Ausgabe 
(16.11.1894) 93
Seite
721
 
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HL 93.

Ireiiag, den 16 . November

1894.

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesitzer Dr. Max Huttler) .

DrrmvarÄ vou Mdesheim.

Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt.

(Fortsetzung.)

II.

DaS BernwardSkreuz.

So lag nun schier vollendet.in jugendlichem

Reiz.

Vor seinem edlen Meister das graße gold'ne

Kreuz.

Das war ein stetig Wachsen und Gedeihen derguten Stadt Hildeshcim, seit vor sieben Jahren HerrVcrnward den Bischofsstuhl eingenommen hatte.

Der gelehrte Bischof Bernward war ein rechter Vaterfür seine Unterthanen: ebenso gut wie klug, ebenso ge-recht wie mildthätig. Fromm, weise, kunstsinnig undkricgsgewnndt, also priesen ihn die Untergebenen.

Was nun seine berühmte Kunstschule betraf, so erzuerst auf dem Domhofe unter dem bescheidenen Namen:Werkstätten zur Betreibung von edlen Künsten, errichtethatte, so war durch Znströmung selbige allgemach sozahlreich an Schülern aus allen Ständen geworden, daßein weiter Plan, ein vor Kurzem erst dem Urwalds ab-gezwungener Wiesenplan im Norden der Stadt, kaumgenügte, um alle die Werkstätten zu umschließen, allwoMetalle zu unterschiedlichem Gebrauch verarbeitet wurden,wo Ziegel nach Bischof BernwardS eigener Erfindungzur Dachbedeckung gebräunt wurden, wo Jünglinge dieKunst der Malerei, der Bildnerei und des Hausbauesgründlich erlernten. Für Jeden gab es da Unterweisung,und zwar meistens durch Herrn Bernward selber.

Dessen liebste Erholung war es, gleichermaßen alsMissionär der Kunst die Werkstätten zu besuchen unddas Wissen und Können der Jünger nach Möglichkeitzu vertiefen und auszudehnen. Dabei verfolgte er denbestimmten Zweck: Alles zum Dienste, zur Ehre undVerherrlichung unseres lieben Herrn und Gottes!

Es war ihm eine große Freude, zu sehen, mitwelcher Schaffenslust die jungen Künstler unter seinergelehrten Leitung miteinander arbeiteten, einander halfen,einander ergänzten. Das war ein reges, ein frisch-fröh-liches Künstlerwetteisern auf der weiten Wiese.Frommund froh I" so hieß der Wahlspruch der Bernwardsschüler.

Eines Tages, das Sonnenlicht war falber, dieBlätter gelber und röther geworden, die Schwalbenwollten wegziehen, es war im Anfang des Herbstmonats

Eintausend, da stand ein fahrender Schüler im kurzenMäntelein mitten auf dem von Werkstätten umgebenePlan. Er hielt eine lange wohlklingende Rede zu Ehrender Kunst im allgemeinen, insbesondere aber zu Ehrender Kunst des heiligen Evangelisten Lnkas, nämlich derMalerei. Hier und dorten kamen die Kunstjünger aus denHütten hervor und lauschten begierig des Fremden Wor-ten, die Einen andächtig, die Andern lachend.

Feuergeist l" urtheilten Diese.

Windiger Schwärmer!" Jene.

Welch' schöner Kopf!" flüsterten die Jüngsten.Ihnen war der wohlgesetzten Rede Sinn nicht klar, aberderen feine Wendungen machten desto tiefern Eindruckauf sie.

Der ist wohl in Noth um ein Obdach," meinteLndolf, ein erfahrener Erzgießer.

Er wird die Schlafstätte auch finden, so er eben-solch' guten Willen bezeigt, wie seine schönen Wortsverrathen," sprach Bruno, der Steinmetz.

Etliche der jungen Schüler aber umringten denFremden, fragtenwoher und wohin", und was er könne.

Der fuhr mit fünf Fingern durch die üppigenschwarzen Locken und gab gern Bescheid, daß er Klansgenannt sei, daß er vom großen Nheinstrom komme,allwo er die Malkunst erlernt habe und woselbst er vomNahm der Hildesheimer Schule vernommen, und daß erhier zu bleiben gedenke, falls der bischöfliche Herr ihnaufnehme.

Dann mußt Du aber Dich unter die geschicktenHände Folkards begeben und Dein wirres Gelocke ver-schneiden und kürzen lassen, auf daß Du nicht mehrCanis, dem Schulpudel, gleichest," ermähnte ihn garweise Dedi, der kleinste und wohlgescheiteltste der Schüler.

Da trat ein hoher, ehrfurchtgebietender Priester aufden Plan. Der mochte wohl eine Weile unbemerkt zu-horchend im Hintergründe gestanden haben. Bei allerSchlichtheit hatte der Mann ein gewaltig zwingendesWesen; und als er die Worte:Gott zum Gruß!" sprach,da ließ der Fremdling sich auf ein Knie nieder, um denbischöflichen Segen zu erbitten. Auch ohne daß es ihmEiner gesagt, wußte er, daß der Bischof Bernward vorihm stehe.

Was Du zu den Schülern gesprochen, habe ich ver-nommen," redete dieser ihn wohlwollend an.Arbeitfür einen Lernbegierigen haben wir immer. Komm mitmir und zeige mix, was Du kannst."