Ausgabe 
(16.10.1894) 84
Seite
652
 
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Thictmar, mein getreuer Knecht, Du hast dasflinkeste Rößlein. Auf, gieb ihm die Sporen und eileuns als Herold voraus, den Klosterfrauen anzusagen,daß wir nun kommen. Wir wollen derweil bei demPropste des Klosters zu Lammspringe eine kurze Rasthalten."

Thietmar , der Mühe hatte, sein junges Roß ingleichem Trabe mit den Andern zu halten, war desAuftrages gar wohl zufrieden und sprengte windschnelldavon. Nicht selten machte er Botenritte für den Bischof.Daß er auch diesmal seinen Auftrag zeitig bestellt, dasbewies der Empfang, so dem Bischöfe im Stifte Gan-dersh im zu Theil wurde.

Sobald die Vordersten des Zug^s den Wald ver-ließen und den Thurm und die Mauern des Klosters

und Freude leuchteten von den rosigen Wangen, glänztenaus den fröhlichen Augen der Kinder. Schier muthetees den Beschauer an, als ob die lieben Englein selbervom Himmel gekommen seien, um der hohen FrauAebtissin mit Lust zu dienen.

Die ehrenreiche Herrin, Frau Gerberga , aber wareine königliche Gestalt. Ueber dem schlicht klösterlichenGewand hing ihr in schwerem Faltenwurf der kostbareHermelinmantel, dessen Schleppe zwei junge Edelfräuletntrugen. Auf ihrer Brust funkelte das juwelenblitzendeKreuz, das Abzeichen ihrer hohen Würde. Den Krumm-stab trug sie in der Linken. Unter dem Stirnschleiersahen ein paar große kastanienbraune Augen klug undfreundlich aus dunkelfarbigem Antlitz hervor. Weisheitund warme Herzensgüte sprachen aus den in kräftigen Um-

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Herg Kinai.

von Wiesen, Wäldern und Bergen rings umschlossensich in der Gande spiegeln sahen, da gewahrten sie auchdas bethürmte Thor weit geöffnet und davor in präch-tiger, malerischer Gruppirung den ganzen Convent, sammtden jungen Zöglingen und dem Ingesinde entfaltet.

Aus der Mitte weißverschleierter Frauen hob sich dergold- und farbcnstrahlende Thronhimmel empor, wel-cher die Aebtissin schirmte. Vier flachshaarige Mägdeleinin weißen Linnenkleidern trugen ihn. Selbigen um-standen auch in lieblichem Halbkreise die Jungsräuleinalle, so den gelehrten Klosterfrauen zur Obsorge anver-traut waren. Sie trugen gleiche weiße Gewänder vonsilbernen Gürteln zusammengehalten und geschmückt mitblauen Säumen. In den Händen hielten sie grüneZweige. Die lang Herabwallenden Locken der Mägdeleinzierten grüne Bnchsbaumkränzlein. Gesundheit, Unschuld

rissen gestalteten, wahrhaft vornehmen Zügen der sieben-unddreißigjährigen Aebtissin.

Da nun der Bischof mit seinem Gefolge nahe kam,schwenkten die Kinder ihre Zweige und riefen: Hosiannah l"

Alle knieten nieder.

Herr Orthwin seg"ete die da knieten mit dem Zeichendes Kreuzes und sprach zum Gruß:

Christi Heil und Huld sei mit Euch und EuremHause."

Dann stieg er vom Roß.

Jetzo trat Frau Gerberga unter dem Thronhimmelhervor und sprach bewegte Worte voll Weihe zum Will-kommen dem waltenden Bischof.

Nun neigte ein zwölfjähriges Mägdelein mit son-nigem Goldhaar und blitzenden Blauaugen sich'sättig undbegann geläufig in welschen Worten, oder vielmehr in