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heiligen Bischof Altfried, welches meinen großen Vor-gängern, die ich von Angesicht kannte, den erha-benen Herren Othwin, Osdag und Gerdag, bei ihrerThronbesteigung in die Hand gegeben wurde. Ich tretedas Erbe an und nehme den kostbaren Schatz meinerBraut in Obhut.
Als Gegengabe bringe ich, zu Enerer hohen Freudesei es verkündet, eine werthvolle Reliquie, welche KaiserOtto uns schenkte, ein Stück vom wahren Kreuzcsholzunseres Herrn Jesu Christi . Dieser Theil vom Kreuzesoll uns allen eine stete Mahnung sein, daß der Hei-land uns nur durch sein Leiden den Himmel vermittelthat, und daß eS für uns keinen andern Weg zur Selig-keit giebt, als den Weg des Kreuzes. Möge jede Stundeder Trübsal uns den Ruf entlocken: 0 erux avs gpasunreal O Kreuz, unsere einzige Hoffnung, sei gegrüßt'.
In aller Demuth und gestärkt durch die Hoffnungauf Euer Gebet beginne ich mein Amt. Mein Bestre-ben sei, diese mir angetraute Diöcese, meine Braut, reinund makellos vor Gottes Thron zu führen, damit siedort glücklich sei in alle Ewigkeit. Amen!"
„Amen!" klang es wieder aus Aller Munde, klanges wieder von den hohen Wänden.
Dann gab Bischof Bernward seinem auf die Kniegesunkenen Volke den ersten feierlichen Segen, indem erdreimal über dasselbe das heilige Krcuzzeichen machte.
So war Bernward seiner Diöcese, die ihn als denWürdigsten berufen, in aller Form vermählt, so hatteer von seinem Bischofsstuhl Besitz genommen.
Nicht Thangmar allein, der ihm so nahe stand,auch die andern Priester und das ganze Volk, sie alleahnten und fühlten, daß mit Bernwards Einzug dieMorgenröthe einer neuen, einer großen Zeit für Stadtund Stift Hildcshcim angebrochen sei.
Ende des ersten Theiles.
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II. Theil.
I.
In der Kaiserpfalz zu Aachen .
Da saß cr, als ob er tickte,Angethan im völl'gcn Schmuck;In der rechten Hand deö KaisersLag daS Evcmgclienbuch.
Nückert.
Man schrieb das Jahr Eintausend nach Christi ,unseres Herrn, Geburt.
Die Welt war aufgeregt. Voll banger Erwartungharrten die Völker des bevorstehenden Untergangs derDinge. Die Weissagung der Apokalypse bezog die Mensch-heit auf das baldige Weitende:
„Wann vollendet sein werden die tausend Jahre,wird der Satan gelöst werden aus seinem Kerker; undcr wird ausgehen und verführen die Völker an den vierEnden der Erde, den Gog und den Magog, und wirdsie versammeln zum Gefecht, deren Zahl ist wie derSand am Meere."
Also lautete die Prophezeiung dcS hl. Johannes.
Sie wurde nachdrücklicher gemacht durch ausfallendeZeichen am Himmel und auf der Erde. Ein großerKomet stieg am Himmel empor: auch geschah es- daßzu derselben Zeit ein furchtbares Erdbeben durch ganzEuropa ging. Eine Sonnenfinsternis; schreckte die Seelen,ein Nordlicht zag herauf und machte die Nacht zürn Tage.
Das hatte auf die erregten Gemüther schreckhaftenEindruck gemacht, hatte die Einbildungskraft der Völkerkrankhaft gesteigert. Da war Keiner, der dem Verlaufdes Jahres Eintausend mit Gleichgiltigkeit entgegensah.
Auf dem deutschen Kaiserthron saß ein schwärme-rischer Jüngling von zwanzig Jahren, ein phantastischerTräumer, jedoch erfüllt von dem Bewußtsein der hohenAufgabe, die ihm zu Theil geworden war.
In Ottos III. für alles Ideale glühender Seelestritten stolze Wcltherrschlust und ascetische Weltenlsagungum die Oberhand. Mit fünfzehn Jahren schon hatte ersclbstständig die volle Negieruugsgewalt übernommen.In Nom hatte Papst Gregor V. am Himmelfahrtstage996 dem sechzehnjährigen Otto die Kaiserkrone auf'sHaupt gesetzt.
Ein Wendenanfstand an den Ufern der Elbe riefden ganz von den Eindrücken der alten Cäsarcnstadt,von den Erinnerungen an die alte Nömerherrlichkeit er-füllten Kaiser nach seinem Deutschland zurück, um denRäubern eine Niederlage beizubringen. >
Bald aber zog Otto von Neuem mit großer Hceres-macht nach der ewigen Noma, nach dem Mittelpunktedes kirchlichen Reiches und der abendländischen Cultur .
Nichts Geringeres als die Wiederherstellung desantiken Kaisertums in einer neuen Weltmonarchir er-strebte er. So wollte er das deutsche Kaiserthum aufden Gipfel der Vollendung führen. Das war sein welt-liches Ziel.
Als nun sein tiefblickender Lehrer Gerbert , der vor-malige Erzbischaf von Navenna, am zweiten April 999als Papst Sylvester II. den Stuhl Petri bestieg, dawetteiferte der junge Kaiser mit dcm Papste in derWiederbelebung des christlichen Sinnes und in der Sorgeum die Kirche, in deren Blüthe er, wie die Besten dcKarolinger, das Gedeihen der christlichen Reiche sah.Ja, die engste, werktätigste Verbindung der geistlichenund weltlichen Macht erstrebte er, damit das Reich GotteSauf Erden begründet und die Wünsche Aller zu demeinen hohen Ziel gelenkt würden.
So nahm er seinen Herrschersitz in der alten Kaiser-stadt, die, glorreicher als je, Gebieterin der Welt werdensollte. Doch mitten in den größten Erfolgen, auf derHöhe des Ansehens war er von dem Gefühle der Nich-tigkeit aller irdischen Macht vor Gott auf daS lebhaf-teste erfüllt.
Zu Ende des Christmonats 999 entschloß Otto sichdie Alpen zu übersteigen und eine Wallfahrt zu unter-nehmen, um Trost und Halt zu suchen am Grabe seinesFreundes, des mit der Martyrerkrone geschmückten heili-gen Ndalbert in Gnesen . Hier begründete er als dauern-des Denkmal seiner Anwesenheit das Erzbisthum fürPolen . Dann zog cr nach seiner deutschen Heimath.In Magdeburg feuerte er Palmensonntag und in Qued-linburg das Osterfest. Darauf fuhr er mit großemEhrengelcitc aus allen deutschen Gauen über Mainz undKöln nach Aachen , der zweiten Hauptstadt des Reiches.
Aachen war ihm wegen der Erinnerung an Karlden Großen der liebste Aufenthalt. Dort in dcm Palaste,in den glänzenden Hallen Karls hielt er Hos; dort feierteer das liebliche Pfingstfesi. -
Während der drei Wochen seines Aufenthaltes ge-wahrte man in dcm bunten, heitern Leben, welches sichin der fränkischen Kaiscrstadt entfaltete, nichts von der! düstern Stimmung jener Zeit. Bunt war das bewegte