730
Bernrvarü von Hilüesheim.
Erzählung aus dem zehnten Jahrhundert von Antonie Haupt. !
(Fortsetzung.) ^
III. !
Im Hause Diethelms.
Mir war ein andres Ziel gestellt,
Mir bleibt nicht Zeit zu süßen Weisen.Oft war die Brust wohl hochgeschwellt;Doch „schaffen, schaffen!" rief die Welt,Und rüstig griff ich nach dem Eilen. >
Weber. ^
In der weitläufigen Dom-Bücherei sah es am Früh- .
morgen deS vierzehnten Tages im Herbstmonate gar be- jhaglich aus. Ein großes Feuer loderte im Kamin, undKienfackeln beleuchteten die mächtigen in Schweinsledergebundenen Folianten, so zwischen den Säulen auf hohenGestellen sich aneinander reihten. j
Drinnen waltete ruhig und umsichtig Herr Ekkehard. ^Der war ein Sachsensproß aus dem nahen Harsum. Erhatte einstmals mit Bischof Bernward zugleich zu Thang-mars Füßen gesessen, so damals Vorsteher der Dom-schule und heute Domdecan war. Herr Ekkehard aberwar inzwischen Bischof von Schleswig geworden. DieWenden jedoch hatten ihn von seinem Bischofssitz ver-trieben. Da hatte alsdann der Flüchtling offene Armegefunden in Hildesheim bei seinem Mitschüler, dem Bischof,und bei seinem Lehrmeister, dem Decan. Nach bestenKräften waltete er hier und dorten und nahm insbeson-dere sich mit Liebe und Geschick der Dom-Bücherei an.
„Unser heiliger Bischof Altfried möge Euch droben ,den Dienst gedenken, den Ihr seinem Stift mit dem ^Ordnen der Wissenschaften leistet," sprach eine tiefeStimme vom Eingang her, und die kraftvolle GestaltHerrn Thangmars erschien auf der Schwelle. Selbigertrat näher und erzählte nicht ohne Ingrimm: j
„Vernehmt nur, der Mainzer Erzbischof sendet ebenein Pergament mit der Botschaft, daß er aus eigenerMachtvollkommenheit die Kirchweihe zu Gandersheim aufdas Matthäusfest verlegt habe, und daß unser bischöf-licher Herr ihm ungesäumt an besagtem Tage entgegen-kommen solle."
„Wäre es möglich?" rief Ekkehard erregt.
„Es ist so," bestätigte Thangmar und fügte hinzu:„Der Mainzer Bote aber ist schon mit einem Schreibenunseres Herrn auf dem Heimweg, worin Herr Bernwardder Wahrheit gemäß dem Erzbischof meldet, er sei durchkaiserliche Aufträge in Anspruch genommen, mit wich-tigen Dingen beschäftigt und könne nicht, wie befohlen,am Matthäustage ihm entgegenkommen. Und so reisen. wir heute nach Gandersheim, die Einweihung zu voll-ziehen, wie die Aebtissin Gerberga ursprünglich be-stimmt hat."
„Recht sol" sprach Ekkehard. „Und Gottes Segengeleite Euch!"
„Dank für den guten Wunsch I Eine leichte Sacheist es nicht, die uns bevorsteht. Gehabt Euch wohl!"sagte Herr Thangmar und ging mit entschiedenen Schrittenvon dannen.
Das war am Feste Kreuzeserhöhung. ,
Sechs Wochen später finden wir den fremden Schü-ler Klaus vom Rhein gar traulich im Hause Diethelms.Auf der Kunstschule arbeitet der Strebsame tagsüber mitFeuereifer und Geschick; seine Kräfte wuchsen. Dieschöne Rast aber, die ihm sein Beruf des Abends frei-
ließ, durfte er nutzen zu herzerquickendem Thun. Manchlehrreich Gespräch mit seinem Gastherrn Diethelm konnt,er führen, manch traulich Stündlein mit Frau Giselaund Jungfrau Clothild verplaudern.
So saßen sie stets beschaulich des Abends beisam-men, sahen dem Sonnenuntergang zu, hörten die letztenLieder der Amsel. Dann nahm Clothild ihr Saitenspielund stimmte fromme Weisen an, zuerst den englischenGruß. Sie schaute fromm gegen den Abendhimmel undsang mit ihrer tiefen Altstimme:
„Gegrüßt seist Du, Maria!" und die Andern fielenein in ihren Gruß, und das Aveglöckchen des Marien-domes läutete sein Amen.
Bei diesem frommen Lied ließ Clothild es nichtbewenden, und Herr Klaus, der manchen neuen Sangund manche alte Mär, wie das Waltharilied und denSang von Hildebrand und Hadubrand zu singen wußteund selber Ton und Weise dazu finden konnte, gab derJungfrau an, wie sie das Saitenspiel handhaben mußte,um das, was er singen und sagen wollte, so wie es ihmum's Herz war, nach seinen Gedanken zu begleiten. Erfand eine verständige Freundin, eine Geistesgenosstn.Und die Musik redete von Herz zu Herzen. Zuweilenauch sang Klaus ohne Begleitung im Sprechtone: „Unsist in alten Mären Wunders viel gesagt von ruhmes-werthen Helden, von großer Kühnheit, von Freuden undvon Festen, von Weinen und von Klagen — von kühnerRecken Streiten möget ihr nun Wunder hören sagen."Dann lauschten Alle athemlos der Nibelungen Noth, bisder Sänger geendet.
Herr Klaus vom Rheine war wohlig zufrieden.Die Zeit verstrich ihm gleichmäßig ruhig und arbeit-bringend. Dankbar gab er sich Mühe, alles nach denWünschen feiner Gastleute zu machen.
So war in Meister Diethelms stillen Haushalt seitder Einkehr des rheinischen Gastes ein neuer froher Geistgezogen; nicht laute Lustigkeit, die paßte in das Hausebensowenig, wie in die Kirche, aber vollkommenere stilleFreude an den Künsten und verdoppelte Fröhlichkeit derHerzen im gegenseitigen Ermuntern zum Guten undEdeln. Das Aussprechen mit einander, die Wechselredenüber Kunst gaben neuen Stoff zu ernstem Nachdenken,zu fruchtbarem Schaffen.
Herrn Klaus schien es auch eine rechte Freude, zusehen, wie wirthlich und gewandt die anmuthige Clo-thilde alles zu ordnen wußte. Ein schlimmerer Punktaber war der: Wenn auch der Maler Klaus sehr wort-reich vow rheinischen Leben zu berichten wußte, so wurdeer redekarg, wenn er von sich selber, von seiner Ver-gangenheit, von seinen Verwandten erzählen sollte. Ersprach nur gerne von dem, was er heute zu schaffenvorhatte und zu leisten vermochte. Aber das Unausge-sprochene war ein Hemmniß im unbefangenen Verkehr.Das fühlten Alle.
Gegen Ende des Weinmonats, der freilich seinemNamen im nordischen Hildesheim gar wenig Ehre machte,saßen sie wie jeden Abend traulich in Meister DiethelmsWohnstube beisammen. Draußen gingen die Herbst-stürme, und drinnen sprühte das Kaminfeuer. Um daswarme, hellaufsprühende schaarte sich die Familie. Eswar ein gar freundliches Bild.
Wie ist doch die Welt so schön, so reich, wennFreunde sich aneinander schließen! Was der belebendeSonnenstrahl der Erde, das ist die herzliche Freundschaft