Ausgabe 
(5.10.1894) 81
Seite
625
 
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HL 81 .

1894 .

M

Augsburger Postzeitung".

Areilag, den S. October

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler ).

Die Werte des Kaufes.

Erzählung von C. Borges.

(Fortsetzung.)

Es war noch dunkel, als Melitta nach einer schlaf-losen Nacht heimlich das Haus ihrer Tante verließ undunruhig die Abfahrt des Zuges auf dem Bahnsteig er-wartete. Sie kannte ihre Tante noch gar nicht, undwas sie von den Cousinen von ihr gehört hatte, truggewiß nicht dazu bei, sie mit den besten Hoffnungen zuerfüllen. Würde dieselbe sie aufnehmen, da sie heimlichentflohen war? Was sollte dann aus ihr werden? Frauvon Reinberg würde sie niemals wieder in ihrem Hausedulden, und selbst im schlimmsten Falle würde sie niewieder um ihren Beistand bitten.

Endlich brauste der Zug heran. Die Coupös warensämmtlich überfüllt, nur ein Wagen schien noch ganzleer. Melitta freute sich ein Plätzchen gefunden zu haben,denn schon setzte sich der Zug in Bewegung. Nur einHerr, in einen langen Neisemantel gehüllt, saß in derEcke, sein Antlitz hinter einer Zeitnng bergend. Dochkaum ließ er dieselbe einen Augenblick sinken, so erschrakMelitta so heftig, als habe sie einen Geist gesehen.

Oberst Wellinghoft" kam es bestürzt von ihrenLippen.

Fräulein von Reck!" rief er nicht minder über-rascht,dieses ist wirklich ein unerwartetes Vergnügen.Ich hatte gestern noch keine Ahnung, daß wir diesekleine Reise gemeinschaftlich machen würben."

Melitta erröthete verlegen.Ich ebenso wenig,"gestand sie offen,aber ich reise jetzt nach Helmstedt ,um dort meine Tante zu besuchen."

Das ist herrlich! Ich mache die gleiche Tour undreise zu meinem Onkel. Sie wissen doch, daß meinOnkel ganz in der Nähe von Helmstedt wohnt?"

Melitta wußte es nicht.

Kennen Sie meine Tante?" fragte sie dann ge-spannt.

Oh, ja! sehr genau," versicherte er.

Ist sie liebenswürdig im Umgang?" forschte Me-litta ängstlich weiter.

Ja, aber sie hat auch ihre Eigenheiten."

Ich habe sie niemals gesehen, und fürchte ein Zu-sammenleben mit ihr," gestand Melitta bebend.

Der Oberst wunderte sich immer mehr über seineBegleiterin. Noch gestern Abend auf dem Balle hatte

Edith ihm erzählt, daß Melitta eine ganz untergeordneteStellung in ihrem Hause einnähme, daß sie ihnen abersehr nützlich, sogar unentbehrlich sei, weil sie viele Ar-beiten verrichte, die selbst die Dienstboten zu thun sichweigerten. Aber er war zu höflich, um nach dem Grundeihrer plötzlichen Abreise zu forschen, und hoffte, daß ihmfreiwillig Mittheilung darüber gemacht würde.

«Ist Fräulein von Reck sehr alt?" fragte Melittaweiter,und ist sie sehr reich?"

Nicht gerade alt, Mitte der sechziger, sollte ichmeinen, lautete die Antwort,und sie steht in dem Rufegroßen Reichthums. Aber in ihrer äußeren Erscheinungzeigt sie denselben keineswegs. Als ich sie das letzteMal im vorigen Sommer besuchte, war sie in ihremGemüsegarten beschäftigt, und sie trug ein Kostüm, dasvielleicht noch aus Noah's Zeiten stammte. Jedenfallsbemerkte sie mein Lächeln darüber, denn sie sagte inihrer derben, offenen Weise:

Warum stierst Du mich so an, Richard? SiehstDu mich denn heute zum ersten Male? Was meineKleidung anbetrifft, so ist mir diese bequem, und dasist mir lieber wie die Kleider der fein geputzten Damen,die mit ihren engen Stiefelchen und hohen Absätzen inDeinen Augen gewiß den Inbegriff aller Schönheit aus-machen. So machen es die jungen Herren aber heutzu Tage alle; sie haben nur Augen für schön geputztePüppchen, die sich nach jeder neuen Mode kleiden; dassind nur Narren in meinen Augen." Zu dieser Sortezählte sie auch mich, wie ich wohl voraussetzen konnte,"fügte er lächelnd hinzu.

Melitta konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, dochbald flüsterte sie seufzend:

Ich werde es gewiß nicht bei Ihr aushalten kön-nen; fast wünsche ich wieder umzukehren; aber wohin

soll ich gehen-und es ist heute so kalt," flüsterte

sie leise.

Hier ist mein Plaid nehmen Sie ihn, ich bittedarum: ich kann ihn wirklich entbehren. Aber sehenSie," fuhr er dann fort, als Melitta sich standhaftweigerte,ich setze mich Ihnen gerade gegenüber, dannreicht er für uns beide aus," und ehe sie etwas dagegeneinwenden konnte, war sie schon in den warmen Plaideingehüllt.

Dann plauderte er in heiterer Weise von seinemSoldatenleben, erzählte selbsterlebte oder erdachte An»nekdoten, bis Melitta herzlich über manchen lustigen