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klangen die Hilferufe der untergehenden Mannschaftherüber, schneller folgten die Nothschüsse aufeinander.Sie dachte daran, daß dort auch Gatten, Vater, Söhneseien, die dem Tode ins Auge schauen mußten, und ihremeigenen Schmerze Schweigen gebietend, drückte die helden-müthige Frau-ihren Sohn an sich und sagte:
„Geh', Du mein Einziger, nnd sei gesegnet! Gott möge Dich heil und gesund in die Arme Deiner un-glücklichen Mutter zurückführen!"
Von den Wogen hin- und hergeschlendert, entferntesich das Boot rasch vom Lande; wacker arbeiteten diebraven Seeleute gegen den Sturm. Aber die armeMutter sah es nicht mehr, sie war ohnmächtig amStrande zusammengebrochen, und mitleidige Nachbarntrugen sie in ihre Hütte.
Bald hörte mau einen entsetzlichen Krach. Das stolzeFahrzeug war auf ein vom Wasser bedecktes Riff gefahrenund barst entzwei. Man sah es in die Tiefe sinken,man sah noch eine Zeit lang die Unglücklichen, die andem Tauwcrk über dem nassen Grabe hingen, dann unter-schied man nur noch die Naaen, an denen sich einigeMatrosen festgeklammert hatten, um dort den unvermeid-lichen Tod zu erwarten. Nur das Brüllen des Sturmes,das Toben der Fluth dauerte fort. Nach und nach ver-loren sich die Fischer, die noch harrend und hoffend da-gestanden. Retter und Schiffbrüchige schliefen ohne Zweifelin demselben weiten Grabe.
Als der Tag heraufdämmerte, hatte der Sturmaufgehört, das Meer war wieder ruhig, und man sahdas Rettungsboot mit den beiden hochherzigen Männern,die es geführt, in die kleine Bucht von Lccq einlaufen.Die ganze Nacht haben sie gegen die Strömung gekämpft,und es scheint wie ein Wunder, daß es ihnen gelungenist, in der Dunkelheit die Klippen zu vermeiden. Siehaben ihre Pflicht gethan und den Lohn dafür gefunden,denn neben ihnen im Boote sitzen zwei Männer, die siedem gewissen Tode entrissen haben.
Warum aber zögert der junge Fischer, nachdem siegelandet, nach der Hütteseiner Mutter zu eilen? Warumbebt er, der Tapferste der Tapferen, vor dem Wiedersehen,das ihn erwartet? Ihm zur Seite schreitet ein Fremdervon hohem Wuchs, dessen Leben er dem zürnenden Meereabgerungen und dessen Augen dafür voll inniger Dank-barkeit auf dem Jüngling ruhen. Als sie den Dammerreicht hatten, kamen ihnen die Fischer entgegen, umihren Kameraden herzlich die schwielige Hand zu drücken.Beim Anblicke des Fremden, des Geretteten, stutzen siezuerst und drängen sich dann voll Staunen um ihn. Siekennen ihn alle.
„Aber wer," sagten sie, „soll ihr denn die Botschaftmittheilen? Man sagt, daß auch die Freude, wenn siezu Plötzlich kommt, manchmal den Tod bringt."
„Wer anders, als ihr Sohn?" sagte der Fischer,seine Hand auf des Jünglings Haupt legend.
Noch ein paar Minuten, und der Sohn liegt amHerzen der Mutter.
„Mutter," flüsterte er, als das erste stumme Ent-zücken vorüber war, — „ich will Dir nun erzählen, wassich heute Nacht zugetragen. Zwei der Schiffbrüchigenhaben wir mit Gottes Hilfe gerettet, und der eine vonihnen — war ein Fischer von Lecq. Vor einigen Mo-naten hatte ihn der Sturm auf der See überrascht, feinBoot zerschellte an den Pater Noster-Felfen, aber erwurde gerettet. Ein vorüberfahrendes fremdes Schiff
nahm ihn auf, und der Fischer mußte wider Willen mitdemselben nach fernen Ländern fahren, fort von seinemHause, seinem Weibe, seinem Kinde. Alle hielten ihnfür todt, sein Weib und sein Sohn beweinten ihn. Alsdas Schiff in den Hafen eingelaufen war, schiffte manden Fischer aus; mit einem andern Fahrzeuge, auf demer sich als Matrose verdingte, kehrte er in die Heimathzurück. Gestern kam er in England an, er war in derNähe seines Hauses, in der Nähe der Seinigen, alswiederum ein furchtbarer Sturm ihn dem Untergängenahe brachte. Aber Gott hat denselben gnädig abgewendet."
Die Stimme des Jünglings war immer schwächergeworden, die Thränen liefen ihm über die Wangenherab, ängstlich blickte er auf die Mutter, die, vornüber-gebeugt, mit erblaßten Wangen und weitgeöffnetenAugen ihm die Worte von den Lippen zu lesen schien.Er kniete vor ihr nieder und drückte krampfhaft ihrekalten Hände zwischen den seinen.
„Geliebte Mutter," fuhr er fort, — „vernimm dieganze Wahrheit. Als Du mich in der letzten Nacht denNothleidenden auf dem strandenden Schiffe zu Hilfeschicktest, ahntest Du nicht, daß Du mich aussandtest, ummeinem theuren Vater das Leben zu retten."
Ein Freudenschrei entfuhr den Lippen der Frau;sie sank vom Sitze herab und wurde von den Armenihres Sohnes aufgefangen. Sie kniete neben ihm underhob die gefalteten Hände mit glühendem, wortlosemDankgebet gen Himmel. Draußen wurden Schritte laut,ihr Gatte erschien auf der Schwelle der Hütte, sie flogempor und umfaßte ihn mit ihren Armen, als wolltesie ihn nie mehr von sich lassen, und weinte in einemunaufhaltsamen Thränenstrom Schmerz und Freude zu-gleich an dem treuen, starken Herzen aus. Erst als derSohn, dem sie das Glück dieser Wiedervereinigung ver-dankten, hinzutrat, versiegten ihre Thränen, um einemLächeln freudigen Stolzes Platz zu machen über denwackeren jungen Fischer von Lecq.
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An den seligen Maria Alphons Aatisöonne.
„vii'Upist! vlueula, moa: 1!bi saork«„üeado liostlLvi lauäis!" «Du hast»gelost meine Bande: Dir will ich opfern»des Dankes Opfer!" Pfalm 11ö.
Das Licht, das jäh durchkreuzte Deine FährteUnd iür den Tand Dich dieser Welt geblendet,
Das Israel zur Erleuchtung war gesendet,
Es glänzt Dir ewig jetzt: die Unversehrte!
Die Nacht, die früh die Seele mir beschwerte,
Dein Wunder hat zum Tag sie einst gelichtet;
Es bleibt mein Aug' auf diesen Stern gerichtet:Die Jungfrau, die durch Dich auch mich bekehrte!
Dein armes Volk! Wie muß ich es beklagen:
Die gleiche Härte zeigt es seinem SohneWie in des Jcremias Traucrtagen!
Die wiederum mein Herz zum Glauben rührte,Maria schau' mit Dir ich einst zum Lohne,
So hoff' ich, für des Priesterthumes Bürde!
Tra unstetn, im Oktober 1894.
H. Mas neu, Bst.
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