Ausgabe 
(19.10.1894) 85
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und Lammbraten unentbehrlich; jedoch nimmt man auchgerne Schinken, Brathuhn und Salat obendrein, und dazuwird eine ansehnliche Menge Wein getrunken. Nach demMahle wird zum Tamburin getanzt, der reizende Sal-tarello, bei dem jedesmal ein Paar der ganzen Gesellschaftzum Schauspiel dient. Bet der Heimfahrt geht es lauther, ein Zeichen, daß der Schelm Bacchus mit dabei ist.

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Zwei Todte.

Erzählung von Ch. Jlosa.

(Nachdruck verbotrug

Ich faß im Zwielichte in meinem Zimmer. Es warden Tag über sehr heiß gewesen. In der Hauptstraßehatte man nur Leute gesehen, welche schmachtend in drang-voller Enge auf der Pferdebahn zu den Bädern der Vor-stadt fuhren. Selbst am Abende noch strahlte das Pflasterden Sonnenbrand aus trotz der angestrengten Arbeit derStraßensprcnger. Solch einen Septembertag wollte mannoch nie erlebt haben. Und dabei schon die beginnendeMelancholie des Herbstes im Garten vor meinem Hause,die Todesahnung bereits in Wald und Feld. Es schienfast, als sollte Heuer die Natur verzehrt werden von ihremeigenen Lebensfeuer, von der inneren Gluth einer todes-frcudigen Energie, wie so manches ruhelose Mcnschenherz.Ich dachte unwillkürlich an meinen Freund Eid daswar einst seinKneipuame" in der Verbindung, vollerBefürchtungen durch die Zeitungsnachricht von einem neuenAraberaufstande, in dessen Bereiche die Missionsstationdes Braven gelegen war. Es litt mich nicht länger zuHause, und ich verließ meine Wohnung, um noch einenSpazicrgang im nahen Parke zu machen.

Eine wunderbare Nacht war herniedergestiegen aufdie Erde. Laue Luft und sternbesäeter Himmel, aus fernenGürten Musikklünge, durch die dämmerige Wiesenmattedas silberne Band des Wassers, darüber ein zarter Nebel-schleier, leises Schauern in den dunkeln Baumkronen undvom bleichen Mondlichte umflossen wie verzaubert in klas-sischer Ruhe ein antiker Tempel: ganz die Stimmung wieein Nachtlied Eichendorffs. Während ich in Beschallungversunken stehen blieb, näherten sich auf einmal mir hinter-rücks rasche Schritte, und mit den Worten:Hab' ichDich endlich!" klopfte mir mein Freund, der Nechtsanwalt,auf die Schulter.

Sie sind geschlagen auf der ganzen Linie," riefer fröhlich.

Die Araber?" entgegnete ich aufathmcud, nochunter dem Banne jener Zeitnngsmeldung.

Er lachte hell auf.Nein, bedauere, bloß meineProzeßgcgner. Doch immerhin auch ein Triumph derKultur und Intelligenz über Barbarei und Finsterniß!"Und scherzhaft in parodierendem Pathos schob er seineRechte zwischen Brust und Rockkragen.Aber höre,da wollen wir nicht stehen bleiben. Ich habe Dich soebenauf DeinerBude" gesucht und bin nun eigens Dir nach-gegangen. Mein Sieg muß selbstredend gefeiert werdenund Du allein sollst dabei sein!" Er hatte mich damitbereits unter'm Arme gefaßt, wir kehrten um, und er be-gann nun in unversieglichem Redeströme mit einem ge-wissen Humor und einer leisen, burschikosen Ironie fürdie eigenen Schwächen nicht minder als für die desNächsten den ganzen Kampf und Sieg seines Prozessesmir auseinanderzusetzen.

