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Nun hatte Tammo dem Letzten die Lanze zerbrochenund blieb von allen Rittern, so zuerst auf dem Kampf-platz erschienen, als einzig Unüberwindlicher, als Heldaller Helden auf der Wahlstatt zurück.
Pauken und Trompeten feierten den Ruhm desSiegers.
Graf Hoiko, des jungen Kaisers Waffenmeister,verkündete, daß er als Kampfrichter dem edlen GrasenTammo von Sommerschenburg den Preis der Tapferkeitzuerkenne.
Otto erhob sich von seinem Throne und rief:
„Sophia, meine Schwester, schmücke den Helm desSiegers mit dem goldenen Lorbeer!"
Endloser Jubel folgte der kaiserlichen Entscheidung.
Unter dem Beifall der Menge tummelte der Siegerseinen feurigen Renner und zwang ihn zu langsamemSchritt, während er mit zum Gruß gesenktem Speer demFrauen-Altan sich näherte.
Der Kranzspenderin dunkle Augen flammten demHelden begeistert entgegen.
Tief neigte der sein Haupt vor der Kaisertochter.
Erröthend bog Sophia sich vor und legte mit zarterHand den goldenen Lorbeerkranz um den Helm desSiegers.
Er dankte mit stummer ehrerbietiger Verneigung.
Trompetengeschmetter und jauchzendes Rufen: „Heildem Helden!" begrüßte den Gekrönten.
Der begann nun der Sitte gemäß einen Ruudrittum die Schranken. Da fiel sein Blick auf die holdeHildeswitha. Er stutzte, zügelte sein Roß und wandtesich ihr zu. Beider Augensterne tauchten bewunderndineinander.
„Seid mir gegrüßt, edle Jungfrau Hildeswitha,Schwester meines Freundes und Freundin meiner Schwester!In Gandersheim sah ich Euch zuletzt als sonnig holdesKind, an Euerm Goldhaar erkenne ich Euch wieder,"also sprach er. Hingerissen von ihrer Lieblichkeit beugteer sich vor und flüsterte: „O gebt mir den schönstenSiegespreis, schenkt mir eine Rose aus Euerer Hand."
Verwirrt und mit Purpurgluth übergössen bot dieholde Maid dem Helden die schönste Rose ihres Straußesdar und wußte selber kaum, daß sie es that.
„Die minnige Rose gilt mir höher, als der stolzeLorbeer," also sprach er beglückt und steckte die Rose alsHelmzier über den Lorbeerkranz. So geschmückt ritt erunter lautem Beifallrufen langsam um den weitenTurnierplan.
Die Sachsenherren alle freuten sich über die Aus-zeichnung, welche der Held des Tages einer Tochter desLandes hatte zu Theil werden lassen.
Bernward aber wiegte leise das Haupt. „WelcheUnbesonnenheit!" sprach er bei sich.
Gegenüber sah er die Kaisertochter tief erblaßt mitfunkelnden Augen und festgeschlossenen Lippen, ein Bildbeleidigter Hoheit. Sie preßte die Rechte auf's Herz.Die Huldigung, so Tammo, der von ihr Gekrönte, demuntergebenen Edelfräulein zugewendet hatte, mußte derStolzen eine Niederlage, ja eine Verspottung dünken.Eine solche Geringschätzung hatte man der eiteln Prin-zessin Sophia noch nicht geboten.
So waren die Waffenspiele zu Ende. Mit gemischtenGefühlen verließen alle den Schauplatz. Die Männerruhten bei festlichem Gelage von den Kämpfen aus undfeierten beim Becherklang fröhlich und einträchtig den
Sieger. Die Frauen zogen sich derweil in die Kemenatezurück, allwo köstliche Erfrischungen ihrer harrten. Hier-selbst besprachen deren flinke Zünglein lebhafter und er-regter, als die. Männer beim Trinkgelage das thaten,die Ereignisse des Tages.
Eine der Hofdamen fehlte. Das war Hildeswitha.Die Kaiserin hatte der Jungfrau ein Stelldichein mitdem von Hildesheim gekommenen Bruder zugesichert. DieMaid hatte den Grafen Altman während der Feiertagenur aus der Ferne gesehen.
An der Südseite der Kaiserpfalz auf einem Felsen-vorsprunge lag ein gar lieblich moosbewachsen Plätzlein.Das war von Epheu und Immergrün.umrankt, so^daßes auch jetzt im Vorfrühling schon so grün ausschaute,wie mitten im-Sommer. Darüber lächelte der blauUHimmel mit seinem Strahlenauge, der Sonne. Wieweit schweifte hier der Blick über zartgrüne Fluren biszu den hoch und höher thürmenden dunklen Felsen undWäldern des Harzgebirges. Eine Moosbank in epheu-umschatteter Grotte lud zum Niedersitzen und stillen Ge-nießen von Gottes freier Welt verführerisch ein.
Zu diesem Felsengärtlein hatte die Herrin Theophano den Schlüssel in Hildeswithas Hand gelegt.
Die Jungfrau ließ sich auf die Moosbank niederund erwartete dort träumend, von lieblichen Bildern um-gaukclt, den Bruder.
Da nahten schnelle Männertritte. Das Burgpförtleinflog auf, und — der kecke Wendenprinz stand strahlendvor Hildeswitha.
„Welch ein Ueberfall!" rief sie erschrocken und sprangempor.
Der schwarzäugige Prinz aber nahm eine so demüthigzerknirschte Haltung, so beweglich bittende Miene an, daßdie Zürnende fast lächeln mußte.
„Ein Unstern führt Euch hierher," grollte sie dennoch.
„Kein Unstern, sondern ein treuer Page, der mirauch verrieth, daß ich Euch hier finden würde, geleitetemich," versicherte Slavomir. Er trat näher und schautemit gluthvoller Begeisterung in ihre Augen.
„O Hildeswitha, der Waldvogel zieht ja willenlosder Sonne nach und verläßt die Heimath, um ihr zufolgen. Winter ist es dort für mich, wo ich EuerenAnblick entbehre. Die Zeit dünkt mir eine Ewigkeit,seit ich Euch zum ersten und zum letzten Male in Hildes-heim sah. Glaubt Ihr, daß ich mich selber freiwilligals Geisel gestellt, daß ich nicht einen meiner jüngernBrüder oder die Edelsten meines Stammes gesandt hätte,wenn nicht die Sehnsucht mich an den deutschen Kaiser-hof gezogen? Durch Kundschafter kannte ich ja Euer»Aufenthalt. Edle Jungfrau, da habt Ihr mein Be-kenntniß."
„In Mondesfrist löst mein Vater mich aus, undein freier Königssohn wirbt um Eure Hand. O, ver-trauet dem Manne, der Euch schützen wird, wie einschwer errungenes Kleinod, der jede Frcudenblume desLebens für Euch suchen, der seinen Thron mit Euchtheilen wird. Entziehet mir den Blick nicht und lesetaus meinem Auge Wahrheit und Liebe, daß Ihr erkennt,wie ich es meine."
Die Jungfrau, tief erbleicht, fassungslos ob derstürmischen Werbung, die sie nicht ohne Bewegung an-hörte, trat zurück und stammelte leise, wie bittend:
„Ich kann nicht. Prinz Slavomir, ich kann nicht