Ausgabe 
(16.10.1894) 84
Seite
654
 
Einzelbild herunterladen

654

empfing. Sie erzählte, wie des Klosters GründerinOda die Lebensdauer, welche der Psalmist den Menschengiebt, weit überschritt, wie sie ihren Urenkel, Otto denGroßen, noch erblickte und dann, nachdem Gott ihrhundertundsieben Jahre beschieden hatte, selig starb. Zudieser Dichtung fügte das Mägdelein hinzu, daß nunwieder eine Liudolfingerin, die Ururenkelin jenes Herzogs-paares, den Krummstab halte und den Nachfolger desheiligen Altfried, der sie selber, Gerberga, einst zurAebtissin geweiht, als Schirmherrn begrüße.

Wer mag die sonnige kleine Maid sein, die sogeläufig ihr Latein vorträgt?" diese Frage äußerte Tammolächelnd seinem Freunde Altman gegenüber.

Der aber rief mit nicht länger zu dämmendem Ent-zücken:

Mein hold Schwesterlcin Hildeswithal K-nnst Dudie kleine Huldin nicht mehr?"

Die Kirchenglocken luden zum Altare ein. DieAnkömmlinge banden ihre Rosse fest und folgten HerrnOthwin , der an der Spitze des frommen Conventes seineSchritte zuvörderst nach der Kirche lenkte, um dortselbstden Geber alles Gelingens menschlicher Arbeit um seinenBeistand anzuflehen.

Dann begleitete der Bischof nebst einigen Erlesenendie Herrin Gerberga in die Bücherei, ollwo auf langenTischen kirchliche Baurisse ausgebreitet lagen. Die Herrinprüften bedachtsam, verglichen und berathschlagten miteinander. Da gab's an jedem Plan zu loben und auchzu tadeln. Ein schier verzweifeltes Nachdenken heischtees, das richtige zu ergründen. Kümmerniß lagerte sichauf die Stirn des Bischofs. Mit einem Male erhelltesich sein Antlitz.

Unser junger Mathematiker aus der Domschule fehlt,der rersteht sich ja auf die Baukunst; vielleicht weiß derKnabe auch hier klugen Rath. Wo ist er?"

Volkmar beeilte sich lächelnd zu erwidern:

Bcrnward weilt im Sprechzimmer. So ich rechtberichtet bin, wurde ihm mit Tammo die Erlaubniß,seine junge Schwester Judith dorten zu begrüßen, ebensowie Herr Altman von Olesburg zu seinem SchwesterleinHildeswitha an sothaner Stätte reden darf."

Sprach der Bischof:

Laßt jung Bernward kommen."

Das geschah.

In bescheidenem Schritt trat Bernward vor undverneigte sich tief vor Herrn Othwin, der also begann:

Wir haben Dich hierher entbieten lassen, meinSohn, daß Du Dir diese Baurisse beschauest und unsunbefangen Deine Meinung sagest."

Bernward schaute lang abmessend und erwägend diePläne an, ergriff demüthig die Feder und begann emsigseine Striche zu ziehen. Dann hob er das Pergamentempor;

Oft schon zeichnete ich einsam diese Figur in denSand. sie schwebt mir seit Jahren als würdiger Grund-riß eines Gotteshauses vor: Hier im Osten ein Kreuz,wie es ja fast alle Risse, die ausgebreitet vor uns liegen,zeigen, es ist das Kreuz unseres Herrn Jesu Christi ,und hier im Westen abermals die Krcuzform, es ist dasKreuz, das wir unserem Erlöser nachtragen sollen. ImOsten wie im Westen gleicherweise ein Chorabschluß. "

Der Bischof hatte aufmerksam zugehört. Nach einerkleinen Pause sagte er bedächtig:

Deine Jde n, mein junger Baumeister, scheinen

mir der Beachtung werth. Da nun keiner der, Pläne,welche h''er vor uns ausgebreitet sind, unseren vollkom-menen Beifall findet, so beauftrage ich Dich, Deinen ebenflüchtig entworfenen Plan noch hier, ehe wir abreisensauber auszuarbeiten und uns vorzulegen."

Da aber die Berathung vorläufig beendet erschien,wagte Frau Rikkardis, die so bescheiden im Hintergründegestanden, hervorzutreten mit der Meldung, daß der Im-biß gar lange schon der Gäste harre. Die ehrwürdigeRikkardis hatte einst den ersten Lehrstuhl im Sitze Gan-dersheim inne gehabt. Doch als sie mit zumhm ndemAlter den Geist nicht immer so gewillt, wie ehedem, zumVortrage der Weisheit fand, da bat sie demüthig zumKüchen- und Haushaltsdienste entlassen zu werden. DerWunsch ward gewährt, und so führte die geleh:te FrauRikkardis nun unbeschränkte, aber milde und zugleichtüchtige Herrschaft über zahlreiches Gesinde in Küche undHaus.

Jctzo geleitete die Aebtissin ihre Gäste ins Nefec-torium. Der Saal war weitschicht'g angelegt, Säulentheilten ihn ab. Eine lange Tafel mit schneeweißemLinnen und silbernem Geräth lud zum Niedersitzen ein.

Die jungen Edelfräulein, so dem Kloster zur Er-ziehung übergeben waren, hatten das Amt, die hohenGäste zu bedienen; sie sollten sich üben, als zukünftigeHausfrauen. Das thaten sie auch mit vieler Anmuth.

Die Brüder von Sommerschenburg und Altman vonOlesburg hatten bei Beginn des Mahles Gelegenheit,sich des Anblickes ihrer Schwestern zu freuen, ja hin undwieder ein Wörtlein mit ihnen zu tauschen. Späterjedoch waren die Mägdlein verschwunden.

Als nach beendetem Mahle das Dankgebet gesprochenwar, da erschien im Thürbogen leise wie ein Bild imRahmen eine hoheitsvolle Klosterfrau. Von dieser edlenStirn leuchtete ein Geist, der Großes zu gestalten undzu schildern wußte. Das war ein Auge, so in derMenschen Seelen zu lesen verstand und die innerstenGedanken mit raschem Blicke zu erkennen vermochte.Die hochbegabte Dichterin Roswitha GandersheimsHellstimme stand vor den Gästen in Lieblichkeit undMilde. Trotz ihrer fast vierzig Jahre war ihrem Weseneine Anmuth, eine Frische, ja ein schier muthwilligcrFrohsinn verblieben, so daß es begreiflich war, wenn dieSchülerinnen alle in Begeisterung an der holden Frauhingen. Sie führte ein etwa zwölfjähriges, klug aus-schauendes Mägdlein, Hedwig von Stederburg, an derHand. Das Kind trat näher, während Roswitha sichsittig zurückzog, es verneigte sich tief vor dem Kirchen-fürsten und hub also in der Klosterfrau Namen an:

Euch, den Hochgelehrten, in allem Guten wohlBewährten, die Ihr nicht anderer Erfolg neidet, sondern,wie es wahren Weisen ziemt, mit frohen Wünschen be-gleitet, Euch entbietet Roswitha, die unwissende Frau,zu allem Guten ohn' Geschick viel zeitliches Glück undewige Freude.

Bislang hab' ich nur gewagt, mein ungelenk Ge-schreibsel eng Befreundeten zu zeigen. Doch da selbigemich ermunterten, in meiner Schreibart fortzufahren, sohab' ich Selbstvertrauen und Kraft gefunden, mein Dichtender Prüfung weiser Männer zu unterbreiten. So bitt'ich Euch um Euerer Freundschaft willen, ein geistlichSchauspiel, so ich in bester Absicht, Gott zu loben, ver-faßte, jedoch ob seines allzu geringen Werthes bislangverborgen hielt, allhier anzuhören und Euer Urtheil dar-