Ausgabe 
(16.10.1894) 84
Seite
650
 
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1893 durch Herrn Spiritual Lämermeyer aufge-nommenen Photographie hergestellt.

-«S88WS-»

Bermimrd von Hildesheim.

Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt.

(Sorye»ung.)

Der hohe, schlanke Grafensohn hatte sich emporge-richtet. Aus seinen anmuthig heiteren Zügen sprach eineWelt voll Geist, voll Thatkraft. Es war ordentlich,als ginge ein lichter Schein von ihm aus. Seine großenblauen, forschenden Augen schauten fragend im Kreise.Der Fünfzehnjährige in der malerisch faltenreichen Trachtder Domschüler stand da wie ein König in seiner Um-gebung.

Ekkehard aber begann:

Die Schüler der untersten Classen schon führtunser Lehrmeister in die Weisheit der Mathematik ein.Nun sollst Du uns sagen, was nützt den Menschen dieMathematik?"

Eben, als der auch von den älteren als geistigüberlegen Erkannte die Lippen zur Beantwortung derFrage öffnete, kam ihm mit raschem Wort Otho, einBauerssohn aus Einum, zuvor:

Hier muß ich, der Ackerbauernsohn, reden," sagteer nicht ohne gewissen Stolz.Ich künde Euch, wieum des Ackerbaues willen die Mathematik entstund, undwie sie bis heute noch dem Ackerbau dient. Aegypten, wohin das göttliche Kind einst vor dem Mordstahl desHerodes floh, ist die Heimath der Mathematik. DieUeberschwemmungen des Nils machten die Unterscheid-ungen der einzelnen Felder unkenntlich, und es entstan-den Grenzstreitigkeiten. Um diese zu schlichten, mußteman die Flüchen vermessen, und so erwuchs aus denUranfängen der Feldmeßkunst die Grundlage der Mathe-matik. Wie überall, so ist auch hier der Ackerbau eineQuelle reichen Segens geworden."

Ich las es etwas anders", wußte Benno zu be-richten.Der Nil riß oft ganze Streifen Landes mitseinen Fluthen hinweg, und um nicht bloß die nächstenAnlieger schädigen zu lassen, sondern auch auf derenHintersassen den Verlust nach Recht und Gerechtigkeitmit zu wälzen, erfand man die schwierige Kunst derMathematik."

Beide Lesarten finden wir bei den alten Schrift-stellern", erklärte Bernward nun mit volltönender Stimme.Doch halte ich dafür, daß die eine so wenig wie dieandere uns den Ursprung der hehren Mathematik richtigzeichnet. Auch glaube ich, daß Ihr, meine FreundeOtho und Benno, daß Ihr unseres Ekkehard Frage,streng genommen, gar nicht beantwortet habt.

Ich sage Euch", fuhr er lebendiger fort, und seineWangen rötheten sich im Eifer des Vortrags,was Ueb-ungen mit Wurfspieß und Schwert, was Reiten undJagen, was Schwimmen und Ringen für den Körper,das ist die Mathematik für den Geist. Wie alle dieritterlichen Uebungen unsern Körper zu gesunder Ent-wickelung bringen, unsere Kräfte stählen, unsern Muthbeleben, so weckt und fördert die Mathematik unseresGeistes Kräfte, schult uns zu folgerichtigem Denken, be-reitet zu weiterem geistigen Schaffen und Ringen vor.

Und wie sollten wir unsere Kirchen und Kapellenbauen, ohne Hilfe der Mathematik? Ein einfach Wohn-haus, eine Scheune errichtet Ihr vielleicht, ohne Euch

dieser hehren Wissenschaft zu bedienen; einen Tempeldes Herrn, wo Alles Maß, Alles Einklang und Schön-heit ist, nimmermehr. Von dem schwierigen Aufbauwill ich schweigen. Ihr werdet mir zugeben, daß mandie kühnen Bogen nicht wölben, die hohen Thürme nichtemporbauen könnte, ohne die genaueste Kenntniß dermathematischen Gesetze. Doch der bloße Grundriß schonzeigt streng gegliederte mathematische Formen."

Da seht den zukünftigen Baumeister", rief Otho halb spottend, halb bewundernd. So erkläre uns doch,die wir dem kühnen Fluge Deiner Gedanken nicht zufolgen vermögen, wie prägen sich im Grundrisse unsererKirchen mathematische Formen aus. Hab', meiner Treu,nie darauf geachtet, nie darüber nachgedacht."

Wohl habe ich darüber nachgedacht", sagte Benno,doch ich wüßte mir nichts lieberes, als mir von Bern-ward solch einen Grundriß mathematisch erklären zulassen."

Lächelnd nahm Bernward seinen Stab und zeich-nete in den feinen Sand, der den Hofraum bedeckte,vier Längs- und mehrere Qucrlinien. Ein Halbkreisschloß das Ganze oben ab.

Schaut her, hier erblickt Ihr neun gleich großeQuadrate, sie bilden das eigentliche Langhaus unsererKirche. Wo meine Querlinien die beiden mittlerenLängslinien schneiden, ich zeichne dort jedesmal einenkleinen Kreis ein erheben sich die Pfeiler und Säulen.Hier oben legen sich."

Gott zum Gruße, junger Kirchenbauer!" rief plötz-lich hinter dem begeistert Redenden eine wohlbekannteStimme, und eine schwere Rechte legte sich auf seineSchulter.

Erstaunt wandte Bernward sich um und blickte indes Bruders bewegte Züge. Es hatte Tammo nichtlänger mehr hinter dem Gitterwerk geduldet; er mußtehinabeilen, den herrlichen, den geliebten Bernward stür-misch an sein Herz zu pressen.

Tammo, welche Freude!"

Im nächsten Augenblick lagen die Beiden einanderin den Armen; der gelehrte Vortrag hatte sein Ende.

Droben aber sagte Bischof Othwin lächelnd zumDompriester Osdag:

Nun soll Bernward, unser junger Künstler undGelehrter auch morgen mit uns nach Gandersheim reiten."

Herr Osdag nickte freundlich dazu.

Wisset, Herr Volkmar", wandte der Bischof sicherläuternd an diesen,die Herrin Gerberga, so wir vorJahren als Aebtissin des unserm Sprengel untergebenenKlosters Gandersheim weihten und in die Regierung ein-führten, will zu der Kirche der heiligen Maria, in wel-cher die Genossenschaft der Nonnen bis heute Christodient, eine neue Kirche bauen. Sie lud uns ein, anOrt und Stelle den Bauriß und den Bauplatz zu be-gutachten. Wir haben ihrem Boten den morgigen Tagals den unserer Ankunft bezeichnet."

Herr Bischof, habt Dank im Namen meines jungenNeffen! Er wird beglückt sein, bei dieser Gelegenheitseine den frommen Klosterfranen zur Obhut übergebeneSchwester Judith wiedersehen zu dürfen", entgegnete derzukünftige Bischof von Utrecht.

Die Würdenträger begaben sich in gewichtiger Unter-haltung zu dem Gemache des Bischofs, während dieBrüder in traulicher Plauderei bis zum Abendmahlezusammenblieben.