Ausgabe 
(26.10.1894) 87
Seite
679
 
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gart und der Fünfspitzen, der zackige Wischberg, dieimposante Pyramide des Königsberges vereinigen sich zumschönsten Nahmen um das tief eingeschnittene Thal mitseinen saftgrünen, sammetweichen Wiesengeländen, welchedie hellblaue, weißschäumende Schlitzn munter durchbraust,um zwischen den hohen Felspyramiden, welche die LaibacherBahn kühn und zierlich überbrückt, in einer Schlucht zuverschwinden. Der hübsche Ort zieht sich langgestrecktden Berg hinan und besteht aus Untertarvis mitschmalen Straßen, alten Häusern und Gewerkschaften ander Schlitz« und aus Obertarvis, welches in seinerreizenden, an Wald angelehnten Höhenlage ein sehr be-suchter und beliebter Sommerfrischort ist. Zwischen beidenerhebt sich auf einem Hügel die Kirche mit dem Friedhof;alte Fcstungsmauern mit dicken, niederen Thürmen, dieals Beinhaus und zur Aufbewahrung verschiedener Re-quisiten verwendet sind, geben dem Platze ein feudalesAussehen. Die Kirche, an deren Außenseite alte Grab-steine eingemauert sind, ist interessant durch ihren Doppel-bau. Das Presbyterium ist die erste, uralte kleine Kirchemit gothischem Steinportale und Gewölbe und einemAltare mit alten Schnitzereien, die Krönung Mariensvorstellend; der größere Theil der Kirche ist ein neuererBau mit Netzgewölbe.

Unmittelbar hinter der Häuserreihe von Obertarvis,nächst dem früher Taxis'schcn Palais, jetzt Forsthaus,beginnt ein schön angelegter, wechselvollcr Waldspaziergangvoll der herrlichsten Ausblicke auf die großartig ernsteHochgebirgsnatur, der geeignet ist, den Standgästen vonTarvis den Aufenthalt dortselbst äußerst genußreich zumachen. Ueber Wiesenplateau und kühlen Waldesschattcnzieht er sich gegen das obere Kanalthal und gewährt dieschönsten Ausblicke auf die majestätisch aufsteigenden kahlenKalkgipfel und das lachende Thal; jede der zahlreichen,zur Ruhe ladenden Bänke hat eine besondere Benennungje nach der Aussicht, die man auf ihr genießt. Wirwählten als Ziel den Luschari blick. Eine Merkwür-digkeit der Gegend ist nämlich der Luschari oder hl. Berg,eine von Jung und Alt aus der weiten Umgebung viel-besuchte Wallfahrt; unweit der Kapelle ist der Gipfel desBerges, der allerdings die Hauptanstrcngnng erfordert,aber die viclgerühmte Aussicht noch bei weitem übertrifft.In drei Stunden gelangt man zur Kirche und kann sichdann mittelst Schlitten in einer Viertelstunde über diesteilen, glatten Grasflächen wieder herabbcsördern lassen:eine pfeilschnelle, ungefährliche Fahrt, da die Lenker derSchlitten, rüstige Slovenen, äußerst gewandt und zuver-lässig sind. Wir genossen den Anblick der Kirche undder sie umgebenden Häuser, die im reinen, vom Abend-gold durchhanchten Acther den Gipfel des Berges krönen,von unten ein äußerst liebliches, anziehendes Bild,vom tiefsten Frieden umweht und unwillkürlich zu Andachtstimmend. Heimwärts ging es einen schlüpfrig steilenWeg gerade an die Bahn hinab, der uns an das obersteEnde des Dorfes führte und uns zeigte, daß in TarvisNatur und Knust sich vereinen, um dem Geschmacke einesjeden Spaziergängers Rechnung zu tragen.

Der Gras Karl-Steig erschließt unweit Untcr-tarviS eine wild erhabene Felscnklamm am Thalschlusse,eine Hanptzierde der Gegend. Er ist mühsam in dieFelsen über der brausenden, sich in wildem Getöse über-stürzenden Schlitz« eingesprengt und durch Balkenstcgeverbunden, wo die Felsenbildung keinen Raum dem Pfadgewährt. Am Eingänge, hoch über unserem Haupte,

übersetzt sie die Eisenbahnbrücke und verbindet die beidenmächtigsten, hoch aufstrebenden, sich am nächsten gegenüberliegenden Felsenpfeiler.

(Fortsetzung folgt.)

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Für den Andern.

Von Reinhold Herrmann.

lNachdru« vttbotkii.l

Lautlose Stille.

Auf die Ebene hernieder flammt die Mittagsgluthder indischen Sonne, und die erhitzte Luft macht die dor-renden langen Grasbüschel wie im Fieberdurste zittern.

Das zerschossene Antlitz gen Himmel gekehrt, die zer-fetzte Uniform mit geronnenem Blut übergössen, die Fäustenoch vom letzten Todeskampf krampfhaft in das Erdreichgekrallt, liegt inmitten die Leiche Eines aus jener buntzusammengewürfelten Schaar Söldlinge, mit denen Holland seine Besitztheile in Indien gegen die kriegerischen einge-borenen Volksstämme vertheidigt.

Er ist nicht der einzige Todte. Doch in seiner un-mittelbaren Nähe dehnt sich die lange Reihe der Lebendenhin, welche gegen den verborgenen Feind anschleichen.Sie liegen in flüchtiger Rast hingestreckt, wie die äußersteErschöpfung sie hinwarf, der sie doch nicht Herr werdenkönnen in dieser engen Gemeinschaft mit der brennendenSonne und den für ewig Verstummten.

Von den drei Vordersten, alle in fast gleich zer-lumptem Zustande wie der Todte, unterhalten sich zweiin halbleisem, mehr gebrummtem Gespräch über den Drit-ten, der ihr Nachbar ist, eine feine, schlanke Gestalt, derselbst in dieser Tracht noch etwas von dem ehemaligenOffizier innewohnt, der den Rock seines Königs nicht ganzso freiwillig mit den armseligen Lappen der holländischenColonialarmee vertauscht hat, wie die zwei braunen, hartenGesellen, die seine Kameraden sind.

Aus Passion ist der auch nicht hierhergekommen.Nein, wahrlich nicht! Doch es gibt im heimischen Deutsch-land so viele Thore, welche auf die Straße der Ver-zweiflung hinausführen Mancher ist unter ihnen hin-weggeschritten, meinend, Edelmuth und Güte seien den-selben Weg gegangen.

Draußen weht Wcltluft, nicht scharf gemacht durchdie Ecken der Stadt und nicht verdumpft vom Athemder Menschen, sondern frei, göttlich, verwandt mit demHimmel, in den sie verschweln, hier wie dort erlösend.

Den jungen zusammengesunkenen Menschen dort mitden vergehenden Zügen und dem verfehlten Leben hattesie auch erlösen sollen .....

Wasser!" stöhnte er mit brennenden Lippen undstreckte den Arm aus in der Richtung, wo seine beidenLandsleute lagen.

Der Eine hob nachlässig den Kopf.

Wasser?" lachte er heiser.Hat sich waS bei Wasser!Da sauf' Branntwein! Es sind, glaub' ick, noch einpaar Tropfen in der Flasche. Man soll nicht sagen, daßich einen Kameraden verdursten lasse, wenn auch Deines-gleichen"

Das Uebrige brummte er mürrisch in sich hinein.

' Der Andere griff gierig nach dem dargebotenen Ge-fäß und schüttete die ganze Menge des ekel lauwarmenTrankes auf einmal in sich hinein. Wenn es nicht er-quickte, so stärkte es doch und half, die bleierne Mattig-keit für den Augenblick besiegen.