Ausgabe 
(19.10.1894) 85
Seite
657
 
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85 . IreiLag, den 19. October 1894.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttier),

BemrnmrÄ von HiLdesheim .

Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt .

(Fortsetzung.)

III.

Auf der Pfalzgrnfenburg.

Warum kommt er nicht,

Um meinen letzten Segen zu empfangen?Ich fühle, daß es schleunig mit mir endet.

Schiller.

Das war zehn Jahre später.

Auf der Burg des Pfalzgrafen Athelbero im Sachsen-lande war lange schon ein guter Engel eingekehrt. Derhalf dem greisen Herrn über Altersschwäche und Krank-heitsbeschwerden hinweg, half ihm das Leben wieder lieb-gewinnen, half ihm, selber wieder thatkräftig eingreifenin den Gang der Weltereignisse, wenn auch Athelberodieses Recht mehr aus Pflichtgefühl, als aus Neigungausübte. Der Engel aber war sein Tochtersohn Bern -ward von Sommerscheuburg.

Es war am Allerseelenabend. Um die Burg imWeserwalde tosten die Wetter. Die Waldeswipfel bogensich im Stnrmesbrausen. Hochanf spritzten die Weser-wellen. Das zum Theil noch am heidnischen Aberglaubenhängende Sachsenvolk raunte sich zu:

Wodans WildesHeer reitet auf der SturmcZstraße,auf Wolken gebilden, auf Luftgespinnsten einher. DerWeltgcwaltige auf achtfüßigem Rosse sprengt dem wüsten,wilden Gesinde! voran."

Das tobte und heulte und zischte und pfiff, als seiwahrhaftig die Hölle entfesselt.

Im stillen Kämmerlein ruhte der ehrwürdige Pfalz-graf, todmatt zurückgelehnt im Sessel. Er athmete schwer.Sein müdes, halberloschenes Auge glitt vom flackernden,sturmdurchtosten Kaminfeuer auf das ruhige, fast ver-glimmende kleine Flämmlein der Ocllampe.

Ein Bild meiner selbst," so hauchte er.

Da legte sich leise ein stützender Arm um seineSchulter, eine warme, schlanke Hand auf die kühle Stirndes Greises, und zwei blaue Augensterne schauten innigin die seinen.

Mein Vater, Ihr schlaft nicht, wie ich hoffte, aberIhr gebt Euch trüben Träumen hin bei wachem Auge.Laßt uns plaudern."

Noch einmal leuchtete es auf in des Greises Auge,als sein väterlicher Blick wohlwollend und voll Danküber des jungen Priesters hohe, schlanke Gestalt glitt,

die sich so liebevoll zu ihm niederbeugte. Zart und dochfest, wie aus edlem Stein geschnitten, waren dessen lieb-liche Züge; sein Auge war blau wie der Frühlings-himmel. Blondes Haar umwallte in spielendem Gelockihm Stirne und Schulter. So schlank und zart wieseine Hände, so zart und leise war seine Berührung;und dennoch, das wußte der Greis, war der Arm desJünglings so stark wie federndes Metall, galt es, denSchlaffen zu tragen und zu heben. Ja, die Muskelndieses Armes waren so stark wie die Willenskraft, welchedie Seele dieses Jünglings belebte.

Wie soll ich Dir danken, mein Tochtersohn, daßDu mir, dem schwachen Greise, so treu und unermüdetTag und Nacht Deinen tröstlichen Beistand leihest, mehrals meine eigenen Söhne es wollen und vermögen,"sagte der Pfalzgraf, und deutlicher als aus den Wortensprach aus dem rührend hilflosen Blicke des Leidendenunendliche Dankbarkeit.

Hellrosiger Schimmer, die Nöthe der Beschämungflog über des Jünglings Züge.

Redet nicht so, theurer Vater. Ich that, wasjeder andere an meiner Stelle gethan hätte. Eure eigenenSöhne, die Kriegskundigen, müssen sorgen, wie sie dasLand vor dem Feinde vertheidigen und schützen, mir aber,dem Priester, liegt es ob, friedlich für das Gedeihenund die Wohlfahrt der Seelen zu sorgen und mich nichtminder um Euer leibliches Heil zu kümmern. Vater undMutter sind mir dahingegangen. Wer steht meinemHerzen näher, als Ihr!"

Der alte Herr neigte wehmüthig lächelnd das Haupt.

Recht so, mein Bernward, wir beide gehören zu-sammen, so lange ich lebe. Das war kurz, nachdem Duvon dem Preiswerthen großen Mainzer Erzbischof Willegis,dem heutigen Reichskanzler, die Priesterweihe erhaltenhattest, als ich Dich bat, die Tage meines, wie ich da-zumal vermeinte, aunoch kurzen Lebens bei mir zu ver-bringen. Hätte ich geahnt, daß die Vorsehung mir nochso viele Tage beschicken, so hätte ich das Versprechennicht von Dir gefordert."

Bernward kniete nieder. Sein treues Auge schautewarm und ehrerbietig zu dem Greise auf.

Aber ich, mein Vater, hätte solche Gunst inbrünstigvon Euch erheischt," sprach er in herzlicher Liebe.

Pfalzgraf Athelbero nickte vor sich hin und strichleicht die blonden Locken des Enkels.

Wahrlich, der alte Gott weiß den Rechten an die