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dern und im Detail darzustellen, bedürfte es vielerSeiten. Jede auffallende Formation ist entsprechendbeleuchtet, nnd wirken besonders solch feine Gebilde amschönsten, die durch eine dahinter angebrachte Lampe durch-leuchtet sind und die zartesten Gewebe imitiren. Be-rühmt sind in dieser Hinsicht das Nordlicht, derMondschein, die Wäschehänge nnd vor allemder Vorhang, ein prächtiges Stalaltitengcbilde, dasan Merkwürdigkeit seines Gleichen vergeblich suchen wird:zartes, weißes Gewebe, den schönsten Faltenwurf imitirend,mit einer Bordüre oder Franse in Noth, Gelb und Braun-grün — wirklich wunderbar und einzig! —
Bcmcrleuswerth ist auch eine große, weite Grotte,der Tanzsaal, in welchem zu Pfingsten bei Orchester-klängen und großartiger Beleuchtung Ball gehalten wird,,der von 3—4000 Personen aus Nah und Fern srcquen-tirt wird. Wir treten nun in einen hochinteressantenGrottcngang, die Kaiser Franz Joseph- undElisabeth-Grotte, deren imposantester Theil dasBelvedere ist, ein erhöhtes Plateau, das auch einDenkmal trägt zur Erinnerung an die Anwesenheit derkaiserlichen Majestäten Franz Joseph I. und Elisabeth.Von hier genießt man einen sehr esscctvollen Blick inverschiedene Höhlcnweilungen, theils beleuchtet, theils irrschwarzer Nacht gähnend, die 34 m in der Höhe, 203 min der Breite und 195 m in der Länge sich ausdehnensollen.
Nun kommt noch die Maria Anna-Grotte,reich an schönen Formationen und Farbcnwcchsel, durchwelche wir an den höchsten und interessantesten Pmütgelangen, an den großen Calvaricnberg, einSchaustück, wie die allgewaltige Natur in ungestörtemWalten von Jahrtausenden und Abertausenden kaum zumzweiten Male hervorgezaubert haben wird. Derselbeträgt eine Unzahl größerer und kleinerer der bizarrstenStalagmiten, die gleich wallendem Äolk im Aufstieg zurHöhe des 40 irr hohen Steinberges erstarrt in den ver-schiedensten Grnppenbildnngen sich darstellen. In allenFarben schillern sie; kaum umfaßt der überraschte Blickdie Menge der Herrlichkeit, und geblendet erklimmen auchwir auf Scrpcntinenpfaden die Höhe. Von da genießtman einen prächtigen Ueberblick über die märchenhaften,grotesken Gebilde, über den erhabenen Raum nnd diefeenhafte Scenerie — ein herrliches Miltclstück in derdurchwanderten Traumwelt, ein gewaltiges, großartigesNaturschauspiel. Auch beim ziemlich steilen Abstiege vornCalvarimbcrg und beim Rückwege durch einen neuenGrottcngang begegnen wir noch vielen auffallend gebildetenTropfsteinen, wie der zierliche Papagei, dann eine 10 mhohe prächtige Säule, der eine Säulcn-Allce folgt. —die über 4 m dicke umgestürzte Säule, welcher eine zweite2 m dicke entwachsen ist, der obengeuannte berühmte Vor-hang, die Cyprcsse rc. rc.
