Ausgabe 
(9.11.1894) 91
Seite
705
 
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ZL9L.

Areitag, den 9. November

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Flick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Borbesitzer vr. Max Huttler) .

DermvrrrÄ rwrr ZiLdesheim.

Erzählung aus dein zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt.

(Fortsetzung.)

IX.

Der Einzug in Hildesheim.

Von allen Wegen müudci'sWie Büchlein in den Strom,Ihm das Gefolge schwellend.

Und feierlich leuchtend blicket derHimmclSdom.

Ew.ilie NingScis.

Ein Gesalbter des Herrn, ein Gerüsteter zur geist-lichen Wehr, so zog Bernward im Geleite gar mancherGetreuen seinem Stifte Hildesheim zu.

Ein Theil der Hildesheimer Gesandtschaft, fürnchm-lich der Dccan Thangmar und der Graf Altman vonOlesburg, war vorausgeeilt, sobald VernwardS An-nahme des Bischofsstabes und des Kaisers Einwilligungerfolgt waren. Die Herren konnten die Zeit kaum ab-warten, ehe sie dem Hildesheimer Stifte die frohe Bot-schaft überbrachten, und im ganzen Lande rüsteten siedarvb freudig zur Feier des Einzuges.

Es war an einem sonnig klaren Wiutertage, alsBernward mit seiner stattlichen Gefolgschaft gen Gan-dersheim kam, so an der Grenze seines Sprengels lag.

Welch ein Leben herrschte in dem sonst so stillenGrenzorte! Allhier holte Graf Altman von Olesburgmit dem ganzen Hildesheim' schen Adel den Bischof ein.Das wogte heran in allen Farben. Vorauf flatterteroth und gelb das Hildesheimer Banner mit dem Stists-wappen und dem Vischosshut darüber, gar stattlich zuschauen.

Ueber das Glockengeläute der Klosterkirche hinwegklang lauter noch der festliche Schall von Trompetenund Pauken und das helle Jubclrufen der Menge.

Alsbald hatten die adeligen Herren den Bischof wiemit einem Kranze umritten, und Graf Altman von Oles-burg entbot herzensfreudig dem geweihten Sohne desLandes den ersten WMommengruß auf der Heimaiherdeim Namen des Stiftes Hildesheim.

Als nach der frohen Begrüßung sich der Festzngmit dem Bischof an der Spitze in Bewegung setzte, zeigtesich den Ankommenden ein gar freundliches Bild. DieNonnen des Klosters Gandersheim mit ihren Zöglingen

hatten sich vor dem Portale aufgestellt und winkten mitSchleiern und Tüchlein dem Oberhirten entgegen.

Inst dasselbe Bild, wie wir da vor fünfzehn Jahrenerschauten, als wir unsern Herrn Othwin begleiteten",sprach Altman und fügte hinzu:

Die dazumal so stattliche Herrin Gerberga liegtheut siech in ihrem Lehnstuhl, und die KaiserstochtcrSophia, so die Stelle der verehrungswürdigsten Mnttervertritt, ist auf Reisen, um Verwaltungs-Angelcgenheitendes Klosters zu regeln."

Bernward beschattete das Auge mit der Hand undspähte hinüber.

Da gewahre ich aber inmitten der Klosterfraueneine hohe Gestalt, welche den Krummstab trägt; derSchleier verhüllt ihr Angesicht. Wer ist diese?"

Altman's Stimme bebte in freudiger Bewegung, alser zur Antwort gab:

Deine fromme, edle Schwester Judith, die erlauchteAebtissin von Ningelheim, ist auf den Ruf der Schwesternhierher geeilt, um an der Spitze des Konventes Dich,den Oberhirten, zu begrüßen. Dort erblickest Du auchDein in Gandersheim zur lieblichen Jungfrau erblühtesSchwesterlein Thietburg. Die wonnesame Maid wirddie Huldigung im Namen der Zöglinge Dir darbringen."

Graf Tammo aber, der gleich hinter dem Bischöferitt, hob ein freudiges Rufen an:

Da ist ja auch weine liebe Hausfrau Hildeswitha!Ja wirklich, das ist die Holde! Und das sind meinebeiden Kinderlein! O, die Lieben alle konnten nichtwarten, sie mußten Dir hierher entgegeneilen."

Das wurde ein freudiges, ein weihevolles Grüßenhinüber und herüber.

Mit tiefer Bewegung, mit innig empfundenem Glücknahm der Bischof die vielen Liebcsbcweise entgegen. Ja,er konnte nicht umhin, der dringenden Einladung JudithsFolge zu leisten und im Kloster eine kurze Rast zuhalten, auf das; auch Frau Gerberga den Segen desOberhirten empfange.

Seit Thangmars Freudcnkuude herrschte Heller Jubelund frohe Schaffenslust in der Bisthumshanplstadt Hil-desheim. Alle wetteiferten, Bernward von Sommer-schenburg, dem Sohne des Landes, dem erwählten Bischöfe,einen würdigen Einzug zu bereiten. Auf allen Wegenströmten die Völker des Sprengels in dichten Schaarennach der Hauptstadt, um den Bischof zu sehen, zu em-pfangen.