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Durch Kabinetkordre.
- (Nachdruck verboten.?
Gerade vor 100 Jahren, am Morgen des 4. Nov.1794, waren dw Bänke der akademischen Kirche in Dil-lingen ganz voll von Studenten und Hörern an der Uni-versität. Das neue Schuljahr wurde durch einen feier-lichen Anfangsgottesdienst eingeleitet. Aus allen Theilendes deutschen Vaterlandes waren die Jünglinge wiederherbeigeeilt, um für Wissenschaft und Tugend sich be-geistern zu lassen. Nahe dem Hochaltare konnte man diebischöflichen und päpstlichen Alumnen bemerken im schwarzenTalare und mit weitfaltigem, von den Schultern herab-hängendem Mantel. Im Schiffe der Kirche hatten sich dieStudenten und Hörer versammelt, welche in der Stadtwohnten; darunter viele Söhne aus bekannten, hoch-adeligen Häusern. Vorneaber waren mehrere rothbehangene Bänke noch leer;hier hatten der Rektor unddie Professoren der Uni-versität ihre Plätze.
In früheren Zeiten sahdie Universität selten soviele Studierende um ihreKatheder. Seit dem Jahre1784 aber war deren Zahlmit jedem neuen Schul-beginns gewachsen, undnamentlich der Zuzug vonauswärts wurde immergrößer. Im genanntenJahre berief der Churfürstvon Trier und Bischof vonAugsburg , Clemens Wen-zeslaus, den schon ausmehreren Schriften be-kannten Professor JohannMichael Sailer nach Dil-lingen , und zwar (wie esim Anstellungsdecret hieß)als Lehrer der Pastoral-und Volks-Theologie undEthik. Zugleich mußte erfür alle Akademiker Reli-gionsvorlesungen halten.
Dieser nun wurde bald derMagnet, welcher die Stu-dierenden aus Nah und Ferne anzog. SeineLehrmethode wareine neue und ungewohnte. Er trug in deutscher, gut ge-wählter Sprache seinen Gegenstand vor und verstand es, selbstvoll innerer Wärme, auch die Herzen seiner Schiller zubegeistern. Gerne verweilte er auch außerhalb seines Hör-saalcs im Kreise derselben. Während sich aber Viele desMannes freuten und seine Schriften mit Eifer lasen,sahen Manche, besonders die Lehrer bei St. Salvator inAugsburg, mit scheelen Augen nach Dillingen . AllerleiVerdächtigungen wurden laut, als wäre Sailer nicht mehrzu trauen. Sein Einfluß auf die Jugend, hieß es, könnedie verderblichsten Folgen haben. Einige hielten ihn füreinen verkappten Freimaurer oder, wie es damals hieß,Jlluminaten, andern kam dessen reger Verkehr mit seinenSchülern in der Schweiz , deren viele dort Pfarrer waren,höchst bedenklich vor. Die Schweiz galt damals als einSam-
melort der französischen Republikaner. Sailer hörte zwar vonden verschiedenen Ausstreuungen gegen ihn, aber er thatruhig seine Pflicht und begnügte sich mit dem Vertrauen,das Clemens Wenzeslaus, der Augsburger Bischof, inihn setzte. Endlich aber war es seinen Gegnern und Feindendoch gelungen, dieses zu erschüttern. Ein Gewitter zogsich über Sailer zusammen, ehe er es ahnte. DaS ersteWetterleuchten zeigte sich schon im Jahre 1793. Es er-schien plötzlich eine Commission in Dillingen , um gegenSailer und seine Kollegen und Freunde Zimmer und Webereine Untersuchung einzuleiten und nach „den hier herr-schenden verderblichen Principien und Plänen, nach denf Verbindungen und Zusammenkünften der Professoren, nachi den schädlichen Maximen mit einigen Jlluminaten* zu> fragen. Noch einmal ging die Gefahr der EntlassungI Sailers glücklich vorüber. Aber im Jahre darauf traf
ihn doch der Blitz aus derWolke, die längst überseinem Haupte hing. Am4. November 1794 begabsich Sailer , mit demDoc-tor-Ornat bekleidet, in dasfeierliche Hochamt zur Er-öffnung des Schuljahres.
Er stand noch auf derStiege, welche von seinerWohnung zur akademischenKirche führte, da überreichteihm der Professor der Logik,Joseph Wanner, sein Ent-laffungsdecret. Bedrängtvom Bankhause Obwexerin Augsburg , welches demChurfürsten von Trier sonstkeine Darlehen mehr zugeben erklärte, hatte dieserdas Schreiben unterzeich-net. Das Wort „Ent-lassung' war darin ver-mieden. „Unter Vorbehaltder Allerhöchsten Gnade,*hieß es, „wird ProfessorSailer seines Amtes ent-hoben, weil der akademischeFonds für so viele Pro-fessoren nicht mehr zu-reicht." Es läßt sich er-rathen, was hinter demBankhause gegen Sailer für Umtriebe spielten. *
Sailer war erstaunt noch auf der Stiege stehen ge-blieben, da schmetterten aus der nahen Kirche die Trom-peten, wirbelten die Pauken. Die Professoren der Uni-versität haben die Kirche betreten und das Hochamt be-ginnt. Der entlassene Professor aber schrieb selbigen Tagesnoch in sein Tagebuch an sich selbst die schönen Worte:
Ruhe sanfter noch im Vorsichimutterschoße *)Eingewiegt vom scharfen Neidgeblök,
Blühe schöner noch, wie Gottes schönste Rose,
Scharf bewacht vom spitzen Dorngeheck,
Wurzle tiefer noch, wie in dem SturmgedrängeSich die Ceder gräbt auf Libanon,
Schwing' dich höher noch, aus heißer Leiden MengeSchwang sich Jesus auf zum höchsten Thron.
F
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Hans Sachs.
*) d. i. im Schoße der hl. Vorsehung.