Ausgabe 
(19.10.1894) 85
Seite
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Sieges über die Barbarei". Mit gespitztem Munde inbedächtigem Schlurfe wie ein Epikureer sog mein Freundan seinem Glase und setzte es dann mit leichtem Schmatzennieder.

Apropos" sagte er leise, sich über den Tischzu mir herüberbeugend und die Hände an dessen Kantespreizend vooam Barbarei: weißt Du's schon,der Rittmeister A. ist heute im Duell erschossen worden?"

Was?!" erwiderte ich bestürzt und faßte wie nacheinem Halte nach den Händen meines Gegenüber.Deralte Herr?! Und Frau und Tochter?"

Ja, ja. Es ist schauerlich. Du weißt also nochgar nichts? Ein Kollega, der bei dem sogenannten Ehren-handel Sekundant gewesen ist und dem ich zuvor auf derStraße begegnet bin, hat mir alles erzählt. Er sagte mirauch, daß die kränkliche Gattin von dem heute früh imMorgengrauen stattgehabten Duell erst durch einen hinter-lassenen Brief ihres Mannes erfahren habe und, als manihr kurz darauf auch schon die Leiche des Gatten brachte,bei deren Anblicke von einem Herzschlage ereilt worhensei, so daß sie im Verlaufe des Nachmittags ihrem Mannein die Ewigkeit bereits nachfolgte. Ist nun dieses ent-setzliche Duell nicht eine Barbarei, eine unmenschliche?Eine Gewissenlosigkeit, eine vermessene, pflichtvergessene?"Seine Stimme war zuletzt ziemlich erregt geworden. Erleerte sein Glas auf einen Zug und stellte es auf denTisch, daß es klirrte. Dann zündete er sich nervös eineZigarette au, blies eine dichte Rauchwolke in den Ganghinein und lehnte sich zurück.

Es entstand eine Pause. Wir sahen einander zerstreutan, jeder befangen von dem Eindrucke des Erzählten.

Aber wie ist denn alles soweit gekommen?" unter-brach ich zuerst das Schweigen.

So höre!" Und mit gedämpfter Stimme erzählteer mir kurz, wie der Rittmeister mit seiner Tochter ineinem Gartenkonzerte gewesen sei, dort habe ein jungerAmtsrichter das Fräulein auffällig fixirt, der Vater habeden Herrn zur Rede gestellt, man sei in Rede und Ge-genrede immer heftiger geworden, zuletzt habe in der Hitzeder alte Herr dem Gegner eine Ohrfeige angeboten undso weiter.Schlußeffekt: Pistolenforderung, Tod des Be-leidigten, Tod seiner Frau, die Tochter eine Waise! Undall das Entsetzliche, weil ein Beamter, der als Korps-student ein Provokateur und Mensurheld gewesen war,von den Dreistigkeiten und den fossilen Ehrbegriffen seinerFuchsenzeit selbst als Diener der heiligen Justitia sichnoch nicht hat freimachen können und immer noch dasBeleidigen für edler hält als das Abbitten. Und weilein Familienvater die Seinen des Ernährers berauben,die Gattin zur Wittwe und die Tochter zur Waise machenläßt, bloß weil er dieSchande" fürchtet, seine UniformMit dem bürgerlichen Rocke vertauschen zu müssen, wenner die ewigen, natürlichen, sittlichen Pflichten höher stelle,als den vergänglichen, gekünsteltenKomment" seinesStandes! Es ist zu toll!"

Seine Zigarette hatte er im Verlaufe seiner Redeso oft in Brand gesteckt, erkalten lassen, ihre Asche ab-getupft, daß ein ganzer Stapel Schwedischer vor ihm lagund das weiße Tischtuch von den Flocken verkohlten Pa-piers und zerstobener Asche ganz berußt war. Er goßden Nest der Flasche schweigend in unsere Gläser, schienaber noch keine Lust zum Heimgänge zu verspüren, denner zündete sich abermals eine Zigarette an, stand auf,holte sich vom benachbarten Tische eine Zeitung, die er

schon im Gehen anfing zu lesen, fetzte sich und zog einenStuhl herbei, um seitwärts sich bequem anlehnen zu können.

