Ausgabe 
(2.11.1894) 89
Seite
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freudigNehziemer, Eberkenlen, Bärenlenden, Arrer-bahnbraten, für dergleichen sorgte mein Jagdgeschoß.Mein einziger Kummer, wie ich die Beute verwerthenkönnte, ist anjetzo von mir genommen."

Theophano, welche sich von dem Burgherrn zurTafel hatte geleiten lassen, deutete auf Hildeswitha, sogegenüber saß:

Sehet, die junge Gräfin von OleZburg wollte mirvon Gandersheim aus entfliehen nach Hildcseim zu ihrerMutier. Ich aber hielt sie fest und bat sie, mit mirkurze Zeit an den Hof zurückzukehren. Es war mir garso schwer, der holden Freundin meiner Sophia Lebewohlzu sagen in dem Augenblicke, da mein Kind den Schleiernahm. Das Loslösen muß allmälig geschehen."

Tammo wandte das Auge nach der lieblichen Jung-frau. Es war ein langer Blick, der auf ihren sinnigb-wegten Zügen, auf dem blonden Köpfchen ruhen blieb.Er seufzte leise und nickte verstündnißvoll. Allzugutbegriff er, daß die Kaiserin sich von dem anmurhigenMägdelein schwer nur zu trennen vermochte. i

Der Imbiß mundete den Gästen. Als sie sich ge- ^uugsam gestärkt hatten, gebot die Kaiserin freundlichdem Burgherrn:

Zeiget uns Euer Anwesen."

Der Aufforderung entsprach Tammo gerne. Zuerstgeleitete er seine Gäste zur Burgkapclle, wo alle einkurzes Gebet verrichteten. Nach solch andächtigem Be- 'gnlnen führte er die Fremden die Treppen auf und abin woh'ausgestattete Säle und Gemächer, deren Bestimm-ung er bereitwillig erklärte. Allgemach aber verringertesich seine Gefolgschaft. Die Hofleute suchten Bequem-lichkeit, und wo einer ein anmulhig Platzlein fand, dablieb er zur Rast. Selbst der Kaiserin erschien dasachteckige Frauenstüblein im Untergeschoß des Thurmesso behaglich, daß sie allbier zu ruhen beschloß.

Der junge Kaiser, dem Bernward in diesem Raumdas verdeckte Thürlein zu einem unterirdischen Gangegezeigt hatte, fand so viel Wohlgefallen an der seinenabenteuerlichen Sinn reizenden Wendeltreppe, daß er,ohne lange zu fragen, hinabstieg, um sich weiter umzu-schauen; sein Lehrmeister mußte, wohl oder übel, ihmfolgen. So geschah es, daß nur Tammo und Hildeswithaselbander ein traulich Gemach betraten, das mit sonder-ltcher Sorgfalt hergerichtet war. Decke und Wände desGemaches waren mit Holz bekleidet, und die Sonnen-strahlen huschten freundlich über das alte braune Schnitz-werk und über die prächtigen buutgestickten Kiffen hin,welche die Truhen bedeckten. Der schönste Schmuck deseigenartigen Raumes aber war daS wilde Epheugeranke,welches von der äußeren Thurmmauer, an der es üppigemporkletterte, seinen Weg hier hinein gefunden hattedurch die säulengetheilten Nundbogenfenster, allwo es sichlaubartig um die tiefen Nischen zog. An einem derumrankten Fenster stand auch ein Webstuhl, und an derWand hing eine Laute, die war von blauem Band um-schlungen.

Der Lieblingsaufenthalt meiner seligen Mutter!"erklärte Tammo bewegt.Hier saß die milde Frau garoft im Sommer und im Winter, ließ geschäftig dieSpule tanzen und lugte dazwischen hinaus nach derheitern Fernsicht über Thäler und Hügel. Wenn dieDämmerung kam, so nahm sie die Laute und hob leisean mit ihrer vollen weichen Stimme schöne, meist gott-selige Weisen zu singen."

Auch Hildeswitha war bewegt, ihr dünkte es, alsob sie an geheiligter Stätte eingedrungen sei. Zaghaftbot sie dem Burgherrn die Haud:

Ebre den Manen jener Frau, die solche Söhneerzog! O, daß ich die Edle gekannt hätte!" so sprachsie leffe und innig.

Des ritterlichen Mannes Auge leuchtete auf. Erumschloß die zarte Reckte der Jungfrau mit beiden Hän-den und sagte mit tiefer bebender Stimme:

Die Mutter hätte Euch willkommen geheißen,Hildeswitha," er beugle sich nieder und schaute der er-glühenden Maid tief in die blauen, Augensterne,mirist, als ob der verklärte Geist der Mutter mir zuhaucve:Diese ist es, welche ich von Gott für Dick erbeten.""Hildeswitha, täuscht mich meine Einbildungskraft, oderseid Ihr, die ich liebe seit dem Augenblicke, da ich Euchin Quedlinburg sah, mir wirklich von Gott beichicdcn?"

Ein wundersames Leuchten ging über der Jung-frau Antlitz.

Es muß wohl so sein, denn niemals hat einMann solchen Eindruck auf mich gemacht," sprach sieeinfach.

Er breitete die Arme aus.

Hildeswitha, willst Du mein sein?"

Sie flüchtete an des Mannes Brust und nickteglückselig:Ja!"

Die Verlobten hielten sich umschlungen, als diekaiserlichen Herrschaften mit Bernward eintraten.

Hier sehet die zukünftige Herrin der Sommerichen»bürg I" rief der Graf mit Augen, die von Wonne strahl-ten.Die Traute hat eingewilligt, meine Hausfrau zuwerden, sie liebt mich, wie ich sie."

Da war bei Allen große Freude ob des frohen Er-eignisses; keiner wunderte sich, wie das so rasch ge-kommen. Es war so natürlich, daß diese Herzen sichgefunden hatten.

Ich selber werde Euch in der Pfalz zu Quedlin-burg die Hochzeitsfeier rüsten," sagte die Kaiserin.Ichentlasse Dich, wein liebes Kind, nicht eher aus demHofdienst, bis ich an Deinem Ehrentage Dich mit demBrautkranze schmücken durfte. Nein wende nichtsein. Deine vielliebe Mutter, Frau Frederunde, muß mirdie Freude gestatten, sie muß selber als Gast zu demFeste kommen."

Es geschah alsdann nach dem Wunsche TheophanoS.

Ehe der Winter seine weiße Decke über das Landgebreitet hatte, legte im Dom zu Quedlinburg der Hof-kaplan Bernward die Hände TammoS und HildeswithaSzum Lebensbunde in einander. Er sprach über dieWorte des Apostels Paulus:Die Ehe ist ein großesGeheimniß, ich sage aber in Christo und in der Kirche."

Die Herzensfreude Bernwards an diesem Hochzeits-tage war kaum geringer, als die des stattlichen Bräuti-gams und der wonnesamen, bräutlich mit Myrte ge-schmückten HildeSwitha.

Das Hochzeitsgefolge war nicht klein, der ganzesächsische Adel hatte die Brautleute zum Traualtargeleitet.

An der Hochzeitstafel aber, so in der Kaiserpfalzgar prunkvoll bereitet war, begann ein rechtes hohesFrohlocken, als der Bruder HildeswithaS, Graf Altmauvon OleSburg, den Gästen kündete, daß er sich just ebenmit der Jungfrau Hedwig von Stederburg zum Ehe-bund« versprochen habe.