Wir sind am Ende unserer Grottensahrt und be-finden uns bereits in bekannten Hallen. Wie ein Mär-chen aus Tausend und einer Nacht entschwanden uns diepaar Stunden unterirdischen Wandcrns, und unwillkür-lich drängt sich mir der Gedanke auf, es kann nur dieKenntniß der Alten von solchen Grottenräumen gewesensein, der die Entstehung all der wunderbaren Erzählungenund Sagen aus der Vorzeit zu danken ist — Räume, derenunterirdische Feentempel und Brillantschlösser mit denwundersam verzauberten Menschen- und Thiergestalrender Phantasie reichen Spielraum zu märchenhaften Er-
findungen bieten. Die Wirkung, welche der Grollen-besuch anf den Einzelnen übte, war eine sichtlich ver-schiedene, je nach Stimmung und Gcmülhsverfassung;um von uns beiden zu reden, konnte ich mich kaumtrennen von all dem Außerordentlichen, Wundersamen;die Erste beim Eintritt, wurde ich beim AuStritt dieAllerletzte der Nachzügler, und wich nicht eher, als bisder letzte der Führer die Lichter hinter mir verlöschte, —indeß mein Gefährte vorwärts stürmte, als peitschten ihnlebendig gewordene, gnomenhafte Gestalten; sein ganzesFühlen war: „Außi möcht' i!" — auch eine Wirkungder grandiosen Erscheinungen, der ungewöhnlichen Lustund Umgebung, die den einen fesselt, den andern drückt.
Um nun zur Chciraltcrisirung der Grotten von Otok ,Adelsberg und der später, besuchten St. EanzianSgrottenbei Divaca zu gelangen, glaube ich sagen zu dürfen, daßdie Otoker Grotte die Lieblichkeit, Zartheit, Jungfräulich-keit vertritt — ein Krhstallpalast, weiß angethan und mitBrillanten geschmückt, — die Adelsbergcr Grotte durchden Eindruck der Erhabenheit und Vielseitigkeit bannt;die St. Canziansgrotten aber, tragen die Gesetze desUeberwülügenden, Schauerlichen an sich, und sie würden,wenn nicht die unleugbar sicheren Weg-Anlagen undSchutzvorrichtungen die Nähe des MenschengcistcS fühl-bar machten, zuweilen ein grauenhaftes Entsetzen her-vorrufen.
Niemand aber wird es gereuen, die Wunder derUnterwelt im Karste beschaut zu haben, die ihm n'.ibcr-gcßliche Eindrücke sür'S Leben gewähren.
VI.
Die St. CanzianS-Grottcn an der Neka.
Als Ausgangspunkt für den Besuch der St. CanzianS-Grottcn wird die Station Divaca gewählt. Der Wegvon hier führt auf der Landstraße, dir von Feldern,Wiesen, kleinen Bäumen begrenzt ist, nach dem DorfeLesece. Sofort bemerken wir die rothe Markirnng desWeges seitens der AlpenvercinSfcction, die uns bisMatavun begleitet. Das frugale Mittagsmahl in Divacatheilten wir mit einem Marincbeamten aus Pola, einemgeborenen Opfcrpfälzrr, und seiner kleinen dicken Frau,einer Slovcnin, die in gleicher Absicht wie wir hichcrgekommen waren nnd in deren Gesellschaft wir die Partieunternahmen.
Lesece ist ein kleines Dorf; man geht an der frei-stehenden, von Bäumen beschatteten, niederen Kirche vor-bei, dann kommt rechts noch ein Gehöft, hinter dem derFußweg beginnt, und damit auch verändertes Terrain:wildes Brombeergestrüpp mit großen, überreifen, süßenBeeren zwischen dem überall hervortretenden Gestein desKarstes; rechts und links große Dolincn, deren Sohlemit Mais und Buchweizen bebaut ist. Nach einigerZeit schmiegt sich der Weg rechts an größere Felspartien,während links ein jäh abfallender Abgrund sich öffnet,eine weite Doline, von schroffen Felswänden umgeben;über der gegenüberliegenden Wand sehen wir den schlankenKirchthurm von St. Canzian und das die Kirche um-gebende Dorf. Der Weg zieht sich nun leicht abwärtszwischen jungem Wald, und bald sehen wir über demhellgrünen Laubwerk lustig ein paar roth-weiße Fähnleinflattern. Froh begrüßen wir nach ^ Stunden raschenGanges das ersehnte Ziel.
Wir stehen auf der Stefanien-Warte. Uebereine Mauerbrüstnng gelehnt, sehen wir hinab in den