Ausgabe 
(19.10.1894) 85
Seite
659
 
Einzelbild herunterladen

659

fertig. Mich verlangt's, die Augen des ernsten HerrnBernward zu schauen, wenn Du das kostbare Meßge-wand vor ihm ausbreitest", sagte sie strahlend.

Nun lächelte auch Judith.

Er wird sich freuen. Doch des Bruders Freudebeim Empfangen kann nicht größer sein, als die meinebeim Geben. Wie lange schon sann ich darauf, demso ganz uneigennützigen, ja fast bedürfnißlosen Priestereine Freude zu machen. Wie lange schon fügte ich Stichan Stich zu dem Gewände, das nun seiner Vollendungso nahe ist, und das ihm ein bleibendes Angedenken anmich sein soll, wenn ich der Welt Lebewohl gesagt habe."

Hildeswithas kindlich frohes Gesichtchen wurde

ernst.

So steht Dein Entschluß unabänderlich fest, unszu verlassen, fragte sie wehmüthig.Ach Judith, alsDein Bote mir das Schriftstück nach Hildesheim brachte,worin Du mich dringend hierher nach der Burg desPfalzgrafen entbotest, weil Du Deine Freundin nocheinmal sehen wolltest, bevor Du einen gewichtigen Ent-schluß ausführtest, ach Liebste da habe ich andereserhofft. Sie bog sich vor und schaute der Freundineindringlich in die Augen.Ich hegte die Hoffnung,daß unsere Freundschaft durch engere Bande noch mehrgefestigt werde; daß Du die innige Neigung, welche meinBruder Altman Dir entgegenbringt, endlich erwiderstund Dich entschlossen habest, seine Hausfrau zu werden."

Judiths schlanke Hand glitt liebevoll über die gol-denen Locken der also Plaudernden.

Du liebe Kleine, ich möchte kein neues Bandknüpfen, so mich an die Welt und an die Geschöpfefester kettete. Ich möchte weine Minne, die Gott ge-hört, nicht theilen. Ja, mein Kind, Du wußtest nicht,daß ich, schon als wir im Stifte Gandersheim weilten,kein höheres Ziel kannte, als Gott zu dienen im heiligenOrdensstande. Meiner hochsinnigen Lehrerin Noswithaerschloß ich damals alles, was mein Inneres durch-wagte. Sie kannte alle Gefühle, die mich bewegtenund drängten. Ich wollte allsogleich im Kloster ver-bleiben. Die Edle rieth mir, ehe ich den Schleiernähme, mich in langjährigem Umgang mit den Menschenund der Welt zu festigen und zu prüfen und mich sofür den hohen Beruf vorzubereiten, den ich erwählt. Dasleuchtete mir nicht ein. So stellte ich mich trotz Nos-withas Rath der hohen Aebtissin Gerberga zur unver-züglichen Aufnahme in den Benedictinerinnen-Orden.Diese aber befahl mir, obschon gütig, so doch mit großerBestimmtheit genau dasselbe, was mir Noswitha gerathenhatte."

Ich habe derweil gründlich mein Herz geprüft,und ich weiß, der Orden Hütte längst mich aufgenommen.Die Kindesliebe hielt mich zurück. Du weißt, am kalten,verödeten Herd unseres Stammhauses, der Sommer-schenburg, war eines Mägdleins Bleiben nicht. Tammo,der Burgherr, schlug sich, wie es sich gebührt, heute hier,morgen dort mit den Feinden unseres Landes. Jetztkämpft er, Gott sei ihm gnädig, mit den Wenden. MeinGroßvater Athelbero aber rief die elternlosen Töchterseiner Tochter auf die Pfalzgrafenburg. Meine kleineSchwester Thietburg hat freilich seit Jahren schon dortein Heim gefunden, wohin es mich schon lange zieht,in Gandersheim . Ich selber aber fühlte die Pflicht,dem alten Manne, der mir so väterlich eine Zufluchtgeboten, die Hausfrau und die Tochter zu ersetzen, so

lange, bis er Heimberufen wird. Der traurige Augen-blick wird schwerlich mehr allzuferne sein, darum entbotich Dich hierher, um von Dir, der liebsten Freundin,Abschied zu nehmen.

Bringe auch Deinem Bruder meinen Dank fürseine freundliche Gesinnung und vermittle ihm meineletzten Grüße.

Ob ich die Rückkehr meines lieben kriegerischenBruders Tammo aus dem Felde noch abwarte, bleibtdahingestellt. Ich möchte jetzt schon des Helden Obsorgeunser Schwesterlein Thietburg recht warm empfehlen.Die unselbständige kleine Maid wird dereinst in derWelt eine rechte Stütze nöthig haben."

Hildeswitha sagte lächelnd:

Sei unbesorgt. Die rechte Erziehung wird Thiet-burg in Gandersheim schon zu Theil, und für die that-kräftige Stütze im weltlichen Leben sorgt später der liebeGott. Es ist doch verwunderlich," fügte sie dann hinzu,daß ich Deinen so oft von Dir genannten ritterlichenBruder Tammo noch nicht gesehen habe."

Aber Kind," sagte Judith vorwurfsvoll,er kamdoch mit Bischof Othwin von Hildesheim , als wir inGandersheim den Gallikan aufführten."

Die Goldblonde lachte herzerquicklich.

Ja damals war ich zunächst nichts anderes alsNoswithas Zunge und sah nur den lebenskräftigenBischof, dem ich die Dichtung vortrug; dann aber wurdeich mit Leib und Seele Artemia, des Gallikan Tochter.Was kümmerten mich die Zuschauer, so ich keines Blickeswürdigte! Wenn ich auch selber nicht der Welt entsagenwollte, so konnte ich mich doch in meiner Artemia Ge-fühle hineindenken."

Judith schwieg. Nach einer Weile sprach sie ernst:

Hildeswitha, ich sorge um Dein Schicksal. Man-ches liebe Mal habe ich schon darüber nachgedacht, obder schwarzlockige Wendenprinz, ich glaube, Slavomirwar sein Name, so damals als Unterhändler zum Hildes-heimer Bischof kam und sich um Deine Gunst bewarb.Dein Herz als Geisel mit sich nahm."

Die Kleine lachte.

Weiß ich's selber? Ich sehe ihn, wie er auf seinemkleinen rauhhaarigen Rosse in den Burgfrieden einreitet.Da springt er ab. Da steht er vor mir mit seinenseidigen rabenschwarzen Locken und langem Spitzbart,mit seinen glänzend schwarzen Augen im braunen Ge-sicht. Eine hohe Pelzmütze mit Ketten und Münzenverziert thront auf seinem Kopf. Ein langes Gewand,von goldenem Gürtel gehalten, umschließt eng die schlankeGestalt. Der blitzende Dolch steckt im Gürtel, dasSchwert hängt an seiner Seite. Seine braunen muskel-starken Arme sind unbedeckt, doch mit goldenen Ringengeschmückt. Ja, da steht er auf seinen Schild gelehnt,schaut sicher und siegesbewußt mich an und fragt nachdem Wege zur Bischofsburg. Den zeige ich ihm. Spä-ter besucht er zum Dank die Mutter und mich undspricht ein gar so spaßiges Deutsch, wobei er, so glaubeich, etliche Huldigungen anbringen will. Es gelingtaber nicht so leicht. Von dem Besuche bei Herrn Othwin sagt er nichts. Daß die Sendung nicht nach Wunschausgefallen, beweist der langjährige Krieg."

Judith nickte.

Tammo kämpft jetzt gegen Mistui, jenes Slavo-mir königlichen Vater. Ich kann die Zeit nicht erwar-ten, die uns Kunde . . .