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Die Brautmutter, Frau Frederunde, war beglückt,daß ihres Sohnes Herz sich der ernstsinnigen Hedwigzugewendet hatte. Nachdem die Jungfrau, welcher Alt-mans erste schwärmerische Neigung geweiht war, Judithvon Sommcrschenburg, des himmlischen BräutigamsMinne dessen irdischer Liebe vorgezogen, da hatte diewürdige Frau Frederunde nicht ohne Grund befürchtet,der Stammherr auf Olesburg werde unvermählt bleiben.Um so größer war heute das Glück und die tief empfun-dene Freude ihres mütterlichen Herzens.
„Mit Gott !" sprach sie und gab den Segen.
Da erscholl der Jubel der frohen Hochzcitsgäste,und Pauken- und Trompetenschall verherrlichte lauternoch das Fest.
VIII.
Die Bischofsweihe.
Einmüjhig ward er da erkorenUnd ihm die Nachricht vorgelegt.
Deß ward sein Herz gar tief bewegtVon Demutb und Bescheidenheit.
Er sprach: „ES wär' mir bitter Leid,So all des ÄmteS schwere BürdeMir Schwachem übertragen würde;Denn meiner Ohnmacht war es g'migAn dem. was ich biöheran trug."
AuS Philipp des KaithLuscrs Marienleben.
Während der Dauer von sieben Jahren hatte dieKaiserin Theophano das Reich mit Ruhm verwaltetund sich als eine Herrscherin von festem adeligen Cha-rakter und großer Umsicht erwiesen. Ueberall, wo dasWohl des Reiches ihre Gegenwart erheischte, begab siesich persönlich hin. In Italien zwang sie die Aufrührerzur Unterwerfung und brachte das kaiserliche Ansehenzur Geltung. Nach Deutschland zurückgekehrt, feierte sieim Jahre 991 noch einmal das Osterfest zu Quedlin-burg in großem Glänze, umgeben von vielen deutschen und fremden Fürsten. Alsdann begab sich die that-kräftige Herrin nach Nymwegen zu einer neuen Neichs-versammlung. Hier ereilte sie der Tod in der Blütheihrer Jahre. Die Ncgentenlast war den zarten Schul-tern der edlen Frau zu schwer. Zu Köln in der KircheSankt Pantaleon wurde sie ihrem Wunsche gemäßbeigesetzt.
Nach Theophanos Tode schloß sich der frühver-waiste Otto noch inniger an seinen treuen LehrmeisterBernward . Ihn zog er allein zu Rath, um zu prüfen,was andere durch Schmcichclworte ihm einreden wollten;denn bei seiner hohen Begabung durchschaute Otto dieVerstellung der Hofleute, erkannte er die unbestechlicheEhrenhaftigkeit des väterlichen Freundes. Ja, Bern-ward mit seiner hohen Bildung, mit seinem für allesEdle und Schöne aufgeschlossenen Sinn war für dengeistig regsamen Kaiser-Knaben der rechte Lehrer. Unddieser übertrug der sorglichen Leitung des geschützten Lehr-meisters die wichtigsten Staatsgeschäfte. So ordneteOtto durch seinen Lehrer und dieser durch seinen Kaiserdie Angelegenheiten des ganzen deutschen Reiches.
Trotz solcher Machtstellung durfte Bernward sichrühmen, keine Neider zu haben. Inmitten der Reichenund Hohen, der Armen und Niedrigen ging der be-sonnene Priester mit Ehrfurcht erweckender Bescheidenheiteinher. Ueberall wußte er das rechte Maß zu finden,den Schüchternen liebreich zugänglich, den Uebermüthigcnachtunggebietend zu begegnen. Den Sinn seines Zög-lings weckte er für das Große und Ideale.
Der kaiserliche Knabe machte wunderbare Fort-schritte in den Wissenschaften, und sein Geist wurde durchdie freisinnige Weise des Unterrichtes früh zur Ueber-nahme aller Neichsgeschäfte gezeitigt, so daß man Ottobald „rnirusiilia mrmäi, das Wunder der Welt" nannte.Selbst in's Feld zum Kampf gegen die aufständischenWenden und Slaven begleitete der waffenknndige Lehr-meister Bernward mehrmals den siegreichen Kaiserknaben.
Das Weihnachtsfest des Jahres 992 feierte Ottound sein Hof in der Pfalz zu Mainz , in jener vor-nehmen und reichen Stadt, deren Erzbischof die Erb-Würde deS Neichs-Erzkanzlers bekleidete.
Am majestätischen Nheinstrom erhob sich der Königs-hof nicht weit von der erzbischöflichen Burg. VomKönigshofe aus fiel der Blick auf den großartigen nochunvollendeten Dom, dessen Bau Willegis im Jahre 978begonnen hatte. Mit regster Theilnahme verfolgten derso kunstgelehrte Bernward und sein begeisterter Schülerdie Fortschritte dieses Werkes.
Am Neujahrsmorgen 993 finden wir die Beiden ineinem freundlichen Gemache der Königsburg in gelehrtemZwiegespräch. Der dreizehnjährige Otto ist mit allenGaben des Geistes und des Körpers reich ausgestattet;die Vorzüge des Vaters und der Mutter sind auf ihnübergegangen. Er ist von frischer, lebhafter Sinnesartund von schwungvoller Einbildungskraft, was seinemLehrmeister nicht wenig zu schaffen macht. An ritter-lichen Uebungen hat es dem Knaben nicht gefehlt, undin den Wendenkriegen wurde er an Kampf gewöhnt.Begreiflich ist es daher, daß der junge Kaiser seinemLehrmeister schon kühne weltumgestaltende Pläne vorträgt.
Ja, der dreizehnjährige Knabe phantasirt bereitsvon einem neuen großen Weltreich: Nach altrömischemund byzantinischem Vorbild sollen alle Völker des Nor-dens wie des Südens vereinigt werden.
Bernward hört staunend zu und schüttelt lächelndden Kopf. Aber noch ehe der Lehrmeister etwas ent-gegnet, wird des jugendlichen Kaisers Sinn abgelenktdurch einen Troß Gewappneter, der am jenseitigen Uferdes Rheins erscheint und rasch über die schon von denRömern errichtete Pfahlbrücke der Stadt zureitet.
„Sehet doch nur, hohe geistliche Würdenträger inViolett gekleidet, von Gewappneten umgeben! Der Truppbegehrt Einlaß am Königshof. Was mag das bedeu-ten?" fragt Otto.
„Das ist ja Thangmar , mein Lehrmeister, das istja die ganze Hildesheim 'sche Domgeistlichkeit, das istmein Bruder Tammo und der ganze vereinigte Hildes-heim 'sche Adel!" ruft er und eilt freudig hinunter.
„Willkommen, Ihr Herren!" also ruft er in dasGetümmel hinein.
Welche Ucberraschung! Kein lautes Gegenrufen um-her. Entblößten Hauptes in ehrfurchtsvollem Schweigenbeugen alle huldigend die Knie vor dem jungen Priester,der mit unbeschreiblicher Würde und Anmuth soeben her-vorgetreten ist. Aller Augen ruhen voll Liebe undStolz auf der hohen vornehmen Gestalt mit den durch-geistigten Zügen, mit dem edlen Anstand in allen Be-wegungen. Der weiß nicht, wie ihm geschieht, als nunsein Freund und Lehrer, der Decan Thangmar, ge-messenen Schrittes vor ihn tritt, nochmals das Kniebeugt und mit kräftiger, weithin schallender Stimmespricht: