Ausgabe 
(2.11.1894) 89
Seite
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Heil und Gruß dem erwählten Bischof von Hil-desheim l"

Bernward steht ob dieses Grußes unbeweglich da,bleich und stumm. Er kann den Sinn nicht fassen.

Da richtet Herr Thangmar sich stramm empor underläutert:

Ja, mein erlauchter Herr, die Geistlichkeit, der Adelund das Volk unseres Sprengels haben in seltener Ein-müthigkeit Dich, mein Bernward, zum Nachfolger unseresdahingeschiedenen Oberhirten gewählt. Wir aber kommen,um Deine Einwilligung und die Zustimmung des kaiser-lichen Herrn zu erbitten."

Bernward wird bleicher, seine Augen schließen sichfast, ja seine Hand tastet, wie um dort Halt zu suchen,nach dem Pfeiler des Eingangs.

Der thatkräftige Thangmar drängt:

Nimmst Du die kanonisch vollzogene, auf Dich ge-fallene Wahl als Oberhirt der Hildesheim 'schen Kirche an?"

Da fliegt mit einemmale helle Nöthe über des Ge-fragten ernstes Antlitz. Er richtet den Blick gen Him-mel und spricht nach kurzem Gebet die Entscheidung:

Ich bin nicht würdig, das Hohepriesteramt zuübernehmen, doch in Eurem Ruf erkenne ich GottesStimme." Er breitet die Arme aus;

Nehmt mich hin, meine Treuen , wie ich bin, mitallen menschlichen Gebrechen. Ich gehöre zu Euch! Ja,ich fühle es, dem geistigen Hirtenamt, der Seelsorge fürmein heimisches Sachsenvolk vermag ich besser vorzu-stehen, als des weltlichen Herrscherthums zu walten überdas ganze weit verzweigte deutsche Reich, wie es derKaiser wünscht. Keine andere Ruhmbegierde trage ichim Herzen, als die, meinem Schöpfer Seelen zu ge-winnen. Wenn Otto mich entläßt, so folge ich Euchin die Heimath und übernehme dankbar das bischöflicheHirtennmt."

Die Begeisterung und der Jubel der Getreuen warbeispiellos. Sie umringten stürmisch ihren zukünftigenBischof.

Die Freude der Abgesandten wurde freilich garbald gedämpft, als sie den Schmerz und die Bestürzungdes jungen Kaisers gewahrten. Der wollte seinen Treu-freund, seinen heißgeliebten Lehrer und Nathgeber nimmerMissen; nein, er wollte ihm die höchsten weltlichen Ehren-stellen, wollte ihm Macht und Reichthum geben.

Nicht gleich in den ersten Tagen und nicht ohnegroße Ueberredimgskunst gelang es den Hildesheimernendlich, den Kaiser Zum schweren Verzicht zu bewegen.

Am nächsten Sonntage ertheilte Otto dem zumBischöfe Gewühlten in Gegenwart des Hofes und vielerFürsten die feierliche Bestätigung und übergab ihmden von der Hildesheimrr Gesandtschaft mitgebrachtenHirtenstab.

Die kirchliche Weihe vollzog acht Tage später, amSonntage, den 15. Januar 993, der Erzbischof Willegisfeierlich in der Hauptkirche Sanct Martin zu Mainz .Zu diesem Feste kamen nicht allein die benachbartenBischöfe, die Geistlichkeit und der Adel zusammen, auchdas Volk strömte in hellen Schaaren nach dem Metro-politansitz, welcher der Schauplatz einer so glänzendenFeieOsein sollte.

Dichte Mcnscheumassen füllten die mächtige, pracht-voll geschmückte Sanct Martinskirche. Sie harrten mitfreudiger Ungeduld auf den Beginn der heiligen Hand-lung. Da ertönte volles Glockengeläute, und ehrerbietig

machte die Menge der Procession festlich gekleideter Prie-ster und Prälaten Platz, welche den hohen geistlichenOberhirten, den Bischöfen von Mainz, Trier und Worms ,voranschritten. Der Anblick der drei so würdevollenKirchenfesten in reichen bischöflichen Gewändern mitder Jnful und dem Hirtenstab wirkte überwältigend.In deren Mitte schritt ernst und bleich mit demüthiggesenktem Haupte Bernward .

Nach dem vor dem Hochaltare gemeinsam verrichte-ten Gebet bestieg Willegis den Thron. Zu seiner Rech-ten nahm der majestätische Erzbischof Egbert von Trier ,zu seiner Linken der Bischof Hildewald von Worms denbereitgestellten Sessel ein. Die beiden Kirchenfestenassistirten dem Mainzer Oberhirten bei der Weihe, denn:Es ziemt sich, daß der Bischof von allen Bischöfen derProvinz geweiht werde; im Falle aber dieses zu schwierigwäre wegen bestehender Hindernisse oder der Weite derReise, so geschehe die Weihe wenigstens von drei Bischöfen,"also befahl der vierte Canon des Kirchenraths von Nicäa.

Bernward 'in langem weißem Gewand, mit der Stolaund dem Chormantel bekleidet, wurde vor den ErzbischofWillegis geführt. Er neigte sich in tiefer Ehrbezeigung.Auf einea Wink des Consecrators Willegis verlas derbischöfliche Notarius die apostolische Bestätignngsurkundezur Weihe.

Der Neugeweihte kniete nieder vor dem Erzbischofund gelobte feierlich mit lauter Stimme Ergebenheit undheilige Treue dem Nachfolger des heiligen Petrus, demOberhaupte der Kirche, und betheuerte, seiner Gemeindeein wahrer apostolischer Bischof sein zu wollen.

(Fortsetzung folgt.)

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Bilder aus Steieriuark, Kärnteu und demKüstenlande Kram.

Von C. Mayer.

III.

Der Predil-Paß.

Tarvis bietet Gelegenheit zu einer Menge schönerAusflüge. Einer der genußreichsten ist die Partie überden Predilpaß.

Der frühe Morgen, in zartem, bläulichem Grau an-brechend und ständig gutes Weiter verheißend, trieb unsschon sehr bald aus den Federn; noch herrschte vollständigeRuhe im Hause. Als wir uns anschickten, dasselbe zuverlassen, fanden wir uns eingeschlossen; indeß Mühe undSchläue half uns den schweren Riegel b. festigen, unddas Thor nach unserm Weggange mit Wucht wieder in'sknarrende Schloß fallen lassend, kümmerte es uns wenig,welcher Bettpfosten erzitternd dabei den säumigen Schläferweckte. Ein Bäckerknabe, frische, knisternde Brödchcn imhohen Tragkorbe, trat uns in den' Weg, und es wurdesofort etwas von seiner warmduftenden Bürde ihm ab-gekauft. Fröhlich ob des glücklichen Besitzes stärkenderBrödchen, wanderten wir in den thaufrischen Morgenhinaus. Ein Gang voll hehren Genusses! Die Reichs-straße dringt mitten in das Herz der Julischen Alpen undfolgt dem r'auf der Schlitza, die als echtes Gebirgskindin ihrem gerölligen, vielfach mit großen Felstücken durch-setzten Bette cinherstürmt. Nach halbstündigem Marscherreichen wir das einsame Dorf Fl itschl, dessen Häufer-gruppe in der Eigenart des slovenischen Baues, mit den