Ausgabe 
(5.10.1894) 81
Seite
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Einfall lachte und mit ihm scherzte, als ob sie die bestenFreunde wären.

Dies ist Helmstedt ", sagte plötzlich der Offizier,als der Zug in einem ländlichen Bahnhöfe einlief.DasHaus Ihrer Tante ist vielleicht eine halbe Stunde vonhier entfernt. Werden Sie erwartet?"

Nein! sie weiß wenigstens nicht, daß ich schon sobald komme," versetzte Melitta zögernd.

Das trifft sich herrlich; denn da ich auch nichtmit diesem Zuge erwartet werde, kann ich Sie begleiten."

Melitta's Muth sank mehr und mehr, je nähersie zum Ziele ihrer Reise gelangte.

Ich will meiner Tante erzählen, daß ich das Lebennicht mehr ertragen konnte," dachte sie bet sich selbst,esist mir doch ein Trost, daß ich hier fortgehen kann, so-bald sich eine Stelle für mich findet."

Auch der Oberst wunderte sich, daß plötzlich seineschöne Begleiterin so schweigsam wurde und alle Fragennur einsilbig beantwortete, und er glaubte nicht anders,als daß sein Irrthum von gestern Abend Schuld andieser Sinnesänderung sei.

Es hatte wirklich anfänglich in seiner Absicht ge-legen, sich mit Cecilie von Reinberg zu verloben; nichtso sehr aus Liebe, sondern vielmehr aus dem sicherenGefühl, daß Tochter und Mutter es dringend wünschten.Er glaubte sie allein im Ballsaal zu treffen, und umsie zu Anfang der Festlichkeit seinen Kameraden alsBraut vorzustellen, trat er rasch hinzu und legte seinenArm um ihre Schulter. Jedoch als er seinen Irrthumgewahrte und Cecilien's erregte Worte an sein Ohrschlugen, überzeugte er sich, daß er mit ihr kein Glückfür's Leben gefunden haben würde, und daß sie fürihn verloren sei.

Hätte sie dieser kleinen, unbedeutenden Täuschungkeinen Werth beigelegt oder wenigstens ihr aufgeregtesTemperament zügeln können, so wäre für sie noch allesgut gewesen. Aber jetzt hatte sie gewaltsam ihr eigenesGlück zerstört und für immer die Hoffnung verloren, alsHerrin auf dem großen Edelhof einziehen zu können.So geschieht es oft in der Welt. Wie viele verscherzenihr Glück durch ein unbesonnenes Wort, und verderbenoder zerstören dadurch die schönsten Zukunftsträume.

Melitta ging schweigend an der Seite ihres Be-gleiters; Jedes schien jetzt mit seinen eigenen Gedankenbeschäftigt zu sein; endlich fragte sie schüchtern:

Weiß meine Tante Frau von Neinberg daßIhr Onkel hier ganz in der Nähe von Helmstedt wohnt?"

Ich vermuthe es, aber ich weiß es nicht mit Be-stimmtheit; ich habe nie mit ihr darüber gesprochen.Sie wissen, ich bin nicht oft hier, höchstens 23 malim Jahre und dann nur einen Tag. Auch heute bleibeich nur zwei Tage."

Wirklich? Bleiben Sie nicht länger?"

Wieder trat eine Pause ein.Sehen Sie, dortist das Haus Ihrer Tante," bemerkte endlich der Offi-zier,gehen Sie hier durch den großen Garten, dasThor ist nur angelehnt; ich will Sie bis zur Thür geleiten."

Oh, nein! gehen Sie nicht weiter; ich bin ja hieram Ziele;" dann reichte sie ihm die Hand zum Abschied.Ich bin Ihnen immer zu Dank verpflichtet, Sie habenmir schon manchen Dienst erwiesen," fügte sie leise hinzu.

Er hielt ihre zitternde Hand fest in der seinen.Reden Sie nicht davon," bat er, was müssen Sie gesternwohl von mir gedacht haben!"

Ihre Wangen färbten sich purpurn, und sie ver-suchte ihre Hand zu befreien, doch er hielt sie fest um-schlossen.

Sie erwarten wohl, daß ich mein Bedauern überweine Täuschung ausdrücken soll," fuhr er fort,abersie fiel zu meinem Glück aus, denn ich lernte, daß ichvor einem Abgrund stand. Ich bedaure nur, daß Siemir zürnen; denn ich merke, Sie haben mir noch nichtvergeben."

Sie heftete die Blicke zu Boden und wagte nichtihn anzusehen oder ihm zu antworten.

Wir werden uns jetzt häufiger sehen," fuhr erunbeirrt fort,wenigstens werde ich den Versuch machen,mit Ihnen zusammen zu treffen, so oft ich meinen Onkelbesuche."

Ich bleibe nicht immer hier," versetzte Melitta leise,ich will mich in der Welt nützlich machen, und meineTante wird mir zu einer Stelle verhelfen."

Hm," lächelte der Offizier,so wie ich IhreTante kenne, wird Sie nicht daran denken, das zu thun."Dann öffnete er das Gartenthor und schaute ihr nach,bis sie in dem kleinen Häuschen verschwunden war, unddie Thür ihrer neuen Heimath sich hinter ihr geschlossenhatte.

2. Kapitel.

Also Du bist meine Nichte Melitta?"

Die alte Dame trippelte in nervöser Hast in ihrWohnzimmer und drückte das ängstlich zitternde Mädchenstürmisch an ihr Herz, nachdem sie ihr diese Worte ent-gegengerufen hatte.

Du siehst Deinem Vater aber sehr wenig ähnlich,"fuhr sie eifrig fort,Du siehst weit besser aus. Ent-schlossenheit, Wahrheit und Aufrichtigkeit sind in DeinenZügen geschrieben, und diese Tugenden besaß Dein Vaternicht. Nun nun ich will ja nichts gegen DeinenVater sagen, mein Kind, brauchst nicht so heftig zuerröthen. In Deinen Augen war er zweifellos einMuster aller Vollkommenheit, und Du thust Recht daran,nur das Beste von ihm zu denken. Aber nichtsdesto-weniger war er ein leichtsinniger Mensch! Ich freue michaber, daß Du die feinen Züge, die schönen blauen Augenund das wellige Haar Deiner Mütter geerbt hast, dennich liebte sie sehr. Sie war meine beste Freundin, ehesie sich verheirathete, und wenn ich geahnt hätte, daßDu ihr liebliches Gesicht und ihr anspruchloseS, be-scheidenes Wesen geerbt hättest, so hättest Du schon vorMonaten zu mir kommen sollen. So, mein Kind, nunsetze Dich und erzähle mir, warum Du so eilig dasHaus meiner Schwester verlassen hast, und dann wollenwir zu Mittag essen. Ich esse gewöhnlich zeitig, dennich verlange nach meinem Mittagsschläfchen. Du mußtDich schon an meine Lebensweise gewöhnen und dasZusammenleben mit mir ertragen um Deiner Mutterwillen."

Nein, um Deinetwillen, denn ich will Dich liebhaben," rief Melitta aus, dann schlang sie ihre Armeum den Hals der alten Dame und brach dann in Thränenaus.Ich war so elend, einsam und unglücklich," fuhrsie dann fort,und wünschte oft zu sterben, besondersgestern Abend konnte ich das Leben nicht länger ertragen."

Still, still, mein Kind, sprich nicht solche Worte;es werden noch glückliche Tage kommen für Dich. So,trockne Deine Thränen und erzähle mir, warum Du