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So waren Wochen vergangen; der Frühling mitseiner glänzenden Blüthenpracht, war noch nie so herrlicherschienen, wie in diesem Jahre, und der Herr Oberst,der seinen alten Onkel häufiger denn früher besuchte, be-merkte mit Stolz und Freude, daß Melitta sich zur voll-kommenen Schönheit entwickelte, wie eine Blume imSonnenschein.
Die Tante hatte nur einmal einen kurzen, sehr un-freundlichen Brief von ihrer Schwester erhalten. AmSchlüsse derselben schrieb sie:
„Hoffentlich bereust Du nicht, das heuchlerische und„undankbare Geschöpf in Deinem Hause aufgenommen„zu haben. Sie ist so hinterlistig und falsch, daß ich„bedauere, sie in meinem Hause mit meinen unschuldigen„Töchtern vereint aufgenommen zu haben. Erwähne„ihren Namen nicht mehr in Deinem Briefe."
Die alte Dame runzelte mißmuthig die Stirn, dannzerriß sie den Brief, ohne ihn ihrem Schützling zu zeigenoder von dem Inhalt zu sprechen. Melitta war jaglücklich; sie schien die schweren Monate wie einen bösenTraum vergessen zu haben. Auch der alte Wellinghofhatte alle Ursache, sich über den Wechsel in seinem ein-samen Leben zu freuen.
„Sie soll Richard Heimchen," dachte er oft bei sichselbst, sich vergnüglich die Hände reibend, „dann habe ichsie immer bei mir; sie ist der Sonnenschein meinesHauses."
Aber so oft und viel er auch Melitta von seinemNeffe» erzählte, sie schien kein Interesse für ihn zuhaben, und selbst als er dem Neffen einst anvertraute,daß es ihm gelungen sei, eine paffende Gattin für ihnzu finden, schüttelte der junge Mann unwillig sein Hauptmit der Versicherung, daß nur er allein sich die Gattinwählen würde.
„Du irrst Dich, Richard," rief der Onkel erschreckt,„ich vertrete Vaterstelle an Dir und als solcher steht esmir zu, für Deine Zukunft zu sorgen. Fräulein Lydiahat noch viele Nichten-"
„Ich werde nie eine derselben heirathen, verlaßDich darauf," lautete die eilige Antwort, dann verließer raschen Schrittes das Zimmer, den alten Herrn er-staunt und ärgerlich zurücklassend.
* H
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„Haben sie kürzlich unsere Cousine Melitta gesehen,wie geht es ihr?"
„Ja, ich sehe sie häufig, auch noch vor einigenTagen, als ich in Helmstedt war."
Monate waren vergangen, der Herbst mit seinengoldenen Aehren, den reichen Früchten und den bunt-farbigen Blättern war ins Land gezogen. In derkleinen Garnisonstadt herrschte ungewöhnliches Leben undTreiben, denn das Gerücht von der Versetzung des Re-giments nach einer entlegenen größeren Stadt war imUmlauf und hatte sich mit Windesschnelle verbreitet.
Ob das Gerücht auf Wahrheit beruhte oder nicht,wußte man nicht; aber ein Jeder bemühte sich, den gerngesehenen Offizieren zum Abschied noch alle erdenklicheEhre zu erweisen.
Natürlich nahm auch jetzt Frau von Neinberg mitihren Töchtern an jener Festlichkeit theil, und Cecilie warfest entschlossen, endlich den Preis zu gewinnen, den sieleichtfertig vor vielen Monaten selbst verscherzt hatte.Sie ließ keine Gelegenheit unbenutzt vorübergehen, den
Oberst in der Unterhaltung zu fesseln, und da sie zuihrem Aerger bemerkt hatte, daß er häufiger denn je-mals nach Helmstedt fuhr, hatte sie die obige Fragean ihn gerichtet.
Bitter bereuten Mutter und Töchter, durch allzuschroffe Behandlung Melitta vertrieben zu haben, diejetzt Aufnahme in Helmstedt gefunden und daher häufigGelegenheit zum Verkehr mit dem alten Oheim und demjungen Offizier hatte.
„Wir haben gar nicht daran gedacht, daß der alteWellinghof ganz in der Nähe von Helmstedt wohnt,und daß er Tante Lydia's Freund ist," dachten sie oftin leidenschaftlicher Erregung. „Es wäre uns doch nureine Kleinigkeit gewesen, dorthin zu reisen und die Gunstdes alten Mannes für uns zu gewinnen. Tante Lydiaschrieb uns früher, daß sie sich über den Verkehr desjungen Neffen in unserm Hause freute, und daß siehoffte, er würde eine von uns als Gattin heimführen!Und nun zerstört Melitta unsere schönsten Hoffnungen!"
So lauteten die beständigen Klagen der Schwestern,eine gab der anderen die Schuld, zur Flucht der armenMelitta beigetragen zu haben, und die Streitigkeiten da-rüber wurden täglich heftiger und anhaltender.
Sie wußten, daß der Oberst keine Gelegenheit un-benutzt vorüber gehen ließ, nach Helmstedt zu reisen, undschien bei seiner Rückkehr so glücklich und heiter zu sein,als verlebte er nie vergnügtere Stunden, wie gerade dort.
Aber Cecilie von Reinberg wollte nicht ohne einenletzten Versuch jede Hoffnung schwinden lassen. Siewar fest entschlossen, als Herrin auf dem großen Gutezu schalten, und ungeachtet Edith's Warnungen, sich derLächerlichkeit nicht auszusetzen, kleidete sie sich zu derbevorstehenden Festlichkeit mit der größten Sorgfalt, umeinen letzten Angriff auf das Herz ihres Geliebten zumachen.
„Wir haben seit langer Zeit nichts von meinerTante in Helmstedt gehört", begann sie nach einer län-geren Pause, als beide während eines Gartenkonzertesin einer schattigen Allee ein stilles Plätzchen gesucht undgefunden hatten, „aber dennoch sind wir mit allenNeuigkeiten vertraut, die sich dort zutragen. Es mußsehr angenehm für Ihren Onkel sein, Melitta beständigum sich zu haben, aber es ist hart für Sie, da Siedoch wissen, wie viel Sie dabei verlieren."
„Was bedeuten Ihre Worte," rief der Offizier un-willig, „ich verstehe nicht, was Sie meinen, Fräuleinvon Neinberg."
„Oh l — nun — ich würde ja nichts gesagt haben,"Cecilie heuchelte ein ganz verlegenes Gesicht, „aber ichglaubte, es sei Ihnen gar kein Geheimniß, daß Melittamit der Absicht umginge, den alten Herrn zu heirathen.— Tante Lydia wünscht es ebenfalls, sie spielte in ihremganzen Briefe darauf an. — Meine Cousine Melittaist ein Glückskind — wenigstens hält sie sich selbst dafür.Was mich anbetrifft, so denke ich anders; ich könnteniemals einen Mann heirathen, der alt genug wäre,um mein Großvater zu sein, selbst wenn er ein Millionärwäre. Aber so viele Mädchen denken nur an Gold undReichthum."
Cecilie machte bei diesen Worten ein so unschul-diges, harmloses Gesicht, daß der Offizier ihr Glaubenschenkte. Er hielt die Leute für so offen und ehrlich,wie er es selbst war, und der Gedanke lag ihm fern,