Ausgabe 
(5.10.1894) 81
Seite
627
 
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schon heute gekommen bist, ohne mir Deine Ankunft zumelden."

»Ich konnte die Behandlung nicht länger ertragen,"schluchzte sie,und da bin ich fortgelaufen."

Heimlich? Hm, das war thöricht. Aber erzählemir alles ausführlich."

Melitta gehorchte. Sie verschwieg nichts, selbstnicht die Begegnung mit Oberst Wellinghof und seineBegleitung bis hierher.

Vielleicht war es ein Glück, daß Melitta das schel-mische Lächeln der alten Dame nicht bemerkte, sie würdesonst an ihrer Theilnahme gezweifelt haben. Doch alssie ihre kurze, traurige Geschichte beendet hatte, konntesie wohl merken, daß die alte Dame entrüstet über dasVerhalten ihrer Schwester war.

Ich werde noch heute meiner Schwester einen Briefschreiben und ihr sagen, daß ich Dich lieber an Kindes-statt annehmen will, da es mir scheint, daß Du bei ihrund ihren Töchtern niemals glücklich werden kannst.Auch soll sie uns sofort Deine Sachen schicken," sagtedie Tante, als Melitta sich beruhigt hatte und sogarein Lächeln um ihre Lippen bei der Aussicht spielte,daß ihr Leben sich jetzt angenehmer für sie gestaltenwerde.Doch jetzt komm' mit mir, Elisabeth wird DeinZimmer in Ordnung haben, Du mußt es Dir ansehen,ehe wir essen, Du mußt halb verhungert fein!"

Es war ein Helles, freundliches Gemach, zwar alt-modisch, aber bequem und geschmackvoll eingerichtet. Einlustiges Feuer knisterte im Ofen, und im Vergleich mitder armseligen Kammer, die sie in den letzten Monatenbenutzt hatte, schien dieses Zimmer fürstlich eingerichtet.Die alte Tante war ganz entzückt, sogar Elisabeth, dieanfänglich den Gast als unwillkommenen Eindringlingbefrachtet hatte, war glücklich über die Dankesbezeug-ungen und mühte sich in kleinen Dienstleistungen.

Erst spät gegen Abend erzählte die Tante vonihrem Freunde, dem alten Herrn Wellinghof, und schlugMelitta vor, ihm einige Stunden Gesellschaft zu leisten.

Du weißt, Melitta," fuhr sie in ihrem Gesprächefort,daß Du mich anfänglich batest, Dir zu einerS ellung behülflich zu sein, um Dich in der Welt nützlichzu machen. Aber es war gleich meine Absicht, Dich beimir zu behalten, und Du sollst Deine Zeit ausnutzen,wie Du willst. Doch jetzt, nachdem ich Dich gesehen habe,will ich Dich wie meine eigene Tochter halten, und nachmeinem Tode erbst Du das Häuschen und mein ganzesVermögen."

Wie gut bist Du," flüsterte Melitta dankbar, alssie die welke Hand an ihre Lippen drückte.Aber gibmir nur Arbeit, damit ich Dir nicht zur Last bin. Ichwill gern jeden Tag nach dem Rittergut gehen und fürHerrn Wellinghof thun, was ich kann. Wirklich, ichthue es gern."

Ja, Du sollst es thun, selbst wenn Du mein eigenes.Kind wärst, solltest Du hingehen. Denn Herr Welling-hof ist alt, einsam und ein treuer Freund, dem ich gernsein ödes Leben erheitern möchte. Morgen wollen wirBeide zu ihm gehen, dann kannst Du mit ihm dasNähere besprechen. Wenn er Dir ein Gehalt anbietet,so nimm es, Du kannst es verwenden wie Du willst,denn was Du an Taschengeld oder für Deine Kleidunggebrauchst, dafür sorge ich. So, nun möchte ich DeineStimme hören, Du spielst und singst doch gern?"

