Ausgabe 
(13.11.1894) 92
Seite
713
 
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^L92.

1894

Augsburger Post;eitung".

Vivstag, den 13. November

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg.

Druck und Verlag des Literarü'chen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg ( Vorbesitzer Dr. Mar Huttler).

Hernwarü von Hildesheim.

Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt.

(Fortsetzung.)

Breite, mit Teppichen belegte und mit Pflanzengeschmückte Marmorstufcn führten ihn zu dem kuppel-bekrönten achteckigen Prunksaal, wo der Kaiser und seineerlesenen Gäste den Sänger erwarteten.

Karl dem Großen hatten bei der Errichtung desPalastes in seiner Lieblingsstadt Aachen die dazumal nocherhaltenen Kaiserpaläste in Rom als Vorbild gedient.Seine majestätischen Hallen vereinigten in sich alles, wasdem Mächtigen an technischem Geschick, an Pracht desMaterials und an Reichthum der Ausstattung zu Gebotestand. Otto III. nun gar, der für die Pracht der spätenrömischen Kaiserzeit schwärmte, hatte sich bestrebt, seinenAufenthaltsort so glanzvoll wie möglich zu gestalten.

Wer beschreibt die Pracht, den märchenhaften Reiz,so Heriberts fast geblendete Augen im Kuppelsaal er-schauten! Kostbare babylonische Gewebe bedeckten inheiterer Farbengluth Wände und Fußboden. Marmor-bilder hoben sich von den tiefen goldschimmernden Nischender Wände ab. Von Säule zu Säule zogen sich silber-und goldglitzernde Gewinde hin über die halbmondförmigeTafel, so mit silbernem und goldenem Geräth von aus-gezeichneter Schönheit bedeckt war.

Diese Tafelrunde vereinigte neun Gäste, ganz nachArt der römischen Festmahle.

Ottos jugendschöne Gestalt war mit großer Prachtin altrömische Gewandung gekleidet. Ueber sein faltigesUnterkleid von feinstem weißem Byssus mit breiter Gold-borte fiel eine rosenfarbene Chlamys, eine silberschim-mernde, reich mit Edelsteinen und Perlen gezierte Tunikaund eine goldene Toga, auf welcher mit Edelsteinen diedrei Welttheile Asien, Afrika und Europa abgebildetwaren, zum Zeichen, daß der Kaiser Herr des Erdkrei-ses sei.

Der Kaiser aller Kaiser," wie er sich nannte, hatteseinen Sitz höher, als die Uebrigen, allein an halbkreis-förmigem Tische, der sich jedoch der großen Tafelrundeanschloß, so daß die Bischöfe von Mainz und Hildes-heim, Willegis und Bernward, zu seiner Rechten und zuseiner Linken saßen. Auf die blonden Locken hatte derjunge Kaiser phantastisch einen Kranz frischer Rosen ge-legt, und die Gäste mit Ausnahme der beiden Bischöfe,hatten's dem kaiserlichen Herrn nachgethan und nach

Ottos Wunsch ihre fürstlichen und gräflichen Häuptermit Rosen geschmückt. Desgleichen hatten Alle duftigeRosenblätter in ihre mit goldenem Rheinwein gefülltenkostbaren Trinkschalen gestreut.

Das war ein Bild, um es mit Stift und Pinselzu verewigen.

Heribert dachte an das Gastmahl des Lucull. SeineKünstleraugen leuchteten. Er hatte nie so Schönes undStrahlendes erschaut und konnte vor Bewunderung sichkaum fassen.

Der Truchseß, Graf Tammo, mußte ihn durch einFlüsterwort an das erinnern, wozu er gekommen war.

Als er dann sich tief vor dem schönen Kniserjüng-ling neigte, redete dieser ihn freundlich an:

Herr Bernward von Hildesheim sagte wir, daßIhr einen ergreifenden Sang vom jüngsten Tag, vomWeltgericht, vorzutragen wißt. Ich möchte die Dicht-ung hören."

Heribert sah staunend um sich. Den Sang vomWeltende in diesem Festgelage, in dieser prunkvollen Um-gebung?

Der Kaiser verstand fein Befremden.

Ihr höret recht. Ich begehre hier im heitern Fest-saal den ernsten Sang zu hören, der ein Zeugniß fürdie Stimmung unserer Zeit ist. Beginnt also."

Eine Weile bedurfte Heribert der Sammlung.Dann griff er in die Saiten und begann mit starker,tönender Stimme:

Horch' auf, o Erde, höre, hört ihr großen Meere!

Horch' auf, o Mensch! denn es gilt allen,

Die unter der Sonne wallen.

Es kommt, es naht der Tag des Zorns, des schweren,

Der grause Tag. der bittre Tag,

An dem der Himmel weicht,

Die Sonn' wird roth, der Mond erbleicht;

Der Tag wird Nacht,

Zur Erde stürzt der Sterne Pracht.

Elende weh! Elende weh!

Was rennst Du, Mensch, den Freuden nach!"

So erscholl der furchtbare Mahnruf erschütterndvon seinen Lippen. Er weckte mächtigen Wiederhol! inden Herzen derer, die mit athemlosem Schweigen ihmlauschten. Da war kein Hörer, dessen Antlitz bei Hcri-berts großartigem Vortrug nicht bleicher geworden wäre.Wie Geisterhauch, wie ein Schatten aus dem Jenseits,ging es durch den Saal. Brannten die Wachskerzenplötzlich dunkler, oder wirkte der düstere Sang mit sol-cher Macht auf die Einbildung, daß alles in trübe