Man konnte ihm nicht böse werden oder etwas ab»schlagen. Und ich finde es begreiflich, daß der Kreis seinerKlientel täglich wuchs, wie er mir mit freudiger Genug-thuung erzählte. Er war ja für seinen Beruf wie ge-schaffen. Die Rednergabe ward bei ihm durch eine ge-winnende Erscheinung unterstützt: eine stolze Figur, einfreundliches, offen blickendes Auge, ein wohlklingendes,deutliches Organ und eine gewisse edle Nachlässigkeit inHaltung und Bewegung. Es gab mal eine Zeit, da wolltemein Freund Künstler werden, wofür ihn sein gewählterGeschmack und freier Sinn auch berufen hätten.

Wir hielten unentwegt in Ernst und Scherz guteKameradschaft und freuten uns ebenmäßig, als ich nachlängerem Aufenthalte im Auslande nach Z. zurückkehrteund wir wieder unserer alten Gewohnheit gemeinsamerLektüre und gemeinsamer Kunstgenüsse leben durften. All-wöchentlich kamen wir Mittwoch Abends zu einer kleinenTafelrunde" zusammen, wir beide und noch fünf gleich-gesinnte Freunde, darunter zwei Künstler. Hatten er oderich aber etwas Besonderes auf dem Herzen, so trieb esuns zu einander zur Aussprache, wie heute ihn zu mir.

Wir waren auf unserer Umkehr längst im Innernder Stadt angelangt. An den Kaffeehäusern und Restau-rants standen Thüren und Fenster offen, um das bischenNachtkühle in die erhitzten Räume einziehen zu lassen. Sieschienen schwach besetzt, denn alles hatte sich in die Kellerund Gürten geflüchtet. Vereinzelt aus den Fenstern obererStockwerke der Häuser vernahm man Klavierspiel. Nurwenige Leute begegneten uns. Hie und da tauchte imDunkel eines Thores ein Schutzmann auf. In der Fernerollten Pferdebahnwagen, bei den Haltestellen ertöntenihre Signalglocken. Einige Radfahrer huschten gespenstischan uns vorüber, gerade als wir um eine Ecke bogen undvor den Nathhauskeller kamen, dessen farbige Laterneeinen bunten Zauberkreis auf dem Trottoir schlang. Wirstanden mitten in diesem Zirkel d'rin, da hielt mein Be-gleiter plötzlich an, und gravitätisch mit seinem Stockeum uns den leuchtenden Regenbogen nachbeschreibend,deklamirte er schalkhaft-geheimnißvoll:

Mir scheint es. daß er magisch leise Schlingen

Zu künst'gem Band um unsere Füße zieht!"

Wie wär's da drunten mit einer vierhändigenKumpanei, um meinen Sieg zubegießen"? Komm'!"Und wir schritten auch schon die Steinstufen hinab.

Die Doppelflügel der Thüre rumpelten ächzend hinteruns zusammen und unsere Tritte hallten auf dem Estriche.Der weite gewölbte Raum schien ziemlich leer, denn dasPublikum, das ihm die charakteristische Physiognomie zuverleihen pflegt, kam erst später. Ein diskreter Zigaretten-geruch durchzog die etwas weinduftige Atmosphäre. DieKellnerinnen standen oder saßen noch in Gruppen bei-sammen, gähnend oder in müßigem Geplauder. EinigeStammtische erst waren besetzt oder durch umgelehmeStühle belegt. An ein paar Tischen machten es sich kleineanimirte Gesellschaften gemüthlich, die auch wie wir einEreigniß" feiern wollten und die lebhaft aufsteigendeSkala ihrer Festesfreude durch die Zahl der bereits über-wunden auf dem Tische stehenden Flaschen drastisch ver-anschaulichten. Wir ließen uns in einer lauschigen Nischenieder, eine dienstfertige Kellnerin zündete uns den Lüsteran, der Wirth begrüßte uns, mein Freund bestellte einenJngelheimer,als Minnetrank für Karl den Großen undKonzession an Deine Fakultät", wie er mich belehrte, undbald klangen unsere Gläser festlich zusammen zu Ehren des