Ich sah ihm stumm zu. Auf mich hatte die Duell-geschichte einen ergreifenden Eindruck gemacht. Die Er-innerung an Eid war dadurch von Neuem in mir auf-gestiegen.

(Schluß folgt.)

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Lohn einer edlen That.

Es war im November des Jahres 1876. Ein ent-setzlicher Orkan wüthete im Canal zwischen Frankreich und England , und deutlich bemerkte man an der Küstevon Jersey die Nothsignale eines Fahrzeuges, das dietobenden, schaumgekrönten Wogen gegen die schrecklichenPater Noster-Felsen trieben, ein Name, der an den letztenAngstschrei der Seele in der Stunde der Gefahr erinnert.Der Versuch, durch den rasenden Sturm hindurch denUnglücklichen Hilfe zu bringen, wäre Wahnsinn gewesen,ein fruchtloses Opfer des eigenen Lebens; und so sahendenn auch die Fischer, welche die Alarmzeichen der be-drängten Mannschaft aus ihrer Behausung gelockt, mitohnmächtigem Schmerz und Grimm dem langsamen,verzweifelten Todeskampfe des Fahrzeuges gegen dieWucht der Elemente zu; schaurig tönte durch das Brausendes Sturmes das Hilfegeschrei der Strandenden, düsterzuckte es über die wetterharten Gesichter der Fischer vonLecq. Endlich tritt einer von ihnen vor, er hat einenheroischen Entschluß gefaßt; es ist ein alter Mann,dessen Haare zwar weiß, dessen Muskeln aber von Stahlsind. Er läßt ein Rettungsboot ins Meer, um dengierigen Fluthen wenigstens eines oder das andere ihrerOpfer streitig zu machen. Und kann er sie nicht retten,so hat er es doch versucht, und sollte er mit untergehen,so befiehlt er Gott seine Seele.

Aber allein kann er das Rettungswerk nicht unter-nehmen. Er ruft einen Freiwilligen auf, um es mitihm zu theilen, jedoch es meldet sich keiner. Nicht, daßes den am Strande versammelten Männern an Muthfehlte, aber man brauchte mehr als Muth, man brauchteHeroismus, um diesen Kampf mit den entfesselten Ele-menten zu wagen; vor dem sicheren Tode, der ihrerwartet, weichen auch die Tapfersten zurück. Da löst sichaus den Reihen der Männer ein Jüngling, der Sohneines Fischers und von Kindheit auf mit Wind undWogen vertraut. Er trägt sich dem Alten als Gehilfenan, ehe er aber in das Boot springt, umschlingt er mitseinen Armen eine Frau in Trauerkleidung, die ihm zurSeite gestanden, und bittet mit fester Stimme:

Mutter, laß mich gehen!"

Die-arme Frau war seit sechs Monaten Wittwe.Ihr Gatte, ein wackerer Fischer, war eines Morgensin's Meer hinausgefahren, um seine Netze auszuwerfen.Als er abfuhr, war die See ruhig und unbewegt wieein Spiegel, aber plötzlich erhob sich der Sturm, undnächsten Tages fanden die Fischer die Trümmer seinesin Stücke gegangenen Bootes. Von ihm entdeckte mankeine Spur, nicht einmal den Leichnam spülte die Seeans Land. Und von dieser unglücklichen Frau erbat sichder einzige Sohn in diesem Augenblicke die Erlaubniß,der Wuth des Meeres, das vor kurzem das Grab seinesVaters geworden, trotzen zu dürfen. Ihre von Thränenerstickte Stimme murmelte eine Weigerung; aber lauter