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Da fliegt jach die Thüre auf.
Luitgard, die Obermagd, stürzt schreckensbleich mitfliegenden Zöpfen in's Gemach, ihr nach eine entsetzteMädchenschaar.
„O Herrin, wir halten's nimmer aus in der Ge-sindehalle," ruft'die Maid. „Es kommt heran. Zwi-schen dem Heulen der Windsbraut und dem Stöhnender Eichen, da tönt's grausig wie Pferdegetrappel, wieheiseres Wiehern. Ja, schauerlich vernimmt man Men-schentöne, Meutekläffen."
„Und Herrin," so berichtet mit versagendem Athemdie beherzteste der Mägde, die stämmige Brunhild , „michgelüstete es, einen Blick durch den Nitz des Fenster-ladens zu thun. Was ich sah? . . . ." Sie bekreuztesich. „Hundert feurige Augen! So kommt es aus derTeufelsschlucht heraufgeschnoben und wird alsogleich anunserer Burg vorübcrsireichen."
Judith richtete sich hoch auf, ihre Brauen zogensich zusammen.
„Seid Ihr Heiden, daß Ihr an den Spuk derwilden Wodansjagd glaubt?" fragte sie zürnend. „SchämtEuch, Christenmädchen l Was Ihr hörtet mitten aus demnächtlichen Sturm — das Nahen eines Neitertrupps —wird, Gott sei gelobt, die ersehnte Ankunft meines HerrnOheims, des hochwürdigsten Bischofs von Utrecht , be-deuten. Die feurigen Augen, so Du, Brunhild , zu er-blicken vermeintest, werden ebensoviele Fackeln sein. —Horcht, da stößt der Wächter in's Horn. Hurtig hinausmit Euch und alle Fremdenstnben zur Ausnahme derGäste hergerichtet!"
Das stob jetzund halb beschämt, halb ängstlich nochund verlegen kichernd nach allen Richtungen. Da gab'smit einem Male mehr zu thun, als einander mit heid-nischen Sagen und Märchen bange zu machen.
Voll jungfräulicher Würde trat Judith bald daraufihrem bischöflichen Oheim und dessen Gefolge zumEmpfang entgegen.
Herr Volkmar segnete sie und fragte nach der erstenBegrüßung:
„Kind, wie geht es meinem Vater? Komme ichnicht zu spät?"
„Noch lebt er", entgegnete Judith und konnte, zuihrem Schmerze, dem Oheim nicht verhehlen, daß er justnoch zur rechten Zeit gekommen, um den Altersschwachennoch lebend anzutreffen.
„So weit ist's schon," flüsterte Herr Volkmar be-stürzt; er wollte alsogleich nach dem ihm bekanntenGemache des Vaters eilen.
Judith aber hielt ihn sanft zurück.
„Nicht so, mein Oheim; ich möchte Eure Ankunfterst melden."
Sie glitt unhörbar hinein und kehrte nach einerWeile mit thrünenersüllten Augen zurück.
„Bernward betet mit einem Sterbenden. Der Edlewird bald ausgerungen haben," sprach sie erschüttert.
So leise Volkmar auch eintrat, der Verscheidendeempfand dessen Nähe.
Er hob noch einmal den Kopf und schaute denSohn mit einem letzten liebevollen Blicke an.
Der kniete nieder. Athelbero legte noch segnenddie Hand auf den Scheitel des Sohnes. Dann athmeteer schwer. Sein Haupt sank in die Kissen zurück.
„Er steht am Throne GotteS," flüsterte Bernwardund drückte dem Verschiedenen die Augen zu.
Jene lieblichen Spätherbsttage, welche der Volks-mnnd „Allerheiligensommer" getauft hat, folgten ihrenverderbenbringenden stürmischen Vorgängern. Die Herbst-sonne mit ihrem milden wehmüthigen Schein verklärtewieder die alte Pfalzgrafenburg. Das farbige Laub,welches der Sturmwind noch übrig gelassen hatte, um-kränzte so bunt und mannigfaltig den zinnengekröntenBau, daß die alte Beste ordentlich verjüngt und freund-lich über das Westerland hinauslugte.
Der Stammherr Athelbero aber sah nichts mehrvon der Schönheit des friedvollen herbstlichen Bildes.Er schlief in der Gruft seiner Ahnen.
Droben in des Heimgegangenen Lieblingsgemachsaßen dessen Sohn und dessen Enkel in ernster vertrau-licher Zwiesprache.
Bernward mußte dem Bischof hundert kleine Zügeaus dem Leben des edlen Verblichenen berichten.
Volkmar sprach weich:
„Nun segne ich Deinen kindlichen Edelmuth undDeine hohe Willenskraft, die Dich den Abtsstab vonDeventer und alle damit verbundenen Ehren, so ich Dirvor Jahren anbot, zurückweisen ließ. Das Verlangen,Dich in meiner Nähe zu haben, Dich wie einen Sohnmit Ansehen und Ehren zu überhäufen, war eigennützig,das sehe ich anjetzo ein, wenn schon Deine beharrlicheWeigerung wich dazumal beträchtlich kränkte. Sei still.Jetzt danke ich Deiner edlen Selbstaufopferung, so Dichdie Prülaturwürde verschmähen ließ, um dem kranken,altersschwachen Vater eine solch' herrliche Stütze zu sein.
„Nun Dich keine Liebespflicht mehr hier im Ver-borgenen fesselt, so ergeht ein anderer Ruf an Dich.Ich thue Dir eine Bitte kund, welche mir die hoheKaiserin Theophano schon an Dich auftrug, als Du zumerstenmal als Botschafter Deines Großvaters zu mirnach Untrecht gekommen warst und sie Dich allortenkennen gelernt hatte.
„Die Herrin entbietet Dich an den kaiserlichen Hof.Du sollst die Stelle eines PalastkaplanS bekleiden.Ja, die hohe Frau möchte Deiner Führung die Erzieh-ung und den Unterricht des siebenjährigen Kaisers an-vertrauen. "
Bernward sprang heftig auf; es schien fast, alswollte er fliehen.
„Mein Oheim, wie könnte ich eine derart verant-wortliche Stellung würdig ausfüllen!"
Herr Volkmar versetzte kopfschüttelnd:
„Du bist zu bescheiden. Die kaiserliche Herrin be-harr! auf ihrem Wunsche. Sie wurde darin noch be-stärkt durch Herrn Osdag, den jetzigen Bischof von Hil-desheim ; der empfahl Dich als den geeignetsten für dasLehramt. Dem Gereiften mußt Du ein rechtes Urtheilüber Deine Fähigkeiten schon zutrauen. Und bedenke,mein Sohn, welch' eine herrliche Aufgabe wird Dir mitder Erziehung des jungen Kaisers zu Theil. In DeinerMacht steht es hinfüro, den Willen des kaiserlichen Herrnund mit ihm den des deutschen Volkes zum Guten Zulenken."
Das machte Eindruck auf den jungen Priester. Erwurde nachdenklich.
„Hierin habt Ihr nicht ganz Unrecht," sagte er leise.Er stützie den Kopf in die Hand und starrte vor sichnieder. Endlich schaute er empor und reichte dem er-freuten Bischof die Hand.