Ausgabe 
(2.11.1894) 89
Seite
689
 
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«Augsburger PostMung".

89. Zreitag, den 2. November 1894.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag der Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Max Huttler ).

Feievnbend.*)

Geliebte Todte, euch hat sie geschlagen.

Die Feierstunde, die unS alle ruft.

Wir trugen euch zu Grabe unter KlagenUnd pflanzten Immergrün um eure Gruft.

Ihr aber lächelt jetzt auf uns hernieder,

Die Stürme schweigen und der Kampf ist aus,Und euer Ohr umrauschen süße Lieder,

Wir wallen fremde und ihr seid zu Haus.

So oft ein neuer Hügel sich erhebet,

Ein müder Pilger wieder Ruhe fand,

Aus engen Fesseln ist er gern entschwebetJn's unermeßlich weite Geisterland.

Der Abendstern steht über'« Grabgefilde,

Die Winde seufzen leis durch Baum und Strauch,Schlaft wohl, Geliebte, unter'm Kreuzesbilde,

Wie lange noch, dann schlafe ich wohl auch.

---SS888SS--

Am Allerseelerrlag!

-^ (Nachdruck »«rvolru.l

Nicht zu fröhlichem Wandern fordern uns heutedie verschiedenen Stimmen der Religion und Natur auf,sondern zu ernstem Gange, in das stille Gräberfeld,wo unserelieben Todten" ruhen.

Es kann sich dieser Stimme Ruf nicht leicht Jemanderwehren, und mag er noch so sehr im Taumel der Welten-lust alle Mahnungen des Jenseits zu überrauschen suchen.Nichts hilft es; die eine oder andere Geisterstimme,sei es, daß sie den Ton alter Anhänglichkeit und Liebeals Echo in dem Herzen wachrufe, sei es, daß der Mahn-und Nacheruf ungesühnter Schuld ihr innewohne, einerdieser Laute dringt an diesem Tage in eines jeden Sterb-lichen Seele, soweit die christliche Taufe ihm ihr unaus-löschbares Merkmal aufgedrückt hat.

So ist es ein ganz eigenartiges Schauspiel, das manbeim Betreten des Friedhofes einer großen Stadt beob-achtet. Da wandern nicht nur hinaus diejenigen, welche

*) AusUm Allerseelen. Trost und Mahnung von Ad.Müller, Stadtkaplan bei St. Ulrich und Afra, Verlag vonMichael Seitz, Augsburg".

sich den Glauben lebendig in der Brust bewahrt haben,sondern es gehen des gleichen Weges, gebeugten Hauptes,auch diejenigen, die sonst vor lauter gottloser Wissenschaftnicht hoch genug den Kopf zu tragen wissen. Wozu solltensie Hinauspilgern zu den elenden, traurigen Resten derLeiber, wenn es wirklich wahr wäre, was ihre Wissen-schaft lehrt, wenn dieser armselige Plunder, halb Staub,halb morsches Gebein, Alles wäre, was von dem einst sostolzen, durch glänzende Gaben des Verstandes ausge-zeichneten Menschen übrig ist?

Unbewußt getrieben und durch den Widerspruch mitder eigenen Lehre sich selbst verurtheilend, finden wir beiden Gräbern der auf ewig Entschlafenen die Jünger einer,sei es in der Lehre, sei es in der Praxis, gottlosen Geistes-richtung.

Man sagt, daß am Sterbelager eines Nahestehendenund vorzüglich auf dem eigenen Todtenbette Manchem,der längst geglaubt hat, Gott als einen überwundenenStandpunkt betrachten zu können, wieder der Gedanke anein Jenseits mit ewiger Vergeltung zum siegreichen Durch-bruch gekommen sei. Nicht minder glauben wir, daß solch'ein Augenblick mahnender göttlicher Gnadefür viele kommt, wenn sie die stumme Reihe der doch sostark beredten Grabhügel durchschreiten und allüberall dasKreuz erblicken, wie es nach unten deutet mit dem einenEnde, auf Tod und Vergänglichkeit, wie es aufwärts weistmit mahnendem Finger und wie es endlich beide Armeliebreich ausbreitet, um alle in seinem beseligenden Be-reich der ewigen Liebe willkommen zu heißen.

Wem es vergönnt wäre, in die Herzen aller dieserKirchhofpilger einen Blick zu werfen, der würde gewißmehr denn einmal Zeuge sein des inneren Kampfes, beidem der Mensch gegen sich selbst und seine Leidenschaftanstrebt. Wohl dem, der den Funken der unversieg-baren göttlichen Liebe in sich zünden ließ, dem dergute Kampf gelang!

Das Herz in ernsten andächtigen Gedanken gesam-melt, so betritt der gläubige Christ die Stätte der Todten.Seine Hand legt bei dem Grabhügel nicht nur den blumen-geschmückten Kranz als äußeres Zeichen der das Grabüberdauernden Liebe nieder, sein Herz naht sich den liebenTodten vor Allem mit dem unverwelkbaren Rosenkränzetheilnahmvollen Gebetes.

Die reine, geheiligte christliche Liebe ruft uns mittausend Stimmen am Allerseelentage zum Friedhof. Esist die treue anhängliche Liebe, welche uns die Er-