöRecht zu verleugnen. K.