Die alte Dame war eine enthusiastische Musik-

freundin, sie verstand die Talente wohl zu beurtheilenund liebte alles Schöne und Harmonische. So hatte»denn auch wenige Tacte genügt, sie zu überzeuge,» daßMelitta in dieser Kunst weit vorangeschritten war,und als jetzt die volle, silberhelle Stimme durchs Zimmerhallte, rieb sie sich vergnügt die Hände und flüsterte leise:

Eine meiner Nichten wird vielleicht noch seine Gattin,und hoffentlich diese."

Am nächsten Morgen ging Melitta mit der Tanteden weiten Weg nach dem Edelhofs. Der alte Herrsaß mit seinem Neffen in seinem Arbeitszimmer; er be-trachtete die junge Dame aufmerksam, dann fragte ermit unverkennbarem Wohlwollen, das dem Alter so wohlansteht, ob sie die junge Dame sei, die die Stelle alsPrivatsekretär in seinem Hause einnehmen wolle.

Ja, ich will gern alles thun, mir Ihre Zufrieden-heit zu erwerben," versetzte Melitta bescheiden.Ichlas häufig meinem Vater vor und schrieb seine Briefe,bin also an eine solche Thätigkeit gewöhnt."

Gut, wir wollen es einrichten, mein Kind, nurfürchte ich, Sie werden nicht gern Ihre besten Stundenim Tage bei einem alten, verdrießlichen Kranken zu-bringen, wie ich einer bin. Sie sind jung und schön;Sie sollten wie ein Schmetterling im Sonnenschein um-herflattern."

Ich habe Zeit genug, mich des Sonnenscheins zufreuen", lautete die schnelle Entgegnung,und jetzt erstkann ich anfangen, mich meines Lebens zu freuen; ichhabe mich nie so glücklich gefühlt, wie jetzt bei meiner Taute."

Nun, das freut mich, und wenn Sie einen Son-nenblick in das Dasein eines einsamen Mannes bringenwollen, so sind Sie der größten Dankbarkeit sicher.Kommen Sie täglich zu mir, ich gebe Ihnen ein Gehaltvon tausend Mark; nein, nein, mein Kind, wehrenSie nicht ab", als Melittas Antlitz Ueberraschung undFreude ausdrückte,ich habe mehr Geld, wie ich gebrauchenkann, und wenn Ihre Tante es für zu wenig hält,gut, dann verdoppeln wir die Summe, das ist einfachgenug."

Diese Unterhaltung wurde im leisen Flüsterton ge-führt, während sich die Tant^ mit dem jungen Offizierim eifrigen Gespräch über die Veränderungen im Regi-ment und über die Aussichten über Krieg und Friedenbefand. Doch jetzt, als die wichtige Unterhaltung be-endet war, winkte der alte Herr seinen Neffen zu sichund bat ihn, Melitta zu unterhalten, da er mit seinerFreundin zu reden habe.

WaS würde jetzt wohl Fran von Reinberg gesagthaben, wenn sie gewußt hätte, daß Melitta jetzt imgroßen Hause umhergeführt wurde, in dem Cecilie sogerne Herrin geworden wäre! Der Offizier führte sie indie Bildergallerie, zeigte und erklärte die seltsamen Ge-mälde und erzählte die Legende, die sich daran knüpfte,dann in den Ahnensaal und zuletzt in das Treibhaus,und mit Blumen reich beschenkt kehrte sie zu ihrerTante zurück.

Melitta hatte in ihrem Leben bis jetzt nur sehrwenig Aufmerksamkeiten erfahren. Die Freunde ihresVaters hatten sie wie ein hübsches Kind, Reinbergs siewie eine Untergebene behandelt. Dieses war heute dererste wirklich glückliche Tag ihres Lebens, und sie warganz traurig, als die Tante sich zur Heimkehr rüstete,und, wichtige Briefe zu schreiben vorschiebend, die Ein-ladung zum Mittagessen anSschlug.