Ausgabe 
(9.11.1894) 91
Seite
706
 
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'' Als vom Moritzberge herab der Ruf ertönte:Ernaht!" und als dann die Glocken deS Domes mit vollemfeierlichem Geläute kündeten:Er kommt im Namen desHerrn!" da schaute der Thnrmwüchter auf ein mäch-tiges Volksgetümmcl hinab, da erblickte er flatterndeWimpel, buntfarbige Teppiche, duftiges Tannengrünallenthalben, wie bei dem Einzüge eines Königs. Hil-desia hatte ein prangendes Festgewand angelegt.

Bei dem Geläute der Glocken verließ der stattlicheZug der Domherren im priesterlichen Ornate unter Vor-tragung des Kreuzes das Münster . Sie führten dieharrenden Gläubigen in Procession dem Bischöfe entgegen.

Am Eingänge der Stadt erhob sich ein aus Tannen-bäumen errichteter, mit grünen Tannengewinden und mitfarbigen Wimpeln geschmückter Triumphbogen. Hiererwartete der Domdccan Thangmar, umringt von derGeistlichkeit und einem Theil der Bürgerschaft, die heran-nahenden Oberhirtcn.

Thangmar , der Vorsteher der Domschule, der ur-kräftige Sachse, hatte das Wort in seiner Gewalt, dochbet der großen überwältigenden Freude, seinen geliebtenSchüler mit der Bischofswürde bekleidet in die Haupt-stadt einziehen zu sehen, da stockte ihm die Nede vorBewegung und Glück. Seine schöne, wohl ansgedachteAnsprache hatte er vergebens ersonnen. Er brachte nurwenige, feurig empfundene Herzensworte des Willkommensdem gottgesandten Oberhirten dar.

Gerührt dankte der Oberhirte für den liebevollenEmpfang und sprach, von Gottes Gnade gestärkt, wolleer mit Demuth und in Kraft seines Amtes walten undden Hirtenstab tragen und der treuen AnhänglichkeitHildesheims würdig werden.

Unter brausenden Jubelrufen des Volkes hielt derBischof Bermvard seinen Einzug in die Stadt. DiePfarrgcistlichkeit der Diöcese und die Domherren, alleim Festornate, schritten voraus. Der Bischof ritt aufschlohweißem Roß, und vier Grafen: Tammo von Som-merschenbnrg, Altmau von Olesburg, Lindolf von Gud-dingo und Jppo vom Harzgau, alle auf weißen Rossen,trugen den Baldachin über des Kirchenfesten Haupt.

Die männlichen, edclgeformtcn Züge Bernwardswaren starr vor innerer Ergriffenheit, sie hoben sich wieaus Marmor gemeißelt von dem reichen Bischofsgewandeab. An den Ansspruch des heiligen Angustinus dachteer:Das Wort Bischof ist der Name einer Last, nichteiner Ehre." Er segnete die Schaaren, so entblößtenHauptes in ehrfurchtsvollem Schweigen vor ihm auf dieKniee sanken. Feierlich stille war es ringsumher. Manvernahm nur in der Ferne das volle Läuten der Kirchen-glocken. Die Adelsherren des Stiftes alle zu Pferdefolgten dem Bischöfe; wahrlich ein erlesener Hofstaat!Und dahinter wogte ein weites, wachsendes Mcnschen-rueer. So nahm der Zug seinen Weg nach dem Mittel-punkte der Stadt, nach Sanct Mariens Dom.

Auf dem Freihofe stiegen alle Berittenen vom Pferde.Die Domherren geleiteten ihren Bischof zum hohen Chöre.

Vor dem Hochaltare wurde Bermvard das bischöf-liche Festornat angelegt und die Jnful ihm auf'S Hauptgesetzt.

Alsdann führte Thangmar , der Domdechant, mitseinen Assistenten den also würdig Geschmückten zu seinemvor den Stufen des Altars errichteten Bischofsthron.Thangmar überreichte ihm den Hirtenstab der Diöcese.

Es traten nun alle anwesenden Priester je zwei

und zwei hinzu; sie huldigten knieend dem nengewähltenOberhirten, sie küßten seinen Ring und erflehten seinenSegen. Nach diesem feierlich geschehenen Huldigungs-acte kehrten sie mit dem Hochgefeierten zum Altare Zurück.

Eiuem altehrwürdigen Brauche geniäß gab der Vor-steher des Domkapitels anjetzo dem neuen Bischöfe dieiiipwanotlieoa, nruriana.Unserer lieben Frauen Heilig-thum" in die Hände. Ein Wunder durch jenes Ncliquien-Eefäß hatte ja einst Ludwig den Frommen zur Er-bauung des Mariendomcs und der Stadt Hildesheim veranlaßt.

Bernward küßte das heilige Behältniß und hielt esvor sich, während die Gläubigen in mächtiger Begeister-ung sangen:Großer Gott, wir loben Dich!"

Als das Tedeum verklungen war, sang ein Priester-chor die Antiphon:

Gestärkt werde Deine Hand und erhöht DeineRechte. Gerechtigkeit und Gericht sei Deines StuhlesSchmuck und Rüstung! Ehre sei dem Vater und demSohne und dem heiligen Gerste. Wie es war im An-fange, jetzt und in Ewigkeit, Amen."

Thangmar aber sprach mit lauter Stimme:

Lasset uns beten!

Gott , Du Hirt und Führer aller Gläubigen, siehauf diesen Deinen Diener, den Du zum Vorsteher Dei-ner Kirche eingesetzt hast, gnädig herab; laß ihn seinenUntergebenen durch Lehre und Beispiel nützlich werden,damit er einstens mit der Hcerde, die Du ihm anver-traut hast, zum ewigen Leben eingehe, durch Christumunsern Herrn. Amen."

Der Bischof trat mit der Jnful auf dem Haupteund dem Hirtenstab in der Hand vor die Mitte desAltars und wendete dann nach kurzem Gebet sich zuseinem Volke. Er schritt vor bis an die Stufen desChors eine ungemein majestätische, ehrfurchtgebietendsErscheinung. Es schien, als ob sein Angesicht leuchte,als ob sein ganzes Wesen hellen Schein ausstrahle.Mit klarer, voller Stimme hub er also an:

Ehrwürdige Brüder, Volk Gottes, mein Volk! DerFriede sei mit Euch! Im Namen des Herrn, der michgesendet hat, rufe ich Euch zu: l?ax voloisannr! Derwahre, innere, ächte Seelensriede, den die Welt nichtgeben kann, den allein Christus der Herr uns erworbenund verliehen hat, der sei mit Euch!

Im Namen Jesu , so seine von ihm gegründeteKirche als makellose Braut dem Felsenmanne Petrus angetraut hat, stehe ich in Eurer Mitte. Ich kam zuEuch, die Ihr mich gerufen habt, im Bewußtsein meinerSchwäche, aber auch im Vertrauen auf den Herrn, dessenWerkzeug ich bin und dessen Lehre ich Euch verkündenwerde. Euch, meinem Volke, gehöre ich an, von heutebis zn meinem Tode. Die Hildesheimer Diöcese wurdemir bei meiner Weihe als Braut verlobt. Ich nehmedie Braut an, welche mir vertraut wurde. An sie binich gefesselt für immerdar, gekettet durch Bande, welchestärker sind, als jedes irdische Band, durch die Fesselnder Liebe Gottes.

Das Heiligthnm, welches ein deutscher Kaiser, derfromme Ludwig, einst Eurem ersten Bischöfe Gunthar indie Hand gab, um es seiner uengegründeten Hildesheim '-schen Kirche zu schenken, dasselbe Heiligthnm überreich-ten heute mir, dem zwölften Nachfolger Gunthars aufdem Hildesheimer Bischofsstuhl, geweihte Priesterhände.Dasselbe Heiligthnm wurde mir anvertraut, welches dem