Ausgabe 
(16.10.1894) 84
Seite
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II.

Die Nonne Roswitha.

Dich, o Tcrenz, schmückt herrlich der Ruhm des scenischen

Dichters,

Manch' liebreizendes Lied sang der Venusische Schwan,Waffengellirr bringst Tu uns, Vergil, und Kampfesgetöie,Jeglichen Lorbeers schmückt Dich, o Roswitha, ein Reiö!

Johannes von Dalberg.

Im Frührothschein las Herr Othwin denen, so zumAufbruche nach Gandersheim gerüstet waren, die heiligeMesse vor dem Marienaltar des hohen Domes. Sinnendruhte sein Auge auf einem silbernen Reliquienbehältniß,Unserer lieben Frauen Heiligthum" genannt. Wardoch in Folge eines wunderbaren Ereignisses, so sichmit eben diesem heiligen Gefäße zugetragen, einst derDom, sowie die Stadt Hildesheim erbaut, ja der Bi-schofssitz von Elze hierher verlegt worden. Karls desGroßen Sohn, Ludwig der Fromme , hatte besagtes Reli-quar dem ersten Hildesheim 'schen Oberhirten Guntharfür seine Kirche gegeben, wie selbiges auch in päpstlichenBullen und Breven zu lesen stand.

Herr Othwin , der neunte Nachfolger Gunthars,segnete am Schlüsse der Messe die Gläubigen mit demZeichen des Kreuzes. Dann gingen alle hinaus. DieRosse wurden vorgeführt.

Bernward, ich darf mitreiten, da steht mein grauesMaulthier," mit diesen Worten sprang der kleine Bayern-prinz Heinrich fröhlich an Bernward empor, er fügteglücklich hinzu:Meines Vaters Schwester, die AebtissinGerberga , will mich sehen." Dabei zog er eine großegüldene Münze hervor.Das gab mir mein Vater.Mein Urgroßvater, Kaiser Heinrich der Vogler , ist derAebtissin Großvater; ich will ihr das Goldstück mitseinem Bilde als Gastgeschenk geben."

Bernward schaute lächelnd auf den so freigebigenKleinen und auf die blanke Münze.

Da weiß ich was Besseres, mein Heinrich. Kommmit mir."

Sie schritten gemeinsam der Außenseite des Domesentlang. An der Apsis wuchs durch die Steinwand ausder Tiefe empor ein mächtiger Rosenstrauch, der grünteund blühte in tausend Röselein, daß es eine Lust war.

Schau diesen Rosenstrauch, der blühte schon vorein und einem halben Jahrhundert gerade so, wie heute,mitten im Walde. Kaiser Ludwig war dazumal auf derJagd; da hängte sein Hofkaplan an einem Silberbanddas Gefäß mit den Reliquien der heiligen Jungfrau,welches er auf Wunsch des Kaisers überall mitzutragenpflegte, an diesen blühenden Rosenstrauch und als imMorgengrauen die heilige Messe davor, wie heute HerrOthwin . Als er aber das Neliquar wieder loslösenwollte, fand er, daß selbiges mit dem Rosenstrauch un-zertrennlich verwachsen und nicht davon zu trennen war.Die Gottesmutter will hier wohnen,"" dachte derfromme Kaiser Ludwig und beschloß, der Himmelsköniginan Ort und Stelle eine Kirche zu bauen. Das thater. Und da steht nun unser Dom und redet zu demBeschauer, wie ein hochtönendes Lied zum Preis desAllerhöchsten, zu Ehren der seligsten Jungfrau. Da stehtauch unsere Stadt im Schatten des Domes. Und nun,mein Kind, pflücken wir von diesen Rosen zum Geschenkfür die hohe Frau Aebtissin."

Er sprach's, brach und ordnete weiße Rosen zartund lieblich zum Strauß.

Dein Hütlein soll die duftige Huldigung unver-sehrt hinüber nach Gandersheim tragen."

Und er befestigte mit vieler Anmuth die Rosendes wunderbaren Strauchs an des Knaben Pilgerhut.

Das war ein lustig Reiten durch's stille Waldge-birge mit seinem dunklen Tannengrün und seinenplätschernden, blitzenden Quellen! Wie duftete der harzigfrische Hauch so mild und doch so kräftig, daß die Brustsich dehnte, und das Herz weit wurde in der freienherrlichen Gottesnatur. Vorbei ging's im Sonnenscheinan sammtnen Matten, an dunklen Bergeswänden, vor-über an palmenartigen, wehenden, winkenden Farren.Es ging über waldige Höhen, die lagen siebenfach Kronean Krone nebeneinander, und dann wieder mit denmuntern Büchlein um die Wette thalab. Da ruhtefriedlich und freundlich ein weltfern Dörflein; es schienzu träumen.

Das ist Jrmenseul", sagte Graf Altman zu demStammherrn von Sommerschenburg .

Die beiden ritterlichen Herren trabten an der Spitzedes farbenprächtigen Trosses.

Klein Heinrich, welcher auf seinem Maulthierleinsich Mühe gab, zwischen Bernward und seinem LehrmeisterThangmar Schritt zu halten, hatte bisher sich weidlichgelangweilt ob den gelehrten Gesprächen.

Dero wissenschaftlichen Uebungen sind ja nochgründlicher, als wenn sie gegenwärtig in der Schulewären, dachte das Knäblein unmuthig. Und währenddie Beiden sich mit dem Silbenmaße und an dem Vers-bau ergötzten, dann hinwiederum sich spitzfindige aus demInnern der Philosophie herausgenommene Fragen vor-legten und beantworteten, seufzte das Prinzlein verdrieß-lich über die allzu eifrige Lehr- wie Lernbegierde derBeiden. Er hatte Graf Altmans Worte gehört.

Jrmenseul nannte der Graf das Dörflein; er-innert der Name nicht an die Jrmensäule im Dome?"Mit solcher an Bernward gerichteten Frage unterbracher das wissenschaftliche Strei'en.

Ganz gewiß, mein Kind; der Name dieses Ortesstammt sogar von derselben Säule", erwiderte der Jüng-ling freundlich.Hör' zu. Als unser großer KaiserKarl vor zweihundert Jahren das Sachsentand eroberteund die göttliche Chnstuslehre dort einführte, zerstörteer bei der Beste Ercsburg einen alten Götzentempel undstürzte daselbst die dem Chcruskerfürsten Hermann in ab-göttischer Verehrung geweihte Hermanns- oder Jrmen-säule. Aus den Augen des Volkes ließ er sie weg-bringen und heimlich an der Weser vergraben. Als aberetliche fünfzig bis sechzig Jahre später weise Benediktiner -mönche ihr Kloster Corwey bauten, stießen sie unver-sehens mit dem Spaten auf das H.-idenwerk. Solchesist sodann entsprechend des frommen Ludwig Befehl,unter großen Schwierigkeiten nach dem Hildcshcim r Domgebracht und daselbst aufgerichtet worden. Die kaiserlichenMannen aber, so die Säule nach den Hildesheimer Stiftslanden führt-n, wurden unterwegs von heidnischenSachsen überfallen und zum Theil niedergeschlagen. ZumAndenken an deren tapfere Gegenwehr wurde der andieser Stelle später angebaute Ort mit dem NamenJrmenseul bezeichnet."

Fürwahr, das ist schon Jrmenseul", sagte auchder Bischof, welcher von den Herren Osdag und Volk-mar begleitet in der Mitte des Zuges ritt. Er wandtesich rückwärts zu einem von der Gefolgschaft: