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„Augsburger Postzeitung".
9V. Dinstag, den 6. November 1894.
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas >L Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler) .
Bernward von Mdesherrrr.
Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt.
(Fortsetzung.)
Willegis hielt dem Erwählten das offene Evange-lienbuch vor. Dieser legte seine Hände auf den Textund sprach:
„So wahr mir Gott helfe und diese heiligen Evan-gelien Gottes I"
Willegis sagte alsdann mit verständlicher Stimme:
„Eine alte Satzung der heiligen Väter lehrt undbefiehlt, daß derjenige, welcher zum bischöflichen Amterwählt ist, zuvor auf das Gewissenhafteste, aber mitaller Liebe geprüft werde nach dem Ausspruche desApostels: „Lege Niemand zu voreilig die Hände aufl"
Mit diesen Worten leitete er die vorgeschriebenenneun Fragen über des Erkorenen Lebenswandel unddie weiteren neun Fragen über dessen Glaubensbekennt-niß ein.
Nach bestandener Prüfung geleiteten die Bischöfevon Trier und Worms den Erwählten zu dem Con-secrator. Bernward beugte das Knie und küßte in Ehr-furcht des Erzbischofs Hand. Der legte hierauf dieJnful ab und begann das Staffelgebet.
Der Erwählte wurde von den assistirenden Bischöfennach dem Nebenaltare geführt, allwo er den Chormantelablegte und wo ihm die bischöflichen Schuhe, die San-dalen, angezogen wurden mit den Worten des Prophe-ten Jsaias:
„Wie schön sind die Füße dessen, welcher den Frie-den verkündet, vom Heile predigt und zu Sion sagt:Dein Gott wird herrschen."
Hierauf empfing Bernward das Brustkreuz, wobeier selber die Worte des Apostels sprach:
„Es sei ferne von mir, daß ich mich in etwas an-derem rühme, als in dem Kreuze unseres Herrn JesuChristi. "
Es wurden dem zu Weihenden dann die Tunika,die Dalmatika, das Meßgewand und der Manipel angethan.So geschmückt trat er in der Mitte der assistirendenBischöfe zu seinem Altare, wo er die heilige Messe lasbis zu der Sequenz, worauf er wieder zu dem auf demThrone vor dem Hochaltar sitzenden Erzbischof geleitetwurde. Der sprach ein Segensgebet über ihn. Danachlegte Bernward sich in Demuth zur Erde nieder, wäh-rend Alle sich auf die Knie warfen und in heißem Flehen
die Litanei von allen Heiligen anstimmten, auf daß denheiligen Aposteln ein würdiger Nachfolger gegeben werde.
„Herr, wir bitten Dich, erhöre uns, segne, weihe,heilige Deinen Auserwählten I" Das war das Schluß-wort, das einstimmige Herzensgebet, das innige Flehen,welches zum Himmel stieg.
Nun erhoben sich Alle, und der Consecrator legtedas Evangelienbuch offen auf Nacken und Schulter desvor ihm Knienden.
Ein unbeschreiblich feierlicher und erhabener Augen-blick war es, als in hoher, geheimnißvoller Bedeutungzu gleicher Zeit die drei Bischöfe mit beiden Händendas Haupt des zu Weihenden berührten und einstimmigsprachen:
„Empfange den heiligen Geist l"
Diese Händeauflegung sinnbildete den Schutz derallerheiligsten Dreifaltigkeit und vorzüglich die Gnaden-gaben des heiligen Geistes, so auf den Neugewähltenin reichem Maße niederströmen sollten. Durch die Hände-auflegung der Bischöfe wurde die heilige Weihe ertheilt.
Nach vielen Gebeten und nach der allgemeinenfeierlichen Anrufung des heiligen Geistes salbte der Erz-bischof das Haupt und die Hände Bernwards mit heili-gem Oele und Chrisma im Namen des dreicinigen Gottes,in Form eines Kreuzes. Dann überreichte er dem Knieen-den den Hirtenstab und sagte:
„Nimm hin den Stab des Hirtenamtes, damit Dubei Ahndungen der Fehler mit Liebe züchtigest, ohneZürnen Urtheile fällst und durch Pflege der Tugendendie Gemüther der Zuhörer sänftigest und mit ruhigemErnst Zucht und Strafe übest."
Nach kurzem Gebet steckte er dem Geweihten denBischofsring an den Finger mit den Worten:
„Empfange den Ring, das Sinnbild der Treue,auf daß Du geschmückt mit dem unverfälschten Glaubendie Braut Gottes, die heilige Kirche, unversehrt be-wahrest."
Nun erst nahm Willegis das Evangelienbuch vonden Schultern Bernwards, überreichte es ihm geschlossenund sprach mit erhobener Stimme:
„Nimm hin das Evangelium, ziehe aus und predigedem Dir anvertrauten Volke; denn Gott ist mächtig,daß Er in Dir Seine Gnade vermehre. Er, Der dalebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit."
Nachdem er das „Amen" gesprochen, umfing derErzbischof den Neugeweihten zum heiligen FriedenSkuffe: