Ausgabe 
(19.10.1894) 85
Seite
661
 
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Gnaden beistehen, daß ich die große Aufgabe nach seinemWillen vollende."

(Fortsetzung folgt.)

-sr-B-ss----

Zm Traume.

Wie lag im Reich der TräumeDie Welt mir einst so schön.

Voll «Schimmer, Dust und Blüthen,

Im Thal und auf den HZH'n.

Wie festliches Geläute,

Wie Orgelklang und Sang,

In wundersamen TönenMir in die Seel' es drang.

Von Sonnengold umwobenDa trat in meine Näh'

So engelschön und lieblich,

Lichtstrahlend eine Fee.

Sie neigt zu mir sich freundlichUnd küßt die Stirne mein,

In süßem WonneschauerErbebt mein ganzes Sein.

Dochsachte, sachte" flüstertJbr Mund voll Innigkeit,

O, bald genug dich wecket

Die rauhe Wirklichk.it." Friärun.

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Der Oktober in Nom.

«Nachdruck verboten.)

Dieser Monat, der nicht nur in den Ländernjenseits der Alpen, sondern auch schon in Oberitalien denherben Vorgeschmack des Winters zu geben Pflegt, ist inRom der unmuthigste des ganzen Jahres. Die Sommer-dürre dauert im Durchschnitt drei Monate ohne Unter-brechung, und indessen steigt die Hitze täglich über 30,mitunter gar bis 35 oder 36 "0. im Schatten. Daraufaber folgen im September immer einige Negeütage. Als-bald sproßt allenthalben frisches Grün hervor, und dienoch kurz vorher ausgedörrte Campagna verwandelt sichin Zeit von einigen Wochen wieder in einen unabsehbaren,saftigen Naturpark, bei einer Temperatur von höchstens23 bis 25°. Deßhalb ziehen auch heute noch, wie schonvor 2000 Jahren, Alt und Jung, Männlein und Weib-lein vom römischen Arbeiterstaud an schönen Oktobertagen,vorzugsweise am Sonntag oder am Donnerstag, in'sFreie hinaus zu den ländlichen Weinschänken, wo sie sichan Wein und Braten gütlich thun. In ordentlichen Fa-milien wird das ganze Jahr lang von jedem Wochen-verdienste ein Theil in die «Sparbüchse gelegt, und wodiese nicht reicht, da muß schließlich das Pfandhaus helfen,damit dieOttobruta," (das Oktoberfest) gefeiert werdenkann. Da sieht man denn schon mitten im Vormittag dieeinzelnen Verwandt- und Freundschaftssippen unter Spielund Gesang wegfahren aus den engen, dumpfigen Gassendes Trastevere und älterer Stadttheile, voran die weib-lichen Mitglieder in einem geräumigen, zweispännigenLandauer, dessen Kutscher ebenso corrcct in schwarzemLeibrock mit weißer Halsbinde und Cylinderhnt gekleidetund dessen Pferde ebenso glänzend geschirrt sein müssen,wie wenn sie im Winter die reichsten Fremden zu, fahrenhaben. Aber wie viele Passagiere befördert heute einsolcher Wagen? In seinem wcitbauchigcn Innern quetschensich Mütter und Tanten, stets fünf bis sechs, deren Ge-wicht schon allein hinreicht, die Dehnbarkeit der Wagen-

I federn auf eine harte Probe zu stellen; denn so eineI römische Matrone ist in Wahrheit eine gewichtige Person.Von den jungen Mädchen klettern drei auf den Haupisitzhinter die Mütter und richten sich auf der zurückgeschlagenenWagendecke zum Sitzen ein, während das vierte sich aufden Bock schwingt, um neben dem Kutscher Platz zu neh-men. Einige kleinere Kinder, die zwischen den älterenPersonen eingezwängt stehen und von diesen ab und zuauf den Schoß genommen werden, vervollständigen dieLadung des Landauers. Das auf dem Bock sitzende Mäd-chen stimmt die Volkslieder an, welche seine Genossinnenmit ihren Tamburins begleiten und deren Schlußverse vonder ganzen Gesellschaft mitgesungen werden. Ein ähnlicherWagen oder auch ein gewöhnlich zu gewerblichen Ver-richtungen verwendeter leichter Karren folgt eben so voll-gepfropft mit dem männlichen Theil der Gesellschaft, derauch am Gesang theilnimmt. Früher bekam man betdieser Gelegenheit auch die malerischen Volkstrachten beiderGeschlechter zu sehen, die jedoch schon in den letzten Jahrender päpstlichen Regierung allmälig abnahmen und jetztkaum noch hie und da zum Vorschein kommen. Die ver-heiratheten Frauen trugen Kleider von schwerer Seideoder Brokat in grellen Farben, die kaum drei- oder vier-mal im Jahr aus dem Kasten hervorgeholt wurden undbereits seit mehreren Generationen sich von Mutter aufTochter vererbten, nachdem sie neu als Festgewändsr vonEdeldamen in fürstlichen Prunksälcn geglänzt hatten. Einam Halse durch zwei massive «Silberkrampen zusammen-gehaltenes Leibchen von schwarzem Sammt ließ vorne dasbraunseidene Mieder hervorschauen. Das reiche schwarzeHaar war in der Mitte gescheitelt und in Flechten umdie Ohrmuschel herum zum Hinterkopf geführt, wo es zueiner Art Körbchen gewunden, welches ein hoher, fein-durchbrochener Kamm nebst einer silbernen Rose mit zit-ternden Blättern überragte. Das Kleid reichte nur bisauf die Knöchel herab, den kurzen, aber kräftigen Fußim weißen gestickten Linnenstrumpf mit kleinen Schnallen-schuhen frei lassend. Den originellsten Theil der Toiletteaber bildeten die Ohrgehänge, bestehend aus einer Anzahldicker Goldbeeren mit Perlen, die bei jeder Kopfbewegungan einander klangen und, um recht ansehnlich zu sein,bis auf die Schultern herabhängen wußten. Diese ArtGeschmeide findet man heute nur noch bei AltkrämernSchwere Goldketten, in acht bis zehn Gewinden vom Halsüber die Brust herabreichend, und eine Unzahl dickerGoldringe, wodurch die Finger steif gehalten wurden, ver-vollständigten den Schmuck, der als heiliges Familicn-erbgut galt. Aehnlich wie die Frauen waren auch dieMädchen in grelle Farben, aber in einfachere Stoffe ge-kleidet. Keck auf dem linken Ohr trugen sie ein rundes Hüt-chen von schwarzem oder grauem Filz, das sie mit einerkünstlichen Rose und mit kleinen, glänzenden Geschenkenihrer Liebhaber schmückten, worunter dann als Zeichendes Brautstandes das von einem Pfeil durchbohrte silberneHerz nie fehlen durfte. Die Männer und Jünglingetrugen enge Kniehosen mit Silberschnallen, buntgestreifteStrümpfe, scharlachrothe Weste, worunter eine bunte Seiden-schärpe mit laugen Fransen hervorlugte, und nachlässigüber die linke Schulter hingeworfen ein Wams vonschwarzem Sammt. Den Kopf bedeckte ein schwarzer, spitzzulaufender Filz mit breitem Rand.

An dem bestimmten Vergnügnngsort angelangt, sorgtman zunächst für die Kräftigung des materiellen Men-schen. Als Hauptgerichte des Festschmauses sind Maccaroui