Ausgabe 
(13.11.1894) 92
Seite
714
 
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Schatten verschwamm? Es blieb still, wie in derKirche, lange nachdem der Sänger geendet.

Der Kaiser erhob sich.

Wir sind in der rechten Stimmung zu meinemBeginnen", sprach er ernst.

Heribert, ich danke Euch! Nehmt die Fackel undleuchtet uns voran. Ihr seid Steinmetz; es könnte indieser Nacht noch Arbeit für Euch geben. Ihr Herren,so Ihr Muth habt, folget uns."

Die Geladenen sahen einander betroffen an. Wasmochte Otto im Schilde führen? Mehr als einer bliebschweigend zurück oder verlor sich unterwegs verstohlenin einem Seitengang der Vorhalle.

Nach dem Dommünster, auf dessen Riesenformender Mond sein bleiches Licht goß, mußte Heribert, derWeisung des Kaisers gemäß, mit seiner Fackel voran-schreiten.

Dem Kaiser folgten nur mehr die Bischöfe Bern -ward und Willegis, sowie die Grafen Tammo vonSommerschenburg und Otto vonLomello.

Auf Ottos leises Pochen wurdedie eiserne Pforte geöffnet.

Ist alles bereit?" fragte derKaiser gedämpft.

Ganz nachWunsch, kaiserlicherHerr!" lautete die im Flüster-töne gegebene Antwort.

Alle traten ein und bekreuztensich mit Weihwasser.

TiefeNacht,Grabesstille herrschtean der heiligen Stätte.

Heriberts Fackel beleuchtete hierund dort einen Pfeiler, einen Ge-wölbebogen mit flackerndem Licht.

Da im Hintergründe aberwarfen rothglühende Fackeln denzuckenden Schein auf einen Halb-kreis ernster Männer, die, mitmächtigen Leder-Schurzfellen be-kleidet , mit Grabscheiten undHacken schweigend und regungs-los wie Bildsäulen eine offeneGruft umstanden. Eine Grab-platte Mit verwischter Inschrift, gewaltige Quadersteine la-gen weggewälzt zur Seite.

Dorthin richtete der Kaiser seinen Schritt.

Steinstufen wurden sichtbar.

Schon setzte der hochgemuthe Jüngling mit raschemEntschluß seinen Fuß auf die Marmortreppe, da tratBischof Bernward, sein ehemaliger Erzieher und innigsterVertrauter, vor und sprach die warnenden Worte:

Mein Otto, es ist gefährlich, die heilige Ruhe desTodes zu stören. Wer nach dem Schatten hascht, demlöscht er gar leicht das eigene Licht aus."

Otto winkte abwehrend.

O laßt mich! Ich muß den großen Todten sehen,muß in des Geistesgewaltigen Gruft mir die rechte Weihe,Kraft und Muth zum Herrscherthum erflehen!"

Zu Heribert gewandt, fügte er ungeduldig hinzu:

Habt Ihr das Herz, uns in die Gruft des größ-ten deutschen Helden voranzuleuchten, so steigt hier hinab.Zagt Ihr, so gebt die Fackel her. Ich selber werde sietragen."

Kaiser Nikolaus II. von Rußland .

Heribert aber begann unverzüglich, fast hastig nie-derzusteigen.

Moderluft schlug ihm entgegen. Das hemmte seineneiligen Schritt nicht. Er wußte ja, daß er in ein Grab-gewölbe stieg.

Nun war er, waren Alle unten.

Marmorsäulen beleuchtete seine Fackel.

Dort zwischen den Säulen gewahrte er einen mäch-tigen Thronhimmel, und auf dem Marmorthrone esfuhr erschütternd ihm durch Mark und Bein-

Auf dem Throne saß aufrecht in hehrer, gewaltigerMajestät, in der starren Majestät des Todes, umwalltvon verblichenen Prachtgewändern, die irdische Hülle KaiserKarls des Großen. Vor fast zwei Jahrhunderten schonhatte die Seele sich von dieser Hülle getrennt.

Nieder aus die Knie zog es den Jüngling mit er-greifender Macht.

O Herr, sei meiner Seele gnädig I O großer KaiserKarl, Verzeihung für den Einbruch in Deine geheiligteRuhestätte!" rang es sich halbunbewußt aus seiner Brust her-vor.

Das flackernde Licht der seinerzitternden Hand fast entgleiten-den Fackel beleuchtete grell denmajestätischen Todten.

Da saß Karl der Große , wieer lebte, auf dem Haupte diegoldene Kaiserkrone, das Scepterin der knöchernen Hand, dasEvangelienbuch aufdem Schooße.Sein weißer Bart wallte bis zudem Buche nieder, langes weißesHaar umgab sein farbloses Antlitz.Es war, als ob er die todtenAugen aufschlagen müsse, um miteinem Blick den Eindringlingenzu wehren.

Welche Gefühle durchschauertenden jungen Otto bei diesem An-blick! Er sank in den Staubvor der im Tode mit so geheim-nißvoller Majestät umgebenenirdischen Hülle seines Vorgängers.

Zugleich mit ihm kniete sein Gefolge tief ergriffenund von Ehrfurcht überwältigt vor der hoheitsvollenLeiche nieder.

Lange, lange lag der Kaiser zu Füßen des Todtenweltentrückt in wortlosem Gebet für die Seelenruhe deslängst Dahingegangenen, in heißem Flehen um die Kraft,ihm ähnlich zu werden. Mit begeistertem Ausdruck er-hob er sich dann, trat ehrerbietig näher und legte seineHände zu denen des Todten auf das Evangelienbuch:

Großer Karl, hier bei diesen heiligen EvangelienGottes schwöre ich, daß ich, Dein würdiger Nachfolger,Dein Volk in Güte regieren und immer den Willen desHerrn nach Kräften erfüllen will. Möge die Erinner-ung an Deine Größe mir steten Muth in trüben Stun-den verleihen!"

Mit Schaudern und Ergriffenheit sahen die An-dern, wie der Jüngling eine Kette mit goldenem Kreuzvom Halse der Leiche nahm und sich selber umhing.Wehmüthige Ahnungen beschlichen unwillkürlich ihre Seelen.

Otto sprach: