Ausgabe 
(16.10.1894) 84
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über zu sprechen, auf daß ich aus Euerer Weisheit er-lerne, worinnen ich am meisten fehlte.

Viele unter uns Christen geben, des Zaubers dergebildeteren Sprache wegen, der Eitelkeit heidnischerBücher den Vorzug vor unsern heiligen Schriften, diedoch solchen Segen stiften. Mancher, der festhält anGottes Wort, liest dennoch gern und eifrig des Tcrenzdichterische Gebilde; dcch während der Sprache Anmuthsein Wohlgefallen weckt, wird das Herz ihm vom gott-losen Inhalt befleckt. Darum hat sich Gandersheims HellerMund bemüht, jenes Dichters Schreibart nachzuahmen.Und wenn andere ihn ehren durch das Lesen seinerDramen, so will ick in der Art, wie er das Liebenleichtfertiger Evastöchter beschrieben, von der PreiswerthenKeuschheit gottseliger Jungfrauen singen, so weit dasmeiner schwachen Kraft mag gelingen.

Was ich anstreb' ist dies allein: Gott schenktemeines Herzens Demuth die Gabe des. Gesanges: un-würdig, wie ich bin, will ich dennoch dem Geber seineGabe wieder weihen. In dieser Absicht habe ich meineSpiele geschrieben, und dies ausschließlich ist der Grundfür all' mein Mühen.

So es Euch gefiele, die Bekehrung des FeldherrnGallikan von meinen Schül-rinnen Euch vorspielen zulassen, wird es mir nie gelingen, für Euere PreiswertheHerablassung ein würdiges Entgelt an Dank Euch dar-zubringen."

Herr Othwin war durch das Ansinnen Roswithasaufs angenehmste überrascht. Er erwiderte in huldreicherWeise:Wir werden dem freundlichen Begehren zur StelleFolge leisten, zumal da wir gespannt sind, die frommeDichtung, sowie die Darstellung der jungen Zöglingekennen zu lernen. Geleite uns zu dem Ort der Auf-führung. "

Mit diesen in heiterm Ton gesprochenen Wortenerhob er sich.

Die Kleine verneigte sich geziemend voller Anmuthund schritt durch dre Gänge des Klosters voraus in dengroßen Saal, der für die Schulprüfungen und auch fürsonstige feierliche Anlässe erbaut war. Der Bischof folgte,und sein ganzes Geleite schloß sich in froher Erwartungihm an.

Im großen Saale, welcher durch ein weites Halb-rund geschlossen war, harrten die Klosterfrauen bereitsder Gäste.

Der etwas erhöhte Halbkreis war zur Aufführungdes Spieles bestimmt. Er war durch kleine Tannen-bäume geziert und mit frischem Grün bestreut.

Sobald der Bischof und seine Gefolgschaft ihreSitze eingenommen hatten, ertönte von frischen Kinder-stimmen gesungen ein geistlich Lied, und dann beganndas Spiel:

Der glorreiche römische Kaiser Konstantin tritt auf,befiehlt seinem tapfern Feldherrn Gallikan , dem gefähr-lichen Vordringen der Skythen Einhalt zu thun.

Gallikan erklärt sich bereit, aber nur, wenn ihmConstantia, die Kaiserstochter, zur Gemahlin gegebenwerde.

Constantin geräth durch Gallikans Werbung in dieärgste Bedrängniß: Der Feldherr ist Heide, ConstantiaChristin; noch mehr, sie hat im Geheimen, wiewohlmit Zustimmung ihres Vaters, das Gelübde ewigerJungfräulichkeit abgelegt. In seiner Rathlosigkeit wendetder Kaiser sich an seine Tochter selber.

Ein Bild voll hohen weiblichen Adels, ja die ver-körperte Frömmigkeit und Würde, so trat Constantinvor. Ueber die weiße Gewandung, so ihre schlankenFormen umhüllte, flössen langwellig, wie ein gesponnenesGold, die röthlichen Locken. Sie umgaben ein wunder-liebliches Antlitz.

Das ist ja Judith, unsere Schwester," raunteBernward erstaunt seinem Bruder Tammo zu.

Die edle Jungfrau weiß dem Kaiser einen Aus-weg zu zeigen. Klug erbittet sie sich die erlauchtenTöchter des Feldherrn aus erster Ehe zu schwesterlichenFreundinnen in ihren Palast, während deren Vaterfrohen Muthes zur Kriegsfahrt gegen die Barbaren aus-zieht. Auch sendet sie ihre christlichen Kämmerer Jo-hannes und Paulus dem Kriegsmanne mit ins Feld.Die sollen auf seine Bekehrung wirken. Inzwischen aberfleht die Kaiserstochter den himmlischen Vater an, ermöge Gallikans Sinn wenden, daß er auf ihre Handverzichte. Die lieblichen Töchter des Feldherrn Artemiaund Attika weiß Constantia derweil zum Christenglaubenzu bekehren und für das hohe Ziel, das sie selber sichgesteckt, für die Jungfräulichkeit, zu begeistern.

In den thracischeu Ebenen trifft Gallikan alsbaldauf dcn Feind. Der Kampf entbrennt. Die Römerwerden zurückgeschlagen. Schon wenden sich die Legionenzur Flucht. Die Schlacht scheint rettungslos verloren.Da fordern Constantinas Freunde Johannes und Paulusden rathlosen Feldherrn auf, den Christengott um Hilfeanzuflehen. Er folgt ihrem Rath.

Siehe da, aus dunkler Wolke bricht leuchtend HellerGlanz, und himmlische Heerschaaren eilen gewappnet zuseiner Hilfe herbei. Die Skythen werden geschlagen underkennen die Oberherrschaft der Römer an.

Gallikan, durch das Wunder zur Erkenntniß gebracht,weiht sein Leben ganz dem Herrn; ja er verzichtet frei-willig auf Constantias Hand. Er segnet die Heißgeliebteund seine Töchter, die gleich ihm das höchste Ziel er-koren haben.

Bewundernswürdig spielten die Edelfräulein. DieZuschauer erlebten den Zwiespalt mit, in den Constantiamit sich selber gerieth, als sie, eine Braut des Himmels,sich dem heidnischen Feldherrn verlobte. Sie empfandendie Kämpfe in Gallikans Brust, ehe er den verhaßtenNazarener um Hilfe anrief, und den Widerstreit seinerGefühle, da er sich mit der Liebe zu Constantia imHerzen entschloß, der Welt zu entsagen.

Es erfüllte aber auch mit Staunen, ein wie an-schaulich Bild die Dichterin in ihren kurzen, schnell-wechselnden Scenen von dem Getriebe im kaiserlichenPalast, dem Soldatenleben, dem Gewirr der Schlacht zuzeichnen verstand. In wenig Worten wußte Noswithaein gewaltiges Spiel der Leidenschaften auszudrücken.Die Handlungen drängten sich; ein fröhlicher Geist, einfrisches Naturgefühl, ein gesundes Erfassen der Wirklich-keit sprach sich in den Versformen der alten Poesie aus.

Die Zuschauer waren ergriffen, waren hingerissen.Lautlos verharrten sie noch eine Weile, als das Stückzu Ende war. Dann aber gaben sie begeistert ihrenBeifall kund.

Bernward alhmete tief.

Das war wunderschön," sprach er.RoswithasKunst hat die Verherrlichung Gottes zum Ziel. Siegewährt uns außer dem Genusse an der Schönheit künst-lerischen Schaffens auch Nutzen für die Ewigkeit. So