Ausgabe 
(19.10.1894) 85
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rechte Stelle zu setzen. Seit Jahren bestelltest Du nichtallein mein ganzes Hauswesen, ja auch seit Jahren über-nahmst Du uneigennützig alle Verwaltungs- und Re-gentensorgen der Grafschaft an meiner Stelle und anStelle meiner Söhne." Seine Hand glitt über dieeigene gefurchte Stirn.

Ah, wie ist mir doch? . . . Mich dünkt, als Dukamst, da lebte und kämpfte noch unser jugendlicherKaiser Otto II. in Italien für seinen großen Gedanken,das römische Reich wieder herzustellen und mit Deutsch-land zu einem gewaltigen Ganzen zu verschmelzen." Undlebhafter fuhr Athelbero fort:Ja so war es. O, hätteOtto gefolgt, als der edle Abt Majolus von Clugny zuVerona ihm zurief:Kehre dahin zurück, von wo Dugekommen bist! Sei versichert, wenn Du nach Rom gehst,so wirst Du Dein heimathliches Reich nicht mehr schauen,sondern in Rom Dein Grab finden!"" Hätte er sich alsowarnen lassen l Ja ja, dahier an der Nordgrenze desDeutschen Reiches fielen die Slaven und Wenden ein;sie waren allgemach kühn geworden durch die Abwesen-heit des höchsten Wächters, des obersten Kriegsherrn.Meine Söhne reiben ihre Kräfte auf in fortwährenderAbwehr dieser wilden Horden. Und den reichbegabten,von Ehrgeiz und von Thatkraft glühenden Kaiser rafftedie dauernde Anstrengung, die fieberhafte Aufregung inder Blüthe seiner Jahre hinweg. Er fand in Rom seinfrühes Grab, wie der Abt vorhergesagt."

Bernward neigte zustimmend das Haupt.

Euer Erinnern, mein Vater, ist heute wunderbarklar und frisch. Gar tiefen Eindruck muß dazumal desMajolus Prophezeiung auf den kaiserlichen Herrn ge-macht haben, daß er in Verona von den deutschen Fürsten heischte, sie sollten sein dreijähriges Söhnlein Otto's alsseinen Nachfolger anerkennen, worauf auch ErzbtschofWillegis selbigen zu Aachen krönte."

Der Greis ergänzte:

Und das war gut; denn der Tod kam allzubaldan des Kaisers Lagerstätte." Dann fügte er noch hinzu:

Du sagst es, und ich nehme es zu meinem Staunenselber wahr, mein Gedächtniß ist heute so frisch, wie esseit Jahren nimmer sich zeigte, und dennoch weiß ichnicht mehr, was seit dem Tode des jungen Kaisers inder Welt vorging. Ich muß geschlafen haben seit jenerZeit."

Bernward erzählte bereitwillig:

Da beanspruchte zunächst der Bayernherzog Hein-rich, des dahingeschiedenen Kaisers Vetter, als nächsterSchwertmage das Recht der Vormundschaft über denkleinen Kaiser, während des letztern edle Mutter, diegeistvolle Griechin Theophano , den ersten Anspruch hatte.Aber auch der französische König Lothar ein Vetter Otto II. von Schwesterseite her, verlangte dasselbe Recht. Welcheherrschsüchtige Nebenpläne die beiden Herren ausspannen,das wurde nicht nur Gott, sondern auch manchem nach-denkenden Menschen offenbar. Der umsichtige Mainzer Erzbischof Willegis aber wußte die Zänker zu trennen,wußte sie zufrieden zu stellen und das Vormundschafts-Recht der Kaiserin -Mutter zu wahren. Ein Glück istes für die edle Theophano, daß der weise und welter-fahrene Willegis ihr als Kanzler so treu zur Seite steht.Eine kraftvolle Persönlichkeit erfordert es, um den stolzenBau unseres Kaiserreiches aufrecht zu halten. NachInnen und nach Außen die Würde des Reiches zuwahren, das hat die ganze Kraft der letzten beiden Kaiser

in Anspruch genommen. Anjetzo liegt die Bürde aufden Schultern einer Frau, so man im Reiche vielfachals eine Fremde betrachtet."

Athelbero richtete sich empor und sprach feierlichmit ausgebreiteten Händen:

Gott segne die jugendliche Kaiserin-Mutter undverleihe ihr Weisheit, das Volk mit Sanftmuth und imFrieden zu regieren, auf daß dasselbe an Kräftenzunehme und im Frieden sein Glück finden möge I" Einschier überirdischer Glanz schien bei diesem Segensspruchvon dem hehren Greise auszugehen.

Voll Ehrerbietung schaute Bernward zu ihm emporIhm dünkte, als ob der Vater höher und höher wachse.

Der sprach weiter:

Mein Ende ist nahe. Das fühle ich. Niemals,mein Enkel, war ich so frei und leicht, so schmerzlos,wie in diesem Augenblicke. Das ist schon das Vorge-fühl der ewigen Ruhe. Den irdischen Sonnenstrahlwerde ich nimmer begrüßen. O, daß wenigstens meinSohn Volkmar noch an mein Sterbelager käme, um fürsich und seine Bruder meinen letzten Segen zu empfangen!"

Vater, mich bedünkt, der hochwürdigste Herr Oheimkann in jeder Stunde allhier eintreffen. Der Bote, soich nach Utrecht sandte, brachte Bescheid, daß der HerrBischof ihm auf dem Fuße folge," also wußte ^Bernwardzu trösten.

Habe Dank, mein Bernward! Nimm heißen Dankauch noch einmal für alles, was Du an mir, an meinerganzen Sippe gethan! Deiner Vermittlung danken wirdie erfreuliche Eintracht und Versöhnlichkeit, so nunmehrunter meinen ehedem nicht allzu friedfertigen Söhnenherrschet. Dir, der mir so oft die heiligen Sacramentespendete, danke ich es vor allem, daß ich in so schönemFrieden mit Gott hinübergehen kann. Und nun thuemir den letzten Liebesdienst, bete mit mir die Sterbe-gebete."

Ich kann's nicht fassen, daß Ihr so bald von unsgehen sollt; doch ich willfahre Euerm Verlangen," sprachder Jüngling tief bewegt. Er kniete abermals an derSeite des Greises nieder und sprach voller Inbrunst dieGebete.

Derweil saßen in der fernen Kemenate zwei lieb-liche Jungfrauen. Sie nähten und stickten mit Goldund Seide ein prächtiges Meßgewand. So fleißig warensie bei der kunstvollen Arbeit, daß sie schier das wildeToben des Unwetters draußen überhörten.

In der größeren, zu voller Lebensfülle erblühtenMaid, deren rothblondes Lockenhaar ein schönes, ernstesAntlitz umgiebt, erkennt man sogleich Judith, jene Dar-stellerin der römischen Kaiserstochter Constantia wieder.Gereifter und schöner nur ist die Jungfrau heute, alsdamals in noch halb kindlichem Lebensalter.

Ihre Gefährtin ist ein sonnig holdes Wesen mitgoldenen Ringellocken und blitzenden Blauaugen. Sieschaut nachdenklich und lustig zugleich in die Welt; unddie Grübchen in den rosigen Wangen werden nicht seltensichtbar, da der rothe Mund sich gar gerne zu holdemLächeln verzieht. Die junge Maid ist Hildeswitha vonOlesburg, so als Kind einst den Bischof Othwin garwacker mit lateinischer Rede begrüßte. Wohlgefällig neigtesie das Köpfchen zur Seite, und bewundernd glitt ihrBlick über das goldig schillernde Prachtgewand.

Noch ein paar Stiche, und meine letzte Aehre ist