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Treiben auf den Gassen. Alle Sprachen schwirrtendurcheinander; denn aus aller Herren Ländern warenVölker hier zusammengekommen. Lustig und lebhaft ginges allerorten zu, und nicht am wenigsten laut war esam Abende des Pfingstsonntags, am neunzehnten desWonnemonats, in der großen Säulenhalle der Kaiser-pfalz, allwo Höflinge, Kämmerer, Domschüler, Pagenund KriegSleute am Bautet theilnehmen durften, wäh-rend der Kaiser mit wenig Auserlesenen droben im hohenSaale beim Festmahle sah.
Die fackclbelenchtete, säulendnrchtheilte Halle botdem Auge ein buntphantastisches Bild dar.
Verwandte Geister finden sich überall, das sah manan den lebhaft bewegten Gruppenbildungen.
11m das obere Ende einer langen Tafel schaartesich eine Zahl von jungen Männern: langlockige Kunst-jünger, blonde Sachscnsprossen, wie sie dem gelehrten,kunstsinnigen Bischof Bernward von Hildeshcim, so aufdringenden Wunsch des Kaisers mit hierher gekommenwar, aus Wegen und Stegen zu folgen Pflegten, waffen-kundige Krieger aus allen Ländern, geschmeidige Höf-linge italienischer Herkunft und fröhliche Rheinländer,die der Kunst hold waren. Sie alle lauschten aufmerk-sam dem begeisterten Vortrage eines schlanken Jünglings,dessen feingeschnittenes Antlitz von langen blonden Lockenumrahmt war.
Ein Aachener Patriciersohn, dessen gediegene Naths-herrnkette gar wunderlich zu seinem frischen jungen Ge-sichte stand, rief dem Redner halb bewundernd, halbeifersüchtig zu:
„Wenn Ihr Hildcsheimer Herren nicht mit Wortenprunkt und dem so ist, wie Ihr sagt, so wird die Kunst-schule Eueres Bischofs an Ruf gar bald dem Eucrerberühmten Domschule gleichkommen und Euere Stadt diehervorragendste Kulturstätte Deutschlands werden."
Ein Magdeburger Edclkuappe im Kriegskleide be-stätigte eifrig:
„Es wird so sein, wie Herr Heribert aus Hildcs-heim uns berichtet. Bischof Bernward leuchtet Allenvoran durch Kenntnisse und Leistungen. Er ist selbstausübender Künstler. Da ist fürwahr keine Kunst, soer nicht mit Geist und Geschick versucht. Bei meinemAufenthalt in Hildeshcim sah ich ihn mit dem Schurz-fell bekleidet, mit Hammer und Meißel in der Hand denKunstjüngern Unterricht ertheilen. Ich sah ihn, wie eralle Werkstätten, die der Stcinmctze, der Bildhauer, derErzgießer, der Goldschmiede durchwanderte, hier belehrte,dort Rath ertheilte, da ermnthigte und überall schöpferischeBegeisterung weckte."
Des blonden Heribert Augen leuchteten. Er sprachmit Bewegung:
„Erkennet, Ihr Herren, daran, wie sehr unserbischöflicher Fürst für die Hebung seiner heimischen Kunst-schule sorgt, daß er immer etwelche seiner Schüler mit-nimmt auf Reisen an den Hof oder zu Reichstagen, aufdaß Jedem in seinem Fache Gelegenheit werde zur mög-lichst vollkommenen Ausbildung. Dabei mahnet er immer-dar, uns in allem zu üben, was in irgend einer Kunstals das Würdigste sich darbietet."
„Mit Verlaub, Herr Heribert," also rief ein schwarz-lockiger Mainzer, der im Neustem sich kaum von dendunkeläugigen gebrannten Römern unterschied, vorlautdazwischen, „verrathet uns doch, welche dex ehrsamenKünste Ihr als Euer Fach anseht."
! Da schüttelte der ernste Sachse mit lustigem Lachen! die blonden Mähnen zurück.
„Darin geht's mir just, wie unserm gelehrten Mei-ster. In rastlosem Eifer strebe ich nach der Kunst, edleSteine in Gold zu fassen, Metalle zu schmieden, Erzbildnerisch zu gießen. Ich möchte die Gesetze der Archi-tektur gründlich kennen lernen, die Malerei mit Fein-heit üben und mir die Bildhauerkunst zu eigen machen.Ja, in allem dem möchte ich es dem Meister nachthun;und das gelingt mir vielleicht später unter dem Einflußseines herrlichen Geistes. In einem freilich wird Keinerihn annähernd erreichen, in seiner tiefen Gelehrtheit undBücherweisheit."
Der Aachener Magistratsherr wiegte bedenklich denrothwangigen Kopf, er hatte ein Häkchen gefunden:
„So wird Euer die Wissenschaften und Künste alsopflegender und fördernder, ja sich ganz denen hingeben-der Landesherr nicht viel zum heute so nöthigen Schutzeund zur Grenzvcrtheidignng seines Sprengels zu thunvermögen."
„Oho, Herr Nathsherr, da habt Ihr gründlich fehl-geschossen!" rief in ehrlicher Entrüstung ein keck drein-schauender Kricgsmann mit spitz cmporgedrehtem Schnurr-bart. —
„In mir seht Ihr Graf Bardo, der als Befehls-haber auf der Beste Mundburg in bischöflichen Dienstensteht. Solche Beste hat der Gelehrte mit großem Geschickam Zusammenfluß der Ocker und der Aller erbaut undnoch eine zweite, durch Gräben gesicherte, sehr feste Burgbei Wirinholt errichtet zum Schutz gegen die heidnischenNormannen und Slavcuvölker, so unsere Gauen ver-wüsteten. Auf die Kriegskunst versteht sich der Bischofso gut, wie auf die Bildnern und die Baukunst, unddas Schwert weiß er ebenso geschickt zu führen, wie dieRohrfcder und den Malerpinsel. Den hättet Ihr sehensollen, wie er an der Spitze seiner Mannen gegen dieFeinde zog, selber befehligte und dabei drcinschlug, daßdie Funken stoben. Nun haben wir Ruhe vor den nor-dischen Räubern."
Der junge Mainzer Edclhcrr suchte au dem dunklenFlaum über seiner Lippe zu drehen und warf neckisch hin:
„Bei so bcwandten weltmännischen Eigenschaftenwürde Euer hochgepricscner Kirchcnfürst auch lieber alsReichskanzler den Kaiser begleiten, als im Hildesheimer Lande Bischof sein."
„Schweigt, Gelbschnabel! Ihr könnt's freilich nichtwissen, denn dazumal lagt Ihr noch fast in den Win-deln. Als vor sieben Jahren die Hildesheimer Dom-geistlichkeit und der Hildeshcimische Adel just nach EurerStadt kam, um dem hochverdienten Lehrmeister des Kai-sers den Bischofsstuhl anzubieten, da hatte Herr Bern-ward schon dir Würde und das Amt eines Reichskanz-lers inne. Der Kaiser versprach ihm weltliche Machtund Herrlichkeit ohne Maß und bat ihn unter Thränen,am Hofe zu bleiben. Der Priester aber verschmähte dieweltlichen Ehren und folgte dem Rufe seines Volkes,worin er die Stimme Gottes erkannte."
„Herr Graf, für einen Kriegsmann wißt Ihr er-baulich genug die Worte zu setzen," meinte her AachenerNathsherr lächelnd, fügte aber ernst hinzu:
„Wahrlich, es gelüstet mich nun, die nähere Be-kanntschaft Eueres Bischofes zu machen. Er schaut justso erhaben und liebreich drein, wie der Apostel Johannesüber dem Altare unserer Kirche."