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In Dillingen verweilte Sailer nicht mehr länger. Ohnejegliche Exiftenzmittcl — als Dillinger Professor erhieltSailer keine Pension — stand er znm zweiten Male inseinem Leben auf der Landstraße. Am Morgen des 6.November treffen wir ihn bei seinem bewährten Freunde,dem Hofprediger Winkelhofer in München . Als Saileran dessen Thürschwelle erschien, fragte ihn Winkelhofer:„Was thust Du da?" — „Sie haben mich entlassen,"antwortet Sailer. — „Nun, so komm'I" ruft jetzt derFreund, „und ruhe aus in meinen Armen. Meine Stube,mein Tisch, mein Bett, meine Habe, mein Herz, allesdas Meine ist Dein." Sailer hat uns dieses Zwiegesprächselbst erzählt, und in überquellendem Gefühle setzte erhinzu: „Mensch, wer Du immer bist, thue recht und fürchtenichts, thue recht und hoffe auf den Herrn. Wenn esan einem Orte zwei Hände gibt, die Dir wehe thun, sobereitet Dir Dein Gott an einem andern hundert Hände,die Dir wohl thun, und diese hundert Hände alle ineinem Freunde." Weil Sailer auch in München von einerihm einmal aufsässigen Partei verfolgt und verdächtigtwurde, so mußte er diese Stadt bald verlassen. DemMünchener päpstlichen Nuntius Zoglio ward er genannt„als ein zu Dillingen im Verdachte des JlluminatismusEntlassener". Auch verbot man ihm, in den KirchenMünchens zu predigen, und der Stantskanzler v. Härtlingerklärte zuletzt: „Seine churfürstliche Durchlaucht wün-schen, daß er München und ganz Bayern verlasse."
Sailer ging. In dem ungefähr 7 Stunden vonMünchen entfernten Ebersberg kannte er den Pfleger Beck,einen ihm sehr gewogenen Beamten. Der nahm ihn aufund beherbergte den Edlen 5 Jahre. Die ländliche Stilleund der Verkehr mit einfachen, redlichen und guten Men-schen thaten ihm wohl, und die schmerzlichsten Wundensind dort vernarbt. Der Churfürst Clemens Wenzeslaus hat später seine Kabinetsordre selbst bereut. Als er beieinem Pfarrer im Allgäu einmal einige Werke Sailer'sbemerkte, sprach er mit gerührtem Herzen: „Diesem Manneist groß Unrecht geschehen." — Der entlassene Professorwurde später einer der berühmtesten Lehrer an der Uni-versität Landshut und ist im Jahre 1832 als Bischofvon Regensburg gestorben.
Zu unseren Bildern
der neue Reichskanzler.
Fürst Chlodwig Cail Viktor zu Hohenlohe-Schillingsfürst ,Prinz von Rattbor und Korvey , ist geboren am 31. März 1819als Sohn des Fürsten Fran, Joseph und der Fürstin Kon-stanze, gebornen Prinzessin zu Hohenlohe-Langenburg. Erstudirte in Göttingen, Heidelberg und Bonn die Rechte, trat1842 als Auskulwtor in Ehrenbreitstein in den preußischenStaatsdienst, wurde dann Referendar in Potsdnn und über-nahm 1815 die Verwaltung der Standesherrschaft Sänllings-fürst. 1846 trat er in die bayerische Kammer der Reichsrätheund machte sich durch seine freisinnige, demokratische Richtungbemerkbar. 1849 ging er als Reichsgesandter nach London .Im Jahre 1866 übernahm er von dem Frhrn. v. d. Pfordtendie bayerische Ministerpräsidentschaft. Er ergänzte das bayerischeMinisterium im liberalen Sinne durch Berufung der Herrenvon Hörmann und Gresser, und diesen Berufungen folgte als-bald ein „Revirement" etlicher RegierungsprLsidentenstellen indemselben Sinne. Die innere und äußere Politik des Mini-steriums Hohenlohe entsprach weder den religiösen noch denpolitischen Gefühlen des bayerischen Volkes. Die Wahlen desJahres 1869 gaben jdiesen Gefühlen Ausdruck, und zwar sokräftig, daß Fürst Hohenlohe sammt den Herren v. Hörmannund Gresser zurücktreten mußte. Es ist bekannt, daß sich dasMißtrauensvotum der ReichSrathSkammer auf das G esamm t-
ministerium erstreckte und daß sich an der Votirung des-selben die Prinzen des königlichen Hauses, der jetzige König undder nunmehrige Prinz-Regent an der Spitze, aussprachen. ImJahre 1871 wurde Fürst Hohenlohe im Wablkreis Forchheimin den Reichstag gewählt, wo er sich der Reichspartei, auchBotschafterpartei, anschloß. Fürst Hohenlohe war es, welcherdamals im Reichstag den Antrag auf Austreibung der Jesuiten stellte, nachdem der altkatbolische Konventikel im MünchenerGlaspalast auf Antrag des Herrn Mickelis eine dahin lautendeResolution gefaßt hatte. Bei der nächsten Wabl ließen dieForllheinnr den Fürsten fallen, Fürst Bismarck aber beriefihn in den Reichsdienst, in welchem er als Botschafter in PariS und seit 1885 als Statthalter in Elsaß-Lothringen wirkte.
Allerseelen.
Allerseelentag ist — das Fest der Todten I Die Lieben,die dort unter den Hügeln ruhen rings um das Kircklein, ihnengellen beute unsere Gebetei Ihnen gelten die Kränze, ausHerbstesblumen gewunden, die ihre Gräber schmücken sollen. InFestgewinden wird der Friedhof prangen, einem weiten Gartengleich! Jung und Alt ziehen zum Kurble n auf luftiger Höhe,um die Gaben der Liebe den theueren Dahingeschiedenen darzu-bringen. Auch Du, lieber Leser, wirst Dein Allerseelen feiern,wirst jener gedenken, die Dir im Leben einst so nahe gestanden!Und wenn Du am Grab stehst und Deine Gedanken und DeineLiebe hinabsteigen zu jenen, die der Hügel deckt — denkst Dunicht: Hier kannst Du auch bald schlummern?
Hans Kochs,
dessen 400jäbriges Jubiläum am 5. November l. I. begangenwird, (der hervorragendste und fruchtbarste weltliche deutscheDichter des 16. Jahrhunderts), ist 1494 am genannten Tage zuNürnberg als Sohn eines Schneiders Jörg Sachs geboren. Erbesuchte eine der Lateinschulen seiner Vaterstadt. Im Frühjahr1509 trat er als Lehrling bei einem Schuhmacher ein, begab sichnach Vollendung seiner Lehrz-it auf eine fünfjährige Wander-schaft. die ihn über Regensburg. Passau, Wels nach Innsbruck führte. Bereits als Lehi ling in Nürnberg hatte sich Hans Sachs der Meisterstngerkunst gewidmet; er betrüb dieselbe auf seinerweiteren Wanderschaft mit Eifer, dichtete 1513 sein erstes „Bar"und fuhr ebensowohl fort, sich in den künstlichen Strophen undTönen des Meistergesanges zu üben, wie vermuthlich schon zudieser Zeit in freieren, volksthümlicheren Formen zu dichten.1516 war er wieder nach Nürnberg zurückgekehrt. Im folgendenJahre wurde er Meister seiner Zunft und verheiratete sich so-dann. Neben den Eindrücken, die ihm die Wanderjahre und dasreiche Leben Nürnbergs boten, wirkte auch eine ausgebreiteteLektüre auf seine Phantasie und seinen Gestaltungstrieb. Diebl. Schrift, theologische Traktate, die römischen und griechischenSchriftsteller usw. wurden gelesen und benutzt. 1560 starb seineFrau. Bereits nach anderthalb Jahren schloß der greise, abernoch rüstige Sachs eine zweite Ehe. Ueber die Zahl seiner dich-terischen Schöpfungen führte Sachs ein eigenes Register. 1567zählte er 4275 Meisterschulgedichte, 1700Erzählungen. Schwänkerc.und 208 dramatische Dichtungen. Hans Sachs starb am 19.Januar 1576. Innerhalb seiner Welt hat er Unübertrefflichesgeschaffen. Sind seine poetischen Erzählungen und Schwankeauf epischem, seine Fastnachtsspiele auf dramatischem Felde dieKrone seiner Schövfunaen, so darf, was er im didaktischen Ge-dicht und im ernsten Drama geleistet hat, keineswegs geringangeschlagen werden. Naive Frische, Treuherzigkeit, lebendigeBeweglichkeit und witzige Schalkhaftigkeit sprechen aus allenseinen Werken; viele seiner Schwanke und poetischen Erzähl-ungen wirken nach 300 Jahren noch mit unverminderter Frische.
Aei den Gräbern.
Wohl gibt's ohn' bange KlagenKein Herz und keinen Ort;
Doch ach, wie „Grab" und „Sterben"
So traurig klingt kein Wort.
Allein es klingt auch keinesSo hell wie „Auferstehen",
So schön wie „Ewiges Leben",
So süß wie „Wiedersehen". RoUsr.
--